UNSERE MUTTER
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Tagebuch und — zu meiner und meines
Mannes Schande sei ' s gestanden — unsere
geheime Korrespondenz . Sie tat noch mehr :
um eine Zeit , da mein Mann gedrückt und
von Zweifeln heimgesucht war , zeigte sie
ihm in meiner Abwesenheit einige Stellen in
meinem Tagebuch , die ihn wieder beruhigten
und mit Dankbarkeit gegen die Verräterin
erfüllten . Als ich von ihrer Treulosigkeit
Kenntnis erhielt , war ich eisig gegen L . und
stockböse auf Rosa . Wie ich ihr dann ein¬
mal eine Botschaft von Mutter ausrichten
mußte , die keine Feindschaften duldete , be¬
fahl sie mir , sie künftig per „ Sie * 4 anzu¬
sprechen . Darauf natürlich homerisches Ge¬
lächter , und alles war wieder gut . Wer
hätte diesem Engel auch lange böse sein
können ?
Trolzdem Rosa weder schön war , noch
eine große Mitgift besaß , sondern einer
kinderreichen Familie angehörte , hatte sie ,
bevor sie sich verlobte , zwei Heiratsanträge ,
die natürlich nur ihrer Person galten . Beides
durchaus annehmbare Partien .
Sie lebten zuerst in D . , dann übersiedelten
sie nach Leipzig , wo mein Schwager als
Prokurist in Onkels Geschäft eintrat .
Mit Rosas Verheiratung begann ein neuer
Wirkungskreis meiner Mutter , vor allem eine
umfangreiche Korrespondenz . Ich lasse
einige Briefe Mutters an ihre Älteste folgen .
Mein liebes Roserle !
Ich hätte Dir so viel zu sagen , doch es
läßt sich nicht alles schreiben . Aber ich
muß mich doch ein wenig aussprechen mit
meinem lieben Roserle .
Daß Deine lieben Briefe uns entzücken ,
brauche ich Dir nicht zu sagen , aber nichts
kann vollkommen sein auf Erden : ich bin
außer mir , daß Du die Sachen noch nicht
hast . Weiß Gott , wann Du sie bekommen
wirst , Du Ärmste ! Wie hilfst Du Dir nur ?
Ich möchte am liebsten hinfliegen , um Dir
ein bißchen an die Hand zu gehen . Hast
Du schon ein Dienstmädchen ? Schreibe nur
über alles ausführlich , auch was Du von
Einrichtung hast und was Ihr noch zu
kaufen beabsichtigt . Vielleicht kann ich Dir
raten .
Nun bitte ich Dich , liebes Kind , soviel als
möglich zu sparen . Bei der Einrichtung ist
es zwar weniger geboten , weil die ein für
allemal gekauft wird . Aber in Berlin hast
Du z . B . im Hotel zwei Zimmer bewohnt ,
und man heiratet ja nur , um mit dem Manne
in e i n e m Zimmer beisammen zu sein . Das
zweite hättest Du also ersparen können .
. . . Wärest Du jetzt zu Hause , so müßte
ich hören : , ,Schäm ' dich , Mutterle ! " Also
ist es doch gut , daß Du schon fort bist .
Vielleicht bekäme ich auch zu hören , daß ich
Dir jetzt nichts mehr zu befehlen habe ? Ich
glaube aber , daß auch Dein lieber Mann
nichts gegen e i n Zimmer einzuwenden ge¬
habt hätte .
Ich sage zwar jedem , der mich bedauert ,
daß mir gar nicht bange ist um Dich , aber
Dir , liebes Kind , will ich im Vertrauen ge¬
stehen : mir ist schrecklich bange ! Was gäbe
ich , wenn ich Dich sehen könnte ! Weißt
Du , das Wasser läuft mir im Mund zu¬
sammen , wenn ich mir denke , ich könnte in
D . an Deinem Fenster stehen und Dir unbe¬
merkt zusehen , wie Du für Deinen Mann
das Mittagessen zubereitest ! Der Glückliche !
Deiner liebenswürdigen Hausfrau unbe¬
kannterweise meinen herzlichsten Gruß !
Gibt es doch überall gute Menschen ! Wie
freue ich mich darüber !
Ich erwarte mit Sehnsucht einen ausführ¬
lichen Brief , wie Du alles in D . gefunden
hast . Ich bin schon ganz aufgeregt vom
Schreiben und muß schließen .
Es grüßt Euch beide von Herzen
Deine treue Mutter
Klara .
( Fortsetzung folgt . )
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