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sellschaft und des Staates . Während sonst stets in der Geschichte das
Gesotz einen schon geschaffenen oder doch von der Überzahl als not¬
wendig erkannten Zustand zu kodifizieren sucht , wurde hier theoretisch
ein Rechtszustand geschaffen , der noch nicht in der Überzeugung der
Mehrheit wurzelte . Selbstverständlich mußte gegen die so geschaffenen
Verhältnisse ein Ansturm all derer erfolgen , die seelisch für den neu
geschaffenen Zustand nicht reif waren . Der Präsident des Evangelischen
Überkonsistoriums in der Bayerischen Kammer rief im Jahre 1849 bei
der Debatte über die Judenfrage aus : „ Nicht die Juden , nein , die Christen
sind nicht reif für die Judenemanzipation, ' 4 Das verbesserte freilich
nicht die Lage der Juden an sich , und sie , die ohnehin jene schweren
seelischen Kämpfe auszufechten hatten , die sich aus der völligen Er¬
schütterung bisher feststehender Begriffe infolge der neuen Gesell -
gehafts - und Rechtsstellung für sie ergaben , gerieten so auch der Um¬
gebung gegenüber in eine Unsicherheit hinein , die bis zum heutigen
Tage nicht überwunden ist . Die christliche Gesellschaft , der sie sich
anpassen sollten und wollten , gebürdete sich ihnen gegenüber freund¬
lieh und feindlich , gerecht und ungerecht , zog sie an und stieß sie ab .
Dazu kam die Haltung des Staates , Er , der berufene Schützer der
Gesetze , war hier nur allzu bereit , sieh selbst zu desavouieren und
der Volksstimmung , der man bei Schaffung der Emanzipation bewußt
nicht Rechnung getragen hatte , weitgehende Zugeständnisse zu machen .
So entstand in den einen ein Zustand unbedingt blinden Vertrauens
in den allmählichen Fortschritt , der sie zu immer neuen Opfern an
der Eigenart anspornt ; in den anderen ein solcher gänzlicher Ver¬
neinung der Emanzipationsmöglichkeiten oder doch mißtrauischer
Zurückhaltung . Und in vielen wechselten diese Seelenzustände nach
der jeweiligen Richtung der Politik , bis sie sich in sich selbst kaum
mehr zurechtfanden . Endlich war man jeden Augenblick belauert von
der antisemitischen Presse , die mit Freuden den geringsten Pflichten¬
verstoß des einzelnen verzeichnete und der Gesamtheit zur Last
legte . Das alles mußte selbstverständlich eine Unsicherheit des poli¬
tischen Gefühls erzeugen , die sich , wie nach außen , so auch nach
innen kundtat . Da jeder glaubte , daß des anderen öffentliches Auftreten ,
seine politische Stellungnahme , für ihn mitverbindlich sei und unter
Umständen die Gesamtheit schädige , spitzten sich die Gegensätze außer¬
ordentlich zu . Man war bestrebt , einander Verantwortungen zuzu¬
schieben und erhob Vorwürfe , die weit über das hinausgingen , was
der natürliche Gegensatz bedingte .
Das alles erscheint um so erklärlicher , wenn man bedenkt , daß
die Juden selbst viele Hunderte von Jahren von jeder politischen Be¬
tätigung abgeschnitten gewesen waren . Während der ganzen Zeit des
Golus hatte man sie in sich selbst hineingetrieben , hatte ihnen die Mög¬
lichkeit des Wirkens nach außen genommen , ihnen die politische und
geistige Einwirkung auf dritte völlig untersagt . Dadurch war eine Klein¬
lichkeit in der Auffassung öffentlichen Wirkens entstanden , die in
ilor Bildung von Gruppen und Grüppchen zum Ausdruck kam , die sich