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Soziologische Tagebudiblatter
Von Franz Oppenheimer
9 .
Die Schriften zur Polen - und Judenfrage wachsen zahllos , wie
Butterblumen im April . Fast alle haben nur soziologischen 0 b j o k t -
wert ; sie sind Musterbeispiele für das sozialpsychologische Hauptgesotz ,
nach dem jedes Mitglied einer kämpfenden „ Gruppe " dasjenige fühlen
und denken muß , was gerade der Gruppe nützlich und notwendig
ist . Es sind Phonographen , die ihre Platten Abrollen und dabei glauben ,
ehrlich glauben , Menschen mit eigenen Gedanken zu sein , und nach
objektiven Maßstitben zu werten .
Die kleine Schrift von Dr . Max Rosenfeld : „ Polen und Juden " ' )
macht eino sehr angenehme Ausnahme . Sie ist das Werk eines gebildeten
Volkswirts und Historikers mit so viel Objektivität , wie der Mensch
mitten im Kampfe irgend aufbringen kann , und hebt sich als solches
sehr erfreulich schon durch ihre Haltung aus der politischen Buttor¬
blumenliteratur heraus . Das predigt nicht , beschimpft nicht , klagt nicht
an und keucht nicht : das sucht zu verstehen , auch den Gegner , und
entwickelt in ruhiger Vornehmheit die Ideologie aller Parteien aus ihrer
ökonomisch - sozialen Lagerung . Die Marxscho Geschichtsphilosophie ,
ist wahrlieh noch sehr unvollkommen , und doch kann man an diesem
offenbar an Marx geschulten Denker sehen , wie weit überlegen schon
diese kaum mehr als ihrer Absicht nach wissenschaftliche Geschichts¬
betrachtung dem ganz und gar im - oder hesser vorwissenschaftlichen
Subjektivismus ist , den die meisten Politiker und Historiker für Wissen¬
schaft und Wahrheit halten .
Von den praktischen Forderungen , in denen das Bändchen gipfelt ,
sei nur gesagt , daß sie ungefähr auf das Rennerscho Nationalitätcn -
programin hinauslaufen , das auch wir an dieser Stelle verfechten . Und
zwar auch mit Anwendung auf die jüdischen Massen Galiziens , Ru߬
lands ( die Broschüre ist noch vor der großen Umwälzung erschienen )
und Rumäniens . Es wird mit aller Klarheit gezeigt , daß schon vom
rein politischen Standpunkt aus die Juden gar keine andere Lösung
wollen können als die Ordnung ihrer sprachlichen und kulturlichen
Angelegenheiten nach eigenem Recht imd unter eigener Verantwortung .
Denn jede andere Lösung muß sie zum Korn zwischen den Mühlsteinen
der einander bekämpfenden slawischen Nationalitäten machen , das
ohne Gnade zermalmt wird . Läßt man ihnen nur die Wahl des An¬
schlusses an eine der kämpfenden Gruppen , indem man ihnen die
eigenen Nationalrechte versagt , so zieht man ihnen mit Notwendigkeit
die Todfeindschaft der anderen auf den Hals , ohne ihnen damit die
Liebe und den Schutz der ersten zu sichern . Es gibt auch für sie keine
andere Lösung ihres Existenzprobloms als die , die den Nationalitäten¬
staat überhaupt erst auf die Dauer möglich machen wird : die Freiheit
in allen Dingen , die den Staat als solchen nichts angehen , den Dingen
l ) Vertag 11 . Löwit , Berlin und Wien 1917 » 63 Seiten . Preis M . 1,20 .