2 MENORAH
Wladimir Jabotinsky / Die Ethik der eisernen Wand
i .
Wir wollen auf das bereits im vorigen
Artikel erwähnte Heising forscr Programm zu¬
rückblicken . * ) Ich bin als einer der Verfasser
natürlich am wenigsten geneigt , an der Gerech¬
tigkeit der darin aufgestellten Grundsätze zu
zweifeln . Es garantiert bürgerliche Gleich¬
berechtigung und nationale Selbstverwaltung .
Ich bin fest überzeugt , daß jeder unparteiische
Richter dieses Programm als eine ideale Grund¬
lage für ein friedliches und gut nachbarliches
Zusammenleben zweier Völker anerkennen wird .
Es ist jedoch der größte Unsinn , von den¬
selben Arabern die Psychologie eines unpartei¬
ischen Richters zu fordern , die in diesem Streite
nicht Richter , sondern Partei sind . Vor allem
bleibt doch noch die erste und wichtigste Frage
selbst dann , wenn die Araber an ein friedliches
Zusammenleben glauben könnten , ob sie über¬
haupt „ Nachbarn " , wenn auch gute , im Innern
des Landes , das sie als ihr eigenstes betrachten ,
dulden wollen . Nicht einmal jene , die uns mit
wohltöncnden Worten beschwichtigen wollen ,
dürfen den Mut haben , abzuleugnen , daß die
nationale Einheitlichkeit bequemer ist als eine
Vielheit . Aus welchem Grunde soll nun ein
Volk , welches mit seiner Isolierung voll¬
kommen zufrieden ist , gute Nachbarn in einer
derart beträchtlichen Anzahl in sein Land hinein -
1 _______ ? „ Ich will nicht ihren Honig , will auch
nicht ihren Stachel " . — Das ist seine natürliche
Antwort .
Aber auch abgesehen von dieser grund¬
sätzlichen Schwierigkeit , kann man nicht verlangen ,
daß gerade die Araber an das Heising forser
Programm — oder überhaupt an irgend ein
Programm eines Staates mit national gemischter
Bevölkerung — glauben sollen . Eine solche For¬
derung aufzustellen , heißt , etwas Unmögliches ver¬
langen . Die Theorie Springers ist kaum 30 Jahre
alt . Bisher war aber noch kein Volk , und sei
es auch noch so zivilisiert , bereit , diese Theorie
ehrlich in der Praxis anzuwenden . Sogar die
Tschechen , unter der Leitung Masaryks , dieses
Lehrers aller Autonomistcn , konnten oder wollten
sie nicht verwirklichen .
Was nun die Araber anlangt , so hat nicht
einmal ihre Intelligenz von dieser Theorie
irgendetwas gehört . Wohl aber weiß diese
Intelligenz sehr gut , daß die Minorität
überall und immer sehr viel gelitten hat : Die
* ) Anmerkung der Redaktion . Das
„ Heisingforser Programm " ist auf der Konferenz
der russischen zionistischen Organisation in Hel -
singfors im Jahre 1906 zustande gekommen und
enthält das Programm der nationalpolitischen
Arbeit der zionistischen Organisation in Rußland ,
sowie das Programm der praktischen Arbeit in
Palästina . Diese beiden Momente ( Gegcnwarts -
uncl Palästinaarbeit ) wurden zuerst im Helsing -
forscr Programm " harmonisch vereinigt und als
„ synthetischer Zionismus " fortan benannt .
Das Helsingforser Programm war auf der
Tagung der zionistischen Presse in Wilna vorbe¬
reitet worden , wobei die leitende Rolle an der
Ausarbeitung des Programms das Redaktions¬
kollegium des „ Rasswiet " : A . D . Idelsohn ,
V . Jabotinsky , A . O . Seidenmann , A . M . Gold¬
stein und S . K . Gepstein , gespielt haben .
Christen in der Türkei , die Mohammedaner in
Indien , die Irländcr unter der Flcrrschaft der
Engländer , die Polen und Tschechen unter der
Herrschaft der Deutschen , die Deutschen jetzt
unter der Flcrrschaft der Polen und Tschechen
und so weiter ohne Ende . Man müßte sich zu¬
erst mit Redensarten beinahe bis zur Volltrun -
kenheit betäuben , um nach alldem zu verlangen ,
daß die Araber daran glauben sollen , gerade die
Juden seien fähig ( oder wenigstens aufrichtig
willens ) , einen Plan zu verwirklichen , der anderen ,
mit größerer Autorität ausgestatteten Nationen
nicht gelungen ist .
Ich beharre darauf , nicht aus dem Grunde ,
weil auch wir von dem Helsingforser Programm
Jude aus Bagdad
Hermann Struck ( Berlin — Ilaifa W22 )
ah einer Grundlage des künftigen Modus vivendi
Absland nehmen sollen . Im Gegenteil , wir
— wenigstens der Verfasser dieser Zeilen —
glauben an dieses Programm sowie an unsere
Fähigkeit , dieses — ungeachtet des Mißerfolges
aller Präzedenzfälle — im politischen Leben durch¬
zuführen . Es wäre aber ganz zwecklos , es jetzt
den Arabern gegenüber zu loben : Sie werden es
nicht verstehen , seinen Grundsätzen nicht trauen ,
und sie nicht schätzen .
II .
Und wenn dies zwecklos ist , so ist es
auch schädlich . Die politische Naivität des Juden
ist unglaublich und fabelhaft ; er begreift die
einfache Regel nicht , daß man nie demjenigen
„ entgegenkommen " darf , der dir nicht entgegen¬
kommen will .
Im alten Rußland war ein typischer
Fall , daß eine der unterdrückten Nationen ,
geschlossen wie ein Mann , einen Kreuz¬
zug unter der Losung des Boykotts und Po¬
groms gegen die Juden unternahm . Gleich¬
zeitig erstrebte dasselbe Volk eine Autonomie
für sich , ohne daraus ein Geheimnis zu
machen , daß es beabsichtige , diese Autonomie
zu einer noch größeren Unterdrückung der Juden
auszunützen . Ungeachtet dessen haben jüdische
Politiker und Publizisten ( sogar aus den Reihen
der Nationaljuden ) es für ihre Pflicht gehalten ,
die autonomistischen Bestrebungen ihrer Feinde
in jeder Weise zu unterstützen ; weil nämlich die
Autonomie eine heilige Sache ist . Wir betrachten
es , wie ich schon einmal gesagt habe , geradezu
als unsere Pflicht , wo immer wir die „ Marseillaise "
hören , sofort stramm zu stehen und Hurra zu
rufen — selbst wenn Haman diese Melodie
spielen würde , oder wenn dabei jüdische Knochen
im Leierkasten krachen sollten . Das halten wir
für politische Moralität .
Das ist aber nicht Moral , das ist Ausschweifung .
Die menschliche Gemeinschaft ist auf Gegen¬
seitigkeit aufgebaut ; entfernt sie die Gegenseitigkeit ,
so wird das Recht zu einer Lüge . Jener Mann , der
jetzt unter meinem Fenster auf der Straße vorüber¬
geht , hat ein Recht auf Leben nur so weit , als
er auch mein Recht auf Leben anerkennt ;
falls er aber mein Leben antasten will , so kann
ich ihm kein Recht auf Leben zugestehen . Das
gleiche gilt auch für Völker . Denn sonst würde
die Welt zu einem barbarisch - tierhaften Wett¬
rennen werden , in dem nicht nur der Schwächere ,
sondern auch der Sanftmütigere zugrunde gehen
würde .
Die Welt muß auf gegenseitiger Bürgschaft
begründet sein . Alle sollen in gleicher Weise
leben können und alle sollen in gleicher Weise
umkommen müssen . Aber es gibt keine Ethik , die
dem Gierigen das Recht zusteht , sich bis zum
Übermaße sattzuessen , während der Bescheidene
hinter dem Zaun verenden muß . Nur eine einzige
Ethik ist möglich , die der Menschlichkeit , und
ihre praktische Schlußfolgerung lautet in unserem
Falle ungefähr so : Wenn wir aurh außer dem
Helsingforser Programm unsere Taschen voll ver¬
schiedener Konzessionen hätten , einschließlich
unserer Einwilligung , an irgend einer phantasti -
hen arabischen Föderation od morza do morza
( von Meer zu Meer ) teilzunehmen , so könnte
man doch erst dann darüber verhandeln , wenn
die Araber ihre Einwilligung zur Schaffung
eines jüdischen Palästinas abgeben würden .
Unsere Großväter haben dies wohl verstan¬
den . Darüber kann man im Talmud einen sehr
belehrenden Rechtsfall finden : Zwei gehen
eines Weges und finden unterwegs ein
Stück Tuch . Einer sagt : „ Ich habe es gefunden ,
es gehört daher mir " , der andere sagt : „ das ist
nicht wahr , ich habe das Tuch gefunden und mir
gehört das Tuch " . Der Richter , den die beiden
anrufen , teilt aber das Tuch in zwei Teile und
jeder der Starrköpfe , erhält eine Hälfte .
Dieser Rcchtsfall wird aber auch in einw¬
anderen Weise vorgetragen , daß nämlich einer
der beiden ein Starrkopf sei , der andere aber im
Gegenteil sich entschlossen habe , die Welt durch
seinen Edelsinn in Verwunderung zu setzen . So
sagt er : „ Wir haben zusammen das Tuch gefun¬
den , ich fordere deshalb nur eine Hälfte , die
andere Hälfte gebührt B . " Der andere
aber bleibt fest , er habe das Tuch gefunden , es