Martin Buber
Katastrophen oder schwere Existenzerschütterungen ausmünden
läßt , aus denen die jüdischen Energien regelmäßig gestärkt und
sublimiert hervorgehen , die jüdischen Volksbewegungen , die Be¬
gegnungen der Juden mit großen Kulturen , das Wachsen politischer
Entscheidungen aus der religiösen Entscheidung , — alle solchen
Probleme dürften eine neue Erhellung und ( wie z . B . das Pharisäer¬
tum , der Chassidismus , das Christentum ) eine andere Bedeutung
für die Formung des jüdischen Menschen erhalten als in früheren
Geschichtswerken . Regelmäßig wäre jeweils die Transformation
der ursprünglich geistigen und psychischen Dynamik in die sozialen ,
volkhaften , politischen Bereiche mit darzulegen .
„ Ägypten ist Mensch und nicht Gott , ihre Rosse sind Fleisch
und nicht Geist " , sagt Jesaja ( Kap . 31 , 3 ) . Gott — Mensch , Geist —
Fleisch , um diese Pole kreisen die Lebenskräfte des Juden , der
immer wieder erfährt , daß das Leid schöpferisch ist . Knecht Gottes
bleibt er Herr seines Lebens , abhängig im äußeren wandelbaren
Schicksal gestaltet er , zu nicht erlahmender Selbsterneuerung auf¬
gerufen , sein inneres ewiges Schicksal , schafft sich aus geprägter
jüdisch - seelischer und - geistiger Form die wechselnden Formen
äußerer Existenz , deren Wandelbarkeit , deren Vergänglichkeit ihm
nur ein Gleichnis ist .
Martin Buber : Die Bibel als Erzähler
Leitwortstil in der Pentateuch - Erzählung { Schluß * )
Das größte Gebild jenes Leitwortstils ( „ Paronomasie " ) be¬
ziehungsvoller Wiederholung von Worten oder Wortstämmen ,
dessen Eigenart in der Bibel ich dargelegt habe , zugleich aber
paronomastische Komposition ist die Abrahamsgeschichte . Stücke
von unverkennbarer Leitwortprägung sind hier mit Stücken anderer ,
leitwortfreier Art verknüpft , aber eben leitworthaft verknüpft , so
daß wir es gleichsam mit zwei Schichten paronomastischen Er -
zählertums zu tun haben , die jedoch durchaus nicht streng geschieden
werden können . Es hat vielmehr den Anschein , als sei zur selben
Zeit wie die paronomastische Gestaltung einer Geschichte auch
deren paronomastische Bindung an andere , benachbarte oder in¬
haltlich zugehörige erfolgt .
Die Abrahamsgeschichte baut sich in sieben Offenbarungs¬
vorgängen ( 12 , 1 — 4 ; 12 , 5 — 9 ; 13 , 14 — 18 ; 15 ; 17 ; 18 ; 22 , 1 — 19 )
auf . Dazwischen stehen erst nur einzelne Stücke anderen Inhalts ,
dann — zwischen dem vorletzten und dem letzten — ein ganzes
Bündel , endlich nach dem siebenten das , was jetzt , nach dem un -
* ) Zu Ende des ersten Teils , S . 489 , ist statt „ Ernennung " Erneuerung
zu lesen .
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