Jüdische Geschichtsauffassung
Weltstaaten eingekeilt war , in Ausnahmeverhältnissen gelebt . Er
hat stärker als andere nach innen leben müssen , da ihm eine Macht¬
entfaltung nach außen nicht gegeben war . Das Jüdisch - Eigentüm¬
liche liegt in der Weltbetrachtung aus dieser geistig - seelischen
Sphäre , und sein Willen zur Verwirklichung seines inneren Welt¬
bildes , der Umwandlung seiner Ausnahmeverhältnisse in ein be -
friedeteres Dasein wird getragen von der Idee vom Reiche Gottes ,
der Theokratie , der Idee vom „ Königtum Gottes " ( Buber ) . May -
baum nennt sie ( „ Parteibefreites Judentum " , Seite 87 ) „ die ein¬
zige politische Idee " des Judentums . Immer wieder ist sie ge¬
dacht , immer wieder zu leben versucht worden . Es kommt dabei
gar nicht darauf an , ob sie auch einmal falsch gelebt wurde , son¬
dern wesentlich ist die Ausrichtung auf sie , die Bewegung auf sie
zu . Sie ist der bedeutsamste Inhalt der jüdischen Seelensubstanz
gewesen . Sie kann aber nur in der Bewegung , nicht in der Ruhe
der beharrenden , erstarrenden Form wirksam werden . Im Geleit¬
wort der Gesamtausgabe der chassidischen Bücher sagt Buber ,
Israel habe „ das Leben als ein Angesprochenwerden und Ant¬
worten , Ansprechen und Antwortempfangen verstanden , vielmehr
gelebt " . Die Darstellung solchen in seinen Urquellen religiösen
Lebens auch in den kulturgesellschaftlichen und politischen Willens¬
bildungen des jüdischen Menschen und der jüdischen Gemeinschaft ,
die Darstellung dieses besonderen Menschentyps als Subjekt seiner
Historie meint die hier vertretene jüdische Geschichtsauffassung .
Von solcher Auffassung aus ergeben sich auch neue Inter¬
pretationen gesetzlicher Bestimmungen . Prüft man beispielsweise
das vierte Gebot , dessen verschiedene Begründung in II . M . 20 ,
8 — 11 und V . M . 5 , 12 — 15 schon bemerkenswert ist , so wird fest¬
zustellen sein , daß es soziale , arbeitsrechtliche , fremdenrechtliche
und tierschutzrechtliche Satzung aus einem für seine Zeit völlig
neuen religiös motivierten Denken ist . Man wird die merkwür¬
dige psychische Konstitution erspüren müssen , die zur Zeit des
Pompejus und Titus über der menschlichen Gesamthaltung den
nationalen und völkischen Selbsterhaltungstrieb einfach vernach¬
lässigte . Von solcher Geschichtsauffassung her ergibt sich frei¬
lich auch , daß die mosaische Gesetzgebung nicht ein Anfang sein
kann , sondern daß sie der Reife und Erfahrung eines unter dem
„ Zufassen der Hand " gelebten schweren Schicksals entsprang .
Viele Einzelfragen der jüdischen Geschichte wären neu zu behan¬
deln . Das Werden des jüdischen Menschentyps überhaupt , die Ent¬
stehung des Prophetentums gerade in Israel , die einander gegen¬
überzustellenden Verfassungsakte von 621 unter Josia und von 444
unter Esra , das Schicksal der Nordstämme im assyrischen Exil und
der Juden in Babylon , der eigenartige Geschichtsrhythmus , der die
Begegnungen des alten Judentums mit den antiken Kulturvölkern ,
den Ägyptern , Assyrern , Babyloniern , Griechen und Römern in
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