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MENORAH
Wie der Hund zu den
Menschen gekommen ist
Bibclmärchen von Siegfried Abeles .
Nach der Vertreibung aus dem Paradiese
wollten die Tiere nicht mehr mit Adam und Eva
/ . usammenlcbcn . Selbst die sanftmütigen Schafe
mußte Abel erst ein fangen . Nachts sperrte er sie
ein . Wenn sie aber auf der Weide waren , wollten
sie alle fortlaufen . So hatte Abel sehr viel Mühe ,
weil kein Hund ihm beim Hüten half .
Die Hunde lebten damals , wie die andern
Tiere , im Wald , und fraßen Hasen und andere
kleine Wesen . Sic waren aber nicht so wild wie
der Wolf oder der Fuchs und wichen dem Men¬
schen nicht scheu aus . Ein Hund ging sogar oft
neben Kain , wenn dieser im Wald spazieren
ging ; ein anderer war der Freund Abels geworden .
Mensch und Tier konnten freilich nicht mitein¬
ander sprechen , aber der Hund freute sich , wenn
der Mensch ihn streichelte und dieser verstand ,
was der Hund sagen wollte , wenn er freundlich
wedelte .
Einmal sagte der eine Hund zum andern :
„ Komm , wir wollen unsere Freunde be¬
suchen . " Doch als sie zum Felde Kains kamen ,
blieben sie erschrocken stehen .
Über dem Acker stand eine finstere , schwarze
Wolke und aus dieser erschollen furchtbare
Donncrtönc . Was aber Gott und Kain mitein¬
ander sprachen , konnten die beiden Hunde nicht
vernehmen . Sie erblickten jedoch die Leiche
Abels und dadurch erkannten sie , daß Kain
seinen Bruder ermordet hatte .
Der vierbeinige Freund Abels sah nun so
zornig den andern Hund an , als wollte er ihn
aus Rache zerreißen .
Doch dieser blickte nur auf Kain . Gott hatte
den Mörder verflucht , er sollte ruhelos wandern ,
und nun wankte Kain bleich fort , er wußte nicht
wohin .
Da lief der Hund , der ihn lieb halte , auf
ihn zu und sprang um ihn umher , so dafi Kain
bald verstand , das treue Tier wolle mit ihm über¬
all hingehen und wäre es bis ans Ende der Welt .
Die Vögel und die Tiere wichen dem Manne
scheu aus , der ein brennendes Zeichen auf der
Stirnc trug . Der Hund aber ging mit ihm , immer
weiter und weiter .
„ Wenn ich doch auch meinem Freunde zeigen
könnte, " dachte der andere Hund traurig , , ,wic
treu ich ihm bin . Aber , ach , Abel ist tot ! "
Da sah er wie ein Schaf in den Wald laufen
wollte . Rasch eilte er hin , bellte es an und trieb
e c . zur Herde zurück . Nun hütete der Hund
immer die Schafe des verstorbenen Abel . Adam
und Eva konnten sich auf ihren treuen , vier -
füßigen Diener gut verlassen .
Und als der dritte Sohn Adams , Seth , so
groß geworden war , daß er selbst die Schafe
hüten konnte , ging der Hund doch nicht mehr
in den Wald zurück und blieb freiwillig ein
Diener des Menschen .
ONKEL BEN NATHAN SAGT
DIR WAS !
WANDERNDE GESCHICHTEN .
Ja , auch Märchen , Sagen , Sprüche und
Schwanke wandern von Volk zu Volk , von Land
zu Land . Viele unserer Geschichten von den
C hclmcrn werden nur von ihnen erzählt . Aber
manche Geschichte von dummen Leuten , die in
Deutschland , in der Türkei , in Rußland oder
anderswo entstanden ist , wird nun auch den
armen Chelmcrn zugeschrieben . Dann sieht sie
aber gleich ganz anders aus .
Du weißt wohl , daß einmal zehn Büsumei
einen Fluß durchschwammen . Als sie aber dann
am Ufer sehen wollten , ob keiner von ihnen er¬
trunken sei , vergaß jeder sich selbst mitzuzählen .
Daher glaubten sie , sie seien nur neun und waren
sehr verzweifelt . Ein Fremder riet ihnen nun ,
jeder möge seine Nase in den Sand stecken . Das
taten sie . Und als nun die Busumer sahen , daß
die Nasen zehn Grübchen in den Sand gegraben
hatten , waren sie froh und glücklich , denn keiner
von ihnen war ertrunken .
Nun lies die Geschichte „ Sind wir zehn ? "
Da kommt derselbe Scherz vor und doch ist die
Erzählung eine ganz andere , eine jüdische ge¬
worden .
SIND WIR ZEHN ?
Einige Chelmer saßen in einem großen Zim¬
mer beisammen , und da es schon spät war , woll¬
ten sie gemeinsam das Abendgebet verrichten .
Sogleich begann einer zu zahlen , ob sie zehn
wären , denn bei den Juden müssen mindestens
zehn Männer zugegen sein , wenn gemeinsam ge¬
betet werden soll .
Der Zählende hatte vergessen , sich selbst mit¬
zuzählen , da waren sie sieben . Ein anderer zahlte
nach , und weil der mit sich begann und sich
am Schluß nochmals zählte , waren sie neun . Um
es nun genau zu wissen , wie viele sie seien ,
sollte jeder einen hinger in die Höhe heben .
Aber weil manche zwei Finger hoben , waren sie
jetzt elf .
Nun , letzt wußten sich die armen Chelmer
nicht mehr zu helfen . Zufällig war aber ein
fremder Jude anwesend . Auf seinen Rat nahmen
sie aus allen Öfen des Hauses die Asche heraus
und bedeckten damit die Tischplatte . Dann
steckte jeder Chelmer seine Nase in die noch
warme Asche und einer von ihnen schrie laut
auf , denn seine arme Nase hatte ein Stückchen
Glut berührt . Sic freuten sich aber doch , als sie
aus der Zahl der Grübchen in der Asche er¬
sehen konnten , daß sie acht Leute waren .
Nun schickten sie einen auf die Gasse , um
noch zwei Juden zu suchen . Ei traf den krummen
Fleisch , der die Gewohnheit hatte , laut mit sich
selbst zu sprechen .
, ,Ja , da mußt du mitgehen ' * , sagte Hersel )
laut zu sich .
Als der Chelmer mit Hasch zurückkam , rief
er stolz : „ Da bring ich zwei ! Der krumme Heisch
ist zwei . Er ist der Flcrsch und dann ist er noch
Du , mit dem er immer spricht . "
Aber einige wollten nicht glauben , daß Hcrsch
zwei Personen sei und so mußte auch er die Nase
in die Asche stecken , die inzwischen schon in
eine große Mistkistc gegeben worden war . Und
an dem Grübchen erkannten sie , daß Hcrsch doch
nur e i n Mensch war .
„ Jetzt sind wir noch immer nicht zehn ! "
seuf/ten die Chelmer . „ Vcrgeßt ihr denn , daß
auch ich ein Jude bin " , sagte der Fremde .
Da waren die Chelmer sehr erstaunt , daß
einer , der kein Chelmer war , auch jemand sein
sollte .
„ Vor Gott bin ich doch gewiß ebenso ein
Mensch wie ihr " , sagte der Fremde .
„ Laß sehen ! Stecke die Nase in die Asche ! "
riefen die Chelmer .
Doch der Fremde wollte dies nicht tun . Da
packten sie ihn und stießen seinen Kopf tief in
die Aschenkiste . Dem armen Fremden drang die
Asche in Ohren , Nase und Augen und er schüt¬
telte sich heftig . Nun war kein Grübchen in der
Asche zu sehen und mehrere Chelmer riefen
gleichzeitig :
„ Seht ihr , er ist doch keiner ! "
Und weil so spät niemand mehr auf der
Straße zu treffen war , konnte an diesem Abend
kein gemeinsamer Gottesdienst abgehalten werden .
Sie waren doch , so glaubten sie , noch immer
nicht zehn Leute . S . A .