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MENORAH
Von der diäter ei
In der Kunsthandlung Würthle , wo auch sonst moderne jüdische
Künstler zur Darstellung ihrer Arbeiten kommen , sind nun die Kreide¬
zeichnungen und Aquarelle von Anna Ticho zu sehen , die unlängst
unsere Pariser Kollegin , Frau Aurelie Gottlieb , in ihrer feinsinnigen
Art in diesen Blättern beschrieben und gewürdigt hat . Obwohl das
Werk der genannten Künstlerin kaum zutreffender charakterisiert
werden könnte , möchten wir auf Grund der Wiener Ausstellung einiges
anmerken , was nun auch unseren Eindruck von der Sache kennzeichnet .
Es ist — in den Landschaften und den figuralen Rötelstudien — ein
bis ins Kleinste reeller Bericht aus Palästina , der im x \ ufbau der Städte¬
bilder selbst vor dem Kleinlichen nicht zurückscheut . Damit geht auch
die Arbeitsweise , das partikelhafte Wesen der Faktur , das gerade Ge¬
genteil von Freiheit zusammen . Aber schon hier wird eine topogra¬
phische Exaktheit erreicht , die vor allem den ansprechen wird , der den
sachlichen Reiz der alten Vogelfluchten — etwa das kartographische
Produkt der alten Holländer — kennt und liebt . Anna Ticho wäre die
berufene Person , diese sehr saubere und schöne , eindrucksvolle Art
perspektivischer Darstellungen der Städte des heiligen Landes in
großen Formaten zu erneuern . Sie würde damit dem Lande auf ihre
Weise dienen und zugleich zeitgemäß bleiben . Denn die Karte kann ja
eine künstlerische Besitznahme des Landes bedeuten und hat das ein¬
mal bedeutet : die Siege im Freiheitskampf der Holländer gegen die
spanische Fremdherrschaft sind durch gewirkte Karten , im Gobelin ,
verherrlicht worden . Und Karten als Wandschmuck sind schon seit
Jahren wieder modern .
Schon in einigen dieser Städtebilder wird die Kreide mit leichter
feinerer Empfindung geführt , im Zug der Atmosphäre auch schon ge
wischt , und in dem , ,Friedhofshügel e < ist ein neuer , freier Vortrag fast
schon erreicht . Wieweit er sich mit der schlichten Absicht , die Charak¬
tere des Landes treu aufzuzeichnen , also bei der Wahrnehmung zu
bleiben , verträgt , läßt sich heute noch nicht sagen . Wohl aber , daß die
Künstlerin in diesem entscheidenden Punkt ihrer Entwicklung steht .
Denn das zeigen die Aquarelle , — alle malerisch , einige überraschend
flüssig und fertig , andere von einer fliehenden , feinnervigen Art , die
das Beste verspricht .
Jedenfalls , schon wegen ihres sicheren , unmodischen Wesens —
ein erfreulicher Gast aus Palästina , wo heute die Tüchtigen am meisten
nottun . vf 17 . 7
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