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erscheinenden Werkes von dem zukünftigen
Verfasser ein kurzer orientierender Aufsatz
erschienen : Dr . Max Hildebert Boehm , Volks¬
theorie .
Schumann vertritt gegenüber diesen An¬
schauungen in seiner interessanten und wir¬
kungsvollen Rede einen konservativeren Stand¬
punkt . Ausgehend von der volkbildenden Be¬
deutung des Reichsgründungstages und an¬
derer nationaler Feiertage glaubt er fest¬
stellen zu können , daß nicht die Gemeinsam¬
keit von Sprache , Boden oder Kultur , wie man
es oft genug hört , die Volkheit konstituieren .
Die mit anderen Gruppen gemeinsame Sprache
muß nicht dem Aufgehen in ein fremdes
Volk im Wege stehen , wie am Schweizervolk
gezeigt wird , das für Schumann nicht nur
eine Staatsnation ist , sondern mehr . Er er¬
klärt ferner das Heimatbewußtsein für parti -
kularistisch und beschränkt es auf kleine
Räume , Dorf , Tal , See , Stadt ; eine Kultur
endlich , meint er , kann übertragen werden ,
ohne daß das Volkstum mit übertragen würde .
Zahllose historische Beispiele erweisen das .
Das ein Volk konstituierende Element sieht
Schumann dagegen allein im Staat . Der Staat
schafft nach ihm ein Volkstum , indem er
die Form für ein gemeinsames , die Seele
seiner Menschen tief erschütterndes und auf¬
wühlendes geschichtliches Handeln , gewisser¬
maßen für ein heiliges Handeln , ist , das
ständig im Volk bewußt bleiben muß . Wenn
er dagegen nur passiv hinzunehmende Ord¬
nung ist , wirkt er volkszerstörend . Die schwei¬
zerische „ Eidgenossenschaft " mit ihrer jähr¬
lichen populären Bundesfeier , mit ihren zahl¬
reichen Schweizer Volksfesten wird als Grenz¬
fall eines echten Volkes aus drei verschie¬
denen Sprach - und Kulturgemeinschaften ein¬
gehend geschildert . Am Beispiel des jüdi¬
schen Volkes , über das Schumann als pro¬
testantischer Theologe ex cathedra sprechen
kann , wird dann gezeigt , wie auch hier vom
Auszug aus Ägypten an das geschichtliche
Werden des heiligen Gottesstaates das Volk
aus Einzelstämmen erst geschaffen hat . Zu¬
gleich erscheint Schumann das jüdische Volk
als ein Musterbeispiel dafür , wie auch nach
Untergang des volksbildenden Staates sich ein
Volk erhalten kann . Insofern als das religiöse
Geschehen des Alten Testaments noch als
Volksgeschehen gefühlt wird , bestehe trotz
aller Vermischungen und Verflechtungen in
neue Kulturen und Staatsvölker der alte Volks¬
zusammenhang weiter . Daß es fast überall in
der Welt noch heute eine nationale Judenfrage
gibt , schreibt Schumann zu einem Teil dieser
zweifellos zutreffenden Tatsache zu , daß noch
immer bei einem mehr oder weniger be¬
trächtlichen Teil der Weltjudenheit die reli¬
giöse Überlieferung zugleich als Volksüber¬
lieferung gefaßt wird . Der Zionismus fügt
sich in diesen Rahmen als eine Renaissance
des jüdischen Volksgefühls . Auch von der
negativen Seite her scheint die Geschichte
der Judenemanzipation , die von Schumann
nicht näher betrachtet wird , ihm hier in der
Tat recht zu geben . Denn mit dem Aufgehen
der Juden in das deutsche , französische , eng¬
lische , italienische und amerikanische Volk seit
Ende des 18 . Jahrhunderts sind die großen
nationalen Feste , die jedes Jahr durch ihre
Mahnung . . aus der Vergangenheit die inneren
Bindungen im Bewußtsein dieser Völker immer
neu an die Oberfläche heben und stärken , in
gleicher Weise Feste der betreffenden jü¬
dischen Gruppen geworden . Die jüdischen
Feste dagegen wurden rein religiös , soweit
nicht im Zionismus eine bewußte volksmäßig
begründete Gegenbewegung einsetzte . Über das
Verhältnis von Volk und Staat wird sich an
Schumanns Schrift wohl noch eine klärende
Diskussion der verschiedenen Richtungen an¬
schließen müssen . Für die Frage der Begren¬
zung der Volkszugehörigkeit dagegen hat Schu¬
mann wohl eine ausgezeichnete und klare Be¬
gründung für die These geliefert , daß ein
jeder zu dem Volk zu rechnen ist , dessen
nationale geschichtliche Feiertage er als seine
Feiertage , dessen historische Bindungen er als
seine Bindungen empfindet .
Fritz Heichelheim .
Inhalt des letzten Heftes :
Hans Bach : „ Was kommt danach ? " — Heinrich Frick : Wider die Ächtung des
Liberalismus . Nachwort zu Hans Bach . — Michael Müller - Claudius : Psychologie des
Hassens . — Alfred Marcus : Die Berufswahl der Jugend . — I . Heinemann : Die
griechische Weltanschauungslehre bei Juden und Römern IV . Schluß . — Ludwig Rosen¬
thal : Jüdisches Mittelalter in Frankreich und Deutschland . — Arno Nadel : Aus dem
„ Hebräischen Diwan " . — Wilhelm Michel : „ Das Reich " . — Eva Reichmann -
Jungmann : „ Der Untergang des Judentums " . — Mauritius Kahn : Bestand und
Untergang der deutschen Juden . Antwort an Constantin Brunner .