Ludwig Landau
sie vielen als ein vorzugsweise soziales , politisch - rechtliches Ge¬
bilde ; die von ihr geleistete wirtschaftliche Arbeit verwischt den
ursprünglichen Entstehungstatbestand . Sie erstand als religiöse
Gemeinde im babylonischen Exil , nicht als gewollte Institution des
autonomen jüdischen Volkes im eigenen Lande . Sie ist nicht er¬
dacht worden , sondern wurde aus innerem Zwange geschaffen ,
aus dem Willen , das eigene , das nichtbabylonische , das jüdische
Sein zu erhalten . Wie immer im Leide trieb es den jüdischen Men¬
schen damals zum jüdischen Menschen . Dieses Zusammen - und
Miteinandersein - Wollen ist Manifestation der jüdischen Seele , nicht
irgendwelcher gesellschaftlicher oder politischer Vernunft . Das
religiös fundierte Gefühlshafte ist das Schöpferische , und die glei¬
chen Energien führen zunächst zum gemeinsamen Aussprechen
innerer Monologe , zum persönlichen Gebet ; der einzelne jüdische
Mensch stellt sich selbst in den Mittelpunkt des Gottesdienstes .
Zwischen dem erschütternden Selbstgespräch eines Jeremia , Kap .
20 , 14 — 18 und der Klage der verbannten Juden , Psalm 137 , 1 — 6
oder dem Psalm 126 besteht kein grundsätzlicher Unterschied . Der
Übergang zum Gebet , zum Dialog ist in den beiden Psalmen noch
deutlich zu erkennen . Aus der religiösen Versammlung wird die
religiöse Gemeinschaft , die Religionsgemeinde , die bis heute , trotz
des Hinauswachsens aus dem ursprünglichen Bereich auf neue Wir¬
kensgebiete , immer „ heilige Gemeinde " geblieben ist . Buber zeigt
in der „ Deutung des Chassidismus " , wie die Liebe des Zaddiks sich an
drei „ Kreisen " bewährt . Diese drei „ Kreise " , ursprünglich Aus¬
drucksform einer religiösen Bewegung , werden dann soziale Phä¬
nomene , gesellschaftliche Gebilde , die schließlich die Dynastie
manchen Zaddiks tragen und im Kampfe mit dem Rabbinismus als
gesellschaftliche Machtpositionen sich erweisen . Auch hier ist jü¬
dische Geschichte Geschichte des jüdischen Menschen — keine
soziologische oder nationale Geschichtsauffassung kann das Wer¬
den dieser beiden spezifisch jüdischen Existenzformen erschöpfend
deuten .
Die Analyse der irrationalen Kräfte der jüdischen Einzel - und
Kollektivpersönlichkeit ergibt die besondere Bedeutung der reli¬
giösen Idee für die jüdische Daseinsgestaltung . Geistige , ökono¬
mische , nationale , soziale , von außen her wirkende politische Fak¬
toren können gleichgeordnet und gleichgewertet den Weg einer
Gemeinschaft bestimmen , sie können sich gegenseitig beeinflussen ,
einander zurückdrängen , sie können sich auch einem einzigen be¬
vorzugten Prinzip unterordnen . Heroische Ideale erziehen das Volk
und den Einzelnen zu andern Geschichtsträgern als etwa das Ideal
einer ökonomisch gerechten Lebensordnung oder einer vom Ethi¬
schen und Religiösen bestimmten Menschengemeinschaft . Der jü¬
dische Mensch hat immer , sowohl in der vorgeschichtlichen un¬
plastischen Zeit wie später , als er auf eigenem Boden zwischen
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