Leo Baeck
Vielleicht sind diese beiden Wissenschaften , die psycho¬
logische und die pädagogische , heute die , die am meisten
ins Leben hineingreifen . In ihnen beiden wirken Gedan¬
ken des Mannes fort , von dessen Kindheitserinnerungen die
folgenden Blätter Kunde geben . L . B .
Es war um das Jahr 1720 , als zwei
Brüder , Juden , von Landsberg a . d .
Warthe , ihrer Heimat , nach dem Städt¬
chen Gröbzig in Anhalt zogen . Es waren
hausierende Bücherhändler , welche auf der
Reise nach Amsterdam begriffen waren .
So jung die beiden Männer waren , moch¬
ten 6ie doch die Reise schon ein paar¬
mal zurückgelegt haben , unterwegs be¬
nutzte und unbenutzte hebräische Bücher
kaufend und verkaufend . Der Jüngere
war dieses fahrenden Lebens überdrüssig
geworden und faßte den Entschluß , sich
in Gröbzig niederzulassen .
Von den Verhältnissen der Arthaltiner
Juden jener Zeit bin ich nur wenig
unterrichtet ; doch scheint mir das Fol¬
gende nicht ungewiß und nicht ohne
Interesse :
Das Herzogtum Anhalt war in jener
Zeit in vier Fürstentümer geteilt , deren
jedes sich zu den Juden verschieden hielt .
In Zerhst wurden die Juden gar nicht
zugelassen . In Kothen sind sie wohl erst
spät , also in diesem Jahrhundert einge¬
wandert . In Bernburg und dem dazu¬
gehörigen Ballenstädt im Harz dagegen
sind sie wohl schon im siebzehnten Jahr¬
hundert eingewandert . Aus diesen ver¬
schiedenen Einwanderungen und verschie¬
denen Verhältnissen , unter denen die Ju¬
den in Anhalt lebten , ergaben sich na¬
türlicherweise verschiedene Charaktere
derselben . Nach Dessau wurden die Ju¬
den von dem berühmten Fürsten Leo¬
pold herbeigezogen . Es mochte dies eine
seiner Finanzoperationen sein : denn jeder
verheiratete Jude zahlte dem Herzog jähr¬
lich Schutz , der ihm gewisses Privilegium
gab . Er durfte mit Schnittwaren , auch
mit Materialwaren handeln , die Wolle
und Felle des Viehs der Bauern kaufen ,
und auch der Handel mit Metallwaren
war ihm gestattet , ebenso der Pferde¬
handel , aber kein Handwerk . Die Juden
durften Häuser erwerben oder auch
Ackerbau treiben ; der war den Waren¬
händlern freilich unmöglich , aber den
Pferdehändlern nicht unbequem . Infolge¬
dessen bildeten sich in Anhalt - Dessau
schnell einige mehr oder weniger blü¬
hende Gemeinden . Obenan stand die
jüdische Gemeinde zu Dessau , deren Vor¬
steher ein gewisses Aufsichtsrecht auch
über die anderen Gemeinden hatte ; wie
ebenso der Rabbiner von Dessau Land¬
rabbiner war . Berühmter aber war die
Gemeinde zu Jeßnitz durch eine hebräi¬
sche Buchdruckerei , aus welcher viele
vorzügliche Werke hervorgingen . Ich
nenne noch Gröbzig , Sandersleben ,
Wörlitz .
In Gröbzig ließ sich der junge Buch¬
händler , mein Urgroßvater , nieder . Sein
Bruder indessen zog weiter , und viele
Jahre vergingen , ohne daß sie vonein¬
ander hörten . Wie mein Urgroßvater Ela -
sar sein Leben verbrachte , weiß ich nicht .
Als er in seinem Alter wieder einmal
nach Amsterdam zog , kam er unterwegs
in einer holländischen Stadt an und be¬
absichtigte dort den Fasttag um die Zer¬
störung Jerusalems zu begehen . In der
Synagoge fragte ihn der Synagogendiener ,
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