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Der zweite Krieger : Wie soll ich nicht fragen , wie soll
mein Herz ohne Unruhe sein in dieser Stunde ? Weiß ich denn ,
wo ich stehe und wielange ? Dies Dunkle hier unter der Mauer ,
wo der Stein hinbröckelt und fällt , vielleicht ist es morgen mein
Grab , und der Wind , der mir um die Wange fährt , vielleicht findet er
mich morgen nicht mehr . Wie soll ich nicht fragen , da ich
lebendig bin , um mein Leben ? Die Flamme zuckt auf und
windet sich , ehe der Docht lischt ins Dunkel , wie sollte das
Leben sich nicht heben zur Frage , ehe es lischt in den Tod ?
Vielleicht ist es schon der Tod in mir , der so fraget und nicht
das Leben mehr .
Der erste Krieger : Du grübelst zu viel . Nichts nützt es
und quält nur .
Der zweite Krieger : Gott hat uns das Herz aufgetan ,
dafe es sich quäle .
Der erste Krieger : Was hilft es dann zu reden . Wir haben
Wache , mehr will ich nicht wissen .
Der zweite Krieger : Das Reden halt wach , und es hören s
nur die Sterne .
( Ein Schweigen wieder zwischen beiden . )
Der zweite Krieger : Was kommt da ? Vom Dunkel
schleicht es heran .
Der erste Krieger : Wieder Müßiggänger ! Sie sollen schlafen
des Nachts . Jag sie heim !
Der zweite Krieger : Nein ! La6 sie reden und tritt ins
Dunkel . Laß uns hören , was sie reden . Es scheucht den Schlaf
von den Lidern , die Stimme der Menschen zu hören . Trift
zurück in den Schatten !
Der erste Krieger : Ein Sonderbarer bist du ! Ich schreite
die Runde !
( Die beiden Krieger treten zurück in den Schatten des Mauedurmcs .
Ihre Gestalten verschwinden in dem tiefen Dunkel , das mit
scharfer Schatienschneide gegen die vom Mondlicht überflutete
Mauer grenzt . Nur ihre Lanzen funkeln manchmal leise hervor . )
Jeremias und Baruch ( steigen aus dem Dunkel der Tiefe
die Mauer empor , Jeremias hastig voran , Baruch mühsam seiner
Erregung folgend . Der Krieger steht , von ihnen ungesehen , im
Schatten wie aus Erz gegossen ) .