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immer und immer wieder einen Juden
zum Verräter machen , soweit , daß er
die Verstümmelung der Leiche , das
Ablassen des Blutes usw . in der ver¬
logensten Weise schildert . Indes der
gewandte Staatsanwalt deckt den Be¬
trug auf und weist hierdurch die An¬
klage auf Ritualmord in das Reich
der Fabel zurück . Der Verleumder
wird wieder zum Juden und beendet
sein Leben selbst . Parallel zu dieser
Entwicklung geht die symbolische
Handlung , dio in ihrem Aufbau , oft
auch im Wortklang , stark an Goethes
Faust erinnert . Es ist der Kampf
zwischen Gott und Teufel , Gut und
Böse , Tag und Nacht , Sonne und
Finsternis , Elohim und Semael —
jede Religion hat diesen Kampf in
ihro Gefühlswelt aufgenommen und
zum Lebensprinzip erhoben . In die¬
sem übertragenen Sinne . müssen wir
auch dieso hineingeflochtenen Szenen
auffassen , die uns aber auch die Er¬
klärung zu den Handlungen geben ,
die wir oben als Mängel der Dichtung
bezeichnet haben . In ihr spüren wir
erst das Jüdische des Dramas . In
diesen Worten fühlen wir erst die
Größe und Stärke des Judentums ,
doch wir zittern auch mit in seiner
Erniedrigung und in seiner ohnmäch¬
tigen Schwäche . Wir erleben das
Elend der Knechtschaft , die Peini¬
gung des Exils , aber wir erbeben auch
unter dem Bewußtsein des inneren
Reichtums der Religion , dem Macht¬
gefühl der Rasse und des Uradels .
Gott und Teufel stehen gegeneinan¬
der , denn der Mensch ist nicht nur
das Geschöpf Gottes , sondern auch
Semael hat seinen Anteil daran und
er will der Menschheit Tod und Elend ,
Grauen und Entsetzen bringen , doch
er tut es nicht um des Bösen willen ,
sondern er „ will den letzten Tod auf
die Erde bringen und das Geschlecht
des Lebens auslöschen . Dann wird
die süße Ruhe des Endes über der
Erde hängen , Nichtsein wird sie ein¬
hüllen und das Leid wird endlich ,
endlich schweigen . 14 Gott will anders ;
nicht soll sein Widersacher , dieser
Empörer gegen seinen Willen , zum
Messias werden . Durch Semael darf
die Welt nicht reif zur Erkenntnis
werden und deshalb muß " Gott die
Menschen in Versuchung bringen . - So
verfolgt der Teufel das auscrwähltc
Volk Gottes , so sucht er es durch
Unzucht und durch Völlerei , durch
Neid , Geiz und Habgier , durch
Heucheloi und Selbstüberhebung zu
Falle zu bringen . Doch nur die
Dummheit kann es wirklich in Gefahr
und in dio Nähe des Unterganges
bringen . So wird die Symbolik zur
wuchtigen Anklage unseres heutigen
Judentums . Nicht der Abfall vom
Gottcsglauben , nicht die Degenera¬
tion unserer edelsten Familien , nicht
das Wohlleben des Reichtums macht
dio Juden zu Renegaten , sondern
allein die Dummheit macht um
einer schnöden blinden Aussicht
auf Ruhm willen einen Juden zum
getauften Juden , oder wie er sich
nun nennen darf : zum Christen .
Was hat den jungen Judenjungen zum
Verrat an seinem Vater , an seinen
Freunden , an seinen Lehrern getrie¬
ben : „ Hary : Du darfst sogar studie¬
ren , auf dio Hochschule gehen , Rich¬
ter werden wie ich . — Moritz : Auch
Soldat ? — Bary : Natürlich , du wirst
Leutnant werden oder Hauptmann ;
ich verspreche dir das . " So trägt
auch sein Symbol — der Typus des
Renegatentums — neben dem Geld¬
beutel den gelben Fleck des mittel¬
alterlichen Judentums , und den wird
er nio loswerden . Ja , dicsoT gelbe
Fleck , der für die Verneiner des
Judentums ein Schandfleck ist , er soll
für die andern ein Ehrenzeichen wer¬
den , er sollte uns ein Symbol sein für
das , was wir geworden , ein Zeichen
dafür , daß wir stolz sind auf unser ©
Abstammung .
Paul Marx , Karlsruhe .
Verantwort Ich für dio Schriftleitung : Martin Goetz , Berlin - Charlottenburg . Verlng der
Neuen Jadischen Monatshefte , Berlin - München . Martin Goetz . Nachdruck der Beitrüge
den rageszeltungcn mit genauer Quellenangabe gestattet .
Gedruckt bei Julius Sittcnfeld , Holbuchdrucker . , Berlin W .