Die Philosophie der Juden. 469

wachenden Zustande, bei vollkommener Ruhe und ohne die Einbildungskraft nöthig zu haben.“ Man muss also wissen, dass Maimonides den Moses ausserhalb seiner Theorie stellt. Die Ausnahme ist ohne .Zweifel wichtig, aber diese Concession, die er nofchwendig der Orthodoxie hat machen müssen, lässt den wahren Charakter der Lehre desto deutlicher hervortreten*).

Da die Einbildungskraft das vorzüglichste Vermögen der Propheten ist, so muss mau, um Prophet zu sein, eine freie Einbildungskraft haben. Deshalb verlieren die Propheten, wenn sie Anfälle von Zorn oder Trauer haben, ihre Prophetengabe: ״Unser Stammvater Jakob, sagt Mai- monides, hatte während seiner Trauertage keine Offem barung, weil seine Einbildungskraft mit dem Verluste Jo- seph’s beschäftigt war.“ Eine andere Folge der vorwie- genden Stelle der Einbildungskraft ist, dass die Propheten nur in Allegorieen und Gleichnissen reden: ״Berge und. Hügel werden vor euch in Freude ausbrechen - und alle Bäume des Feldes werden in die Hände klatschen“ (Je- saias 55, 12). Hier ist augenscheinlich eine Metapher. Zuweilen aber können sich minder Einsichtige täuschen, wie wenn der Psalmist sagt: ״Er öffnete die Pforten des Himmels und liess ihnen Manna herabregnen“ (Psalm 78, 23 u. 24), oder ״Ich werde den Sünder aus meinem Buche auslöschen“ (Exodus 32, 34). ״Sie sollen vertilgt werden aus dem *Buche der Lebenden“ (Psalm 69, 29). Alles dies, bemerkt Maimonides, ist in bildlicher Form gesagt, denn der Himmel hat weder Thore noch Pforten, und es gibt kein Buch, in welches Gott die Namen der Menschen einschrefbt und aus dem er sie auslöscht.

Aber jetzt zeigt sich eine wichtigere Folge dieser Ein- bildungskraft, welche die Propheten wesentlich charakte-

'*) Dass Maimonides durch diese Aussage über Moses nicht der Offenbarung eine Concession macht, sondern seine innerste religiöse Ueberzeugung ausspriclU, ist Jedem klar, der nun׳ einigermassen mit Maimonides’ anderem grossen Werke, dem Jad Haehasaka, bekannt ist. Uebrigens erblickt auch Laisset in einer später folgenden Stelle keine Concession und hebt dieses als charakteristischen Unterschied zwischen M. und Spinoza hervor. F.