190
MENORAH
zum größten Teile durch die Reblaus vernichtet und es war zu erwarten ,
daß auch die verschont gebliebenen Weingärten der Reblaus zum Opfer
fallen würden . Alle Maßnahmen halfen nur wenig . Es gibt nur ein radi¬
kales Mittel , den Weinbau wiederherzustellen : europäische Edelsorten
auf die der Reblaus widerstandsfähigen amerikanischen Unterlagen zu
pfropfen .
Der Agronom Öttinger hatte bei der Stadt Soroki eine Garten¬
wirtschaft gegründet und von dort aus unternommen , den jüdi¬
schen Wein - und Gartenbau auf neuen Grundlagen zu entwickeln . Es
wurden Weingärten auf amerikanischen Unterlagen gepflanzt . Statt der
primitiven bäuerlichen Methoden , die Weingärten zu pflegen , hat Öttin¬
ger die Juden gelehrt , moderne Methoden anzuwenden , die größere und
bessere Ernten sichern . Er hat die Juden gelehrt , die Pflegearbeiten
dem moldauischen Wächter nicht anzuvertrauen . Die Arbeit in einem
Weingarten erfordert Verständnis und man muß sich daran gewöhnen ,
selbst Hand anzulegen . Er hat in Soroki eine Reihe jüdischer Gärtner
ausgebildet , die ihm in seiner Arbeit behilflich waren . Die beschädigten
jüdischen Weingärten wurden wiederhergestellt . Viele neue Weingär¬
ten wurden gepflanzt . Nun fingen die Juden an fleißig zu arbeiten .
Sie haben es eingesehen , daß man sich nicht auf den Bauer verlassen
könne , daß der Wein beinahe wie der Tabakbau qualifizierte Arbeit
fordere und nur dann sichere Erträge einbringe . Die Baumschule in
Soroki ( man hat sie „ Pitomnik Jeko " genannt ) hatte eine große Bedeu¬
tung für den allgemeinen Wiederaufbau des bessarabischen Weinbaues ,
der sich Ende des Jahrhunderts in einer traurigen Lage befand .
Eine ähnliche Arbeit wurde auch auf dem Gebiete des Obstbaues
unternommen , aber diese hat nicht so große Erfolge gehabt , da der
Obstbau in Bessarabien keine so sicheren Erträge wie der Weinbau
liefert .
Dank der Entwicklung des Tabak - und Weinbaues ist die landwirt¬
schaftliche Bedeutung der jüdischen Kolonien stark gewachsen . Mochte
das Land , das sie besaßen , für eine genügende Entwicklung des Acker¬
baues nicht ausreichen , so reichte es für eine weite Entwicklung der
Landwirtschaft in ihren intensiven Formen aus .
Wenn man noch die große Zahl der großen und mittleren Land¬
pächter ( Possessoren ) , der jüdischen Angestellten bei den Pächtern und
Gutsbesitzern in Betracht zieht , so muß man zugeben , daß es keine
andere Gegend in Rußland gab , wo die Juden in der Landwirtschaft so
tätig und erfahren waren wie in Bessarabien .
( Schluß folgt )