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MENORAH
unwahrscheinlich erschien , ist eingetreten :
Kafka hatte mit dem ersten Nachlaßwerk
noch nicht das letzte gegeben . Das „ Schloß "
bedeutet ihm gegenüber noch eine Steigerung .
Hier nämlich tritt der „ Angeklagte " von
der Passion in die Aktion . Er nimmt den
Kampf auf gegen die übergeordnete Macht ,
die ihn zurückstößt . Der Landmesser K . ringt
mit der Schloßbehörde . Er will hinter die Ein¬
fachheiten , hinter das Geheimnis der ur¬
sprünglichen Daseinsform der Dorfbewohner
kommen , will deren Demut und deren Glau¬
ben e r z w i n g e n . Er verfällt auf Listen , er
leistet erniedrigende Arbeit , erklärt sich be
reif , die abgelegte Geliebte eines Sehloßbcam -
ten zu heiraten . Dieser Landmesser K . ringt
um clas Geheimnis des Schlosses , wie Jakob
mit seinem Gölte um das Göttliche rang .
Auch in dem neuen Roman herrscht jene
mystisch - unwirkliche Atmosphäre , welche wir
nirgend anders als bei diesem Dichter erleb¬
ten . Es ist , als wäre die Realität gleichsam
abgehoben von der Erdoberfläche und dem
Göttlichen genähert : denn Kafkas Menschen
sind unwirklich Leidende , weil sie das Gegen¬
ständliche durchschreiten ; es sind Ausge¬
wählte , dem göttlichen Odem nahegeriickl .
und doch wieder nur Menschen , gebunden an
ihre Begrenztheit .
V .
Es kann nicht Aufgabe dieser Zeilen sein ,
das Werk zu deuten — es ist ein Fragment
geblieben — Spekulationen über den mög¬
lichen Ausgang der Handlung anzustellen
oder diese auch nur zu beschreiben ; denn
nicht darauf kommt es an . sondern auf die
Notwendigkeit , sich mit der geistigen Erschei¬
nung dieses Dichters auseinanderzusetzen .
Alle Fragen , welche unsere Zeit an uns stellt ,
und welche die Zeit überhaupt je an ihre
Wesen gestellt hat , sehen wir in dem Werke
Franz Kafkas berührt , das der Herausgeber
Max Brod mit Recht als eine Fausldichtung
bezeichnet .
Darum sollten gerade wir Jüngsten die¬
sen Dichter lieben lernen , der so , ,modern "
ist — eben weil er zeitlos ist .
„ Lies den Plutarch "
( WALTHER RATHENAU . Briefe . Zwei Bände .
Carl Reißner , Verlag , Dresden . — MUSSO¬
LINIS REDEN . Eine Auswahl . K . F . Koehler ,
Leipzig . — NAPOLEON . Emil Ludwig . Ernst
Rowohlt Verlag . Berlin . Mit zahlreichen Illu¬
strationen . )
An seinen Gestalten hat sich manch Ge¬
schlecht gebildet , durch ihn wurden Männer
erzogen , die Geschichte machten . Den
Plutarch hat sich jede Generalion erobert ,
die sich zu Großem berufen fühlte .
Männer sehen will jede Jugend , die
Männer schaffen will . Und deshalb mag es
kein Zufall sein , wenn uns drei Bücher vor¬
liegen , die alle drei von Männern handeln ,
die Geschichte machten . , ,Rathenaus Briefe " ,
„ Mussolinis Reden " und Emil Ludwigs „ Na¬
poleon " . Drei grundverschiedene Gestalten ,
jeder einzigartig in seiner Art und doch ein
großes Gemeinsames . . . daß sie Männer
sind .
. . R a l h e n a u s B r i e f e . " „ Abfallpro¬
dukte der A . E . G . " hat das Berlin Wilhelm II .
seine Werke genannt . Es konnte ihn nicht ver¬
stehen und wahrhaftig , er ist , ein seltsamer
und rätselhafter Mensch , nicht leicht zu ver¬
stehen . Der leichte , skeptische , ironische Ton
des jungen Studenten berührt nicht allzu
sympathisch . Liebe zu den Menschen und
doch ein wenig verachtendes Mitleid mit
ihnen zeigen ebenso wie zahlreiche andere
Aussprüche , wie fern er eigentlich der Demo¬
kratie war . Aufgeklärter Absolutismus ist es ,
der uns aus seinen politischen Briefen ent¬
gegentritt . Er ist der geborene Führer , des¬
sen Tragik es ist , daß er nicht in seiner Zeit ,
sondern über ihr steht . Einsam ragt er über
seine Zeilgenossen , mit deren Besten ihn ein
reger Briefwechsel verbindet . Und darum ist
diese Briefsammlung zugleich ein Spiegel einer
Zeit , der kaum seinesgleichen findet .
, ,M u s s o 1 i n i s R e d e n . " Kaum eine
umstrittenere Persönlichkeit dürfte es geben
im politischen Leben der Gegenwart . Kaum
eine , deren Werk , deren Schöpfung , das mo -