BIBLIOGRAPHIE
ARTHUR SCHNITZLER : BUCH DER
SPRÜCHE UND BEDENKEN . Phaidon -
Verlag , Wien .
„ Tiefsinn hat nie ein Ding erhellt ;
Klarsinn schaut tiefer in die Welt . "
Wir kennen nunmehr zwei Schnitzler .
Den Dichter , der sich manche „ artistische
Spielerei " gestattete , und den Denker , der den
menschlichen Empfindungen und Beziehun¬
gen bis auf die Wurzel nachgeht , um diese
bloßzulegen . Er sucht Klarheit selbst bei
Analysen verborgenster Empfindungen und
Ahnungen , so daß im ganzen Buche keine
Stelle dem allgemeinen Verständnis unzugäng¬
lich ist .
Ein Buch der Weisheit , das unbewußt
auf Jahrtausende zurückgeht , denn der Kenner
findet Analogien im jüdischen Schrifttum älte¬
ster Zeiten . Vielleicht ist es ein unbewußtes
Erinnern oder auch eine Bestätigung , daß die
Weisheit einzig und einig ist , nur in den Aus -
drucksformen wechselnd . Wir wissen , daß alle
Literaturen seit vielen , vielen Jahrhunderten
aus dem Schatz der Mischna und Gemarah
schöpfen , aus der Agada und aus dem Midra -
schim , Sagen und Erzählungen übernommen
haben , ohne 1 die Quelle zu verraten , die ihnen
zumeist selbst unbekannt geblieben ist .
Im Grundton jedoch , in der pessimisti¬
schen Weltanschauung , steht Schnitzler im
Gegensatz zur alten jüdischen Weltbetrach¬
tung , die durchaus optimistisch ist vom drit¬
ten Tage der Schöpfung an , da der Herr das
Beschaffene besah und fand , „ daß es gut sei " ,
bis auf die letzten Epochen wahrhaft jüdi¬
scher Denkweise . Vielleicht weiß der Dichter
auch nicht , daß seine Ablehnung alles Mysti¬
schen die Ironisierung aller , die , anstatt den
Erscheinungen klar auf den Grund zu blicken ,
sich in mystische Andeutungen flüchten , der
Einstellung unserer alten Weisen entspricht .
Man muß bei Schnitzler unterscheiden
zwischen seiner Einstellung zu den Menschen
und zu den Fragen von ewiger Bedeutung .
Welche Erfahrungen müssen an einem Manne
zehren , der folgendes niederschreibt :
„ Die Anteilnahme der Nebenmenschen
an unserem Schicksal ist Schadenfreude ,
Zudringlichkeit und Besserwissen im wech¬
selnden Gemisch . "
Welch trostloser Niederschlag entmuti¬
gender Erlebnisse , wie sie vielleicht nur im
Wien der Kriegszeit und der Nachkriegszeit
möglich gewesen sind . Nicht viel hoffnungs¬
voller und von erschreckender Treffsicherheit
ist der Ausspruch über unsere Mitschuld an
der Lüge des Tages :
„ Was das Leben so mühevoll und so
hoffnungslos macht , das ist nicht einmal
die Existenz des Unsinnes und der Lüge
in all ihren Formen und Graden , das
Schlimme ist , daß wir immer wieder ge¬
nötigt , ja manchmal gar geneigt sind , uns
mit dem Unsinn , auseinanderzusetzen , als
wenn ihm ein Sinn zu eigen , und mit der
Lüge zu paktieren , als wenn sie guten
Glaubens oder gar die Wahrheit selber
wäre . "
Aussprüche über den Glauben und an¬
dere „ Ahnungen und Fragen " , die in der No -
vembernummer der „ Menorah " an erster
Stelle veröffentlicht wurden , sind von einem
ganz anderen Geist beherrscht , denn dort , wo
Schnitzler sich über den Zusammenhang mit
den Menschen erhebt , lesen wir jene Senten¬
zen , die an altjüdische Lebensweisheit mah¬
nen und die man kaum zu vergessen vermag .
„ Hast du die innere Abgeschlossenheit
errungen , in jedem Augenblick zum Tod
bereit zu sein , dann bist du auch innerlich
so reich geworden , daß du selbst in der
Ewigkeit keine leere Stunde zu fürchten
hättest . "
Dieses Kapitel „ Ahnungen und Fragen "
schließt
„ Wenn du vor den Altar der Wahrheit
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sowohl in Auswahl , als auch in Preiswiirdigkeit unerreicht nur bei Wien , VI . , " " " MI 1 40