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MENORAH
gewachsen . Noch wirkt er vor lauter Angst ,
gegen die Syntax der ungewohnten künstleri¬
schen Sprache zu verstoßen , steif , und über¬
laden vor lauter Bestreben , den Charakter des
üppigen Orientes , in den uns die Legende
versetzt , wiederzugeben . Alle nächsten Werke
jedoch sind ebenso viele Stufen des wachsen¬
den Gelingens , sich im Rahmen der Kunst ,
die er wählte , als Meister und Persönlichkeit
zu bewähren . Merkwürdigerweise förderten
ihn dabei am meisten zwei Werke , die an
sich sehr gefährliche Experimente bedeuten ,
und zwar die Illustration zweier modernen ,
gedruckten Bücher , der „ Versuchung
des heiligen Antonius 41 von Flaubert und
der „ Tänzerin Hagar 4 ' von Benoit . U > u
nämlich die Spannung zwischen dem nüch¬
ternen Druck und den dazugehörigen Minia¬
turen zu mildern , war der Künstler ge¬
zwungen sparsamer , übersichtlicher und weni¬
ger prunkvoll zu werden , und näherte sich so
den echten östlichen Miniaturen , deren ober¬
stes Gesetz Grazie ist . Anderseits half ihm die
Notwendigkeit neuzeitliche Menschen mit
ihren Gebärden und Kleidern , wirkliche Land¬
schaften mit Automobilen und Eisenbahn¬
zügen , in Miniaturen darzustellen , über die
anfängliche Befangenheit hinweg . Nach dieser
harten Schule beherrscht Szyk die Miniatur ,
wie Musiker ein ehrwürdiges altes Instru¬
ment zu behandeln pflegen : rücksichtsvoll ,
doch souverän .
Die Haggada , die er nachher schreibt und
illustriert , lieiert dafür einen prachtvollen Be¬
weis . Schrift — die hebräische des Urtextes —
Umrahmung und Bilder halten einander die
Waage und heben eines den Wert und Aus¬
druck des anderen hervor . Die vorherrschen¬
den hellen und zarten Farben , die Stilisierung
der Szenen und Menschen , die jetzt nicht
der Miniatur , sondern dem Charakter der
Haggada zuliebe vorgenommen wird , lassen
das Buch als schönes , innig - humorvolles
Volkslied erscheinen , das vom freudigen
Pessachfest und seinen Gebräuchen , von
seinem gruselig - wundervollen Anlaß und
vielen , gar vielen Dingen singt und erzählt .
Anders und ebenso gelungen , obgleich
schwerer und komplizierter in Anlage und
Form , ist das nächste , bisher letzte Werk
Szyks . Es ist der Kodex von Kaüsz , der die
Rechte und Privilegien umfaßt , welche seit
dem 13 . Jahrhundert die Basis der rechtlichen
Stellung der Juden in Polen büdeten . Die Aus¬
führung der einzelnen Miniaturen ist schlecht¬
hin meisterhaft . Was aber dem Werk seinen
originellen Charakter verleiht , das ist die Auf¬
fassung des Vorwurfes . Denn diese Bilder sind
eigentlich keine Illustrationen des Textes —
wie wäre dies auch möglich — sondern Phan¬
tasien über die Vergangenheit der Juden in
Polen , die anläßlich der nüchternen Para¬
graphen des Gesetzbuches im Geiste des
Künstlers auftauchen . So sehen wir in bunter
Folge eine Münzstube , in der Juden polnische
Reichsmünzen prägen , ein großartiges jüdi¬
sches Handelsschiff und dann wieder einen
jüdischen Weber am Webstuhl und Schneider
und Schuster und Bäcker an der Arbeit . Und
außerdem huschen drolligerweise zwischen
den Zeilen des strengen goldgeschmückten
Textes Gestalten und Szenen aus dem Volks¬
leben . Eine armselige jüdische Droschke mit
magerein , zerschundenem Gaul taucht auf .
Ein hageres Dorfjüdlein vor einem Herrn
gestikulierend , ist fragmentarisch angedeutet ,
llingehaucht als Spiel der Erinnerung , die
während ernster Arbeit Allotria treibt . Durch
solche Ubereinanderschichtung verschiedener
Motive ist Szyk das Meisterstück gelungen ,
ein Werk zu schaffen , das dekorativ ist wie
ein orientalischer Teppich und zugleich per¬
sönlich und lebenswarm .
Interessant und bedeutsam für jeden , der
die Kultur unserer Zeit studiert , ist es Szyk
in noch höherem Maße für den Historiker
jüdischen Kunstlebens . Denn da stellt er das
höchst seltene Phänomen eines jüdischen
bildenden Künstlers dar , der sich als solcher
auf jüdische Kunsttradition berufen kann .
Die Miniaturmalerei nämlich hat im Gegen¬
satz zu jeder anderen bildenden Kunst unter
den Juden eine lange und große Vergangen¬
heit . Ja , vielfach wird es sogar behauptet , daß
Juden nebst Griechen und Kopten die ersten
Meister dieser Kunst in Alexandrien gewesen
sind und auch an ihrer Pflege im byzantini¬
schen Reich sollen sie großen und rühm¬
lichen Anteil gehabt haben . Sicher ist es
jedenfalls , daß im Mittelalter jüdische Manu¬
skripte häufig illuminiert wurden . In der
bis auf unsere Tage erhaltenen berühmten
Haggada von Serajewo und dem wunder¬
vollen Gebetbuch aus dem 14 . Jahrhundert
können wir ferne und erlauchte Vorläufer
der Bestrebungen Szyks bewundern . Viel¬
leicht ist es ihm vorbehalten , für das Volk
zu bewirken , was jene nur für einzelne
leisten konnten : den jüdischen Festen die
Weihe der Kunst zu schenken und die Kunst
im Leben zu verwurzeln .
Aurelie Gottlieh
J . W . SCHÜLEIN , München , von
dessen interessanten Werken wir zwei Ge¬
mälde hier reproduzieren ( Seite 307 f . ) , zeigt
die Landschaft des modernen Menschen , wo
die Weite der Natur mit der Enge der Straßen
der Großstadt in ' farbigen Kontrasten zu¬
sammenstößt .