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Aber cfl bedarf nicht der Bielen , um die leider überall '
wache judenfeindliche Gesinnung zur Bcthciligung auf - !
zurufcu . wird der Landesversamniluug eine Gesetzes - !
Vorlage unterbreitet , nach welcher den Juden auf dem >
platten Laude der Aufenthalt nute ! sagt werden soll . !
Und doch erweisen sich die Juden gerade hier als ein !
überaus nützlicher , ja nothwcndigcr Faktor für den Verkehr .
Sic taufen dein Landmannc seine Produkte zu Verhältnis ; -
mäßig hohen Preisen ab und führen ihn ! die Erzeug -
uissc des städtischen Gewerbcfleißcs zu verhältuißinäßig
billigen Preisen zu . Darauf beschränkt sich namentlich
in Finnland die Thäligkeit der Juden . Damit kommen
sic aber dein städtischen Spießbürger in ' s Gehege ,
welcher gewohnt ist , das umgekehrte Prinzip zu bc -
achten und ans dem Laude ein schönes Kapital zn
ziehen . Je mehr sich die Emsigkeit der Juden in
Finnland bemerkbar ! nacht , desto mehr fordert sie den
' ) ! cid und die Mißgunst der städtischen Kauflcnte heraus ,
und darum soll die Konkurrenz der Juden beseitigt
werden . Das ist das wirkliche und einzige Motiv zu
der drohenden Maßregel . Der Landmann wird dar -
unter indirekt ebenso sehr leiden , wie der fleißige und
genügsame Jude , der zn seinen ! Segen auf die
Dörfer komnit .
~ Petersburg , 15 . Dezember . Nach einer
Privatdepcschc der ״Frkf . Ztg . " hat der Zar einen öfter -
reichischcn Israeliten daS russische Untcrthauenrccht ver -
liehen . Es ist dies insofern bemerkenswerth , als bisher
cs ausländischen Israeliten nicht gestattet war , russische
Untcrthancn zu werden . — Wie der ״Woschod " meldet ,
ist in Batum , den ! bedenteuden Handelsplätze für
den Verkehr in Südrußland , der Befehl zur Aus -
treibnng aller jüdischen Einwohner erthcilt worden .
Batum ist erst seit dem Berliner Kongreß an Rußland
gekommen . Es dürfte aus diesen ! Uinstande vielleicht
für die Wcstnlächte ein Recht hcrgclcitct werden können ,
gegen diese auch deren Interessen schwer schädigende
Maßregel zu remonslriren . Rußland ! vurde Batum ,
welches damals zun ! Paschalik Trapczunt gehörte , unter
der ausdrücklichen Bedingung zugesprochen , daß in
Bezug auf die Rechte der Bewohner keinerlei Acudcrun -
gen vorgenommcn werden sollen .
A . Cbcffa , 10 . Dezember . Es herrscht hier
eine furchtbare Aufregung wegen einer neuesten Bc -
kanntmachung an die hiesige Kausmaunschastsdircklion
des Inhalts , daß alle fremden jüdischen Kauslcute nicht
nur das Zcugniß der ersten Gilde lösen , sondern auch
die besondere Erlaubniß der drei Ministerien des
Innern , Aeußcrn und der Finanzen bcibringen müssen .
Man erwartet große Liquidationcn . Es ist eine De -
putation nach Petersburg entsandt worden , um die
Aufhebung dieser vcxarorischcn , den Odessacr Handel
aber sehr schädigenden Maßregel zn erwirken .
m . Moskau , in ! Dezember . Wie auch die Vcr -
hälmissc der Inden sich trübe gestalten , sie sind vielleicht
im Wesentlichen nicht schlechter als die eines großen
Theilö der Landbevölkerung . Bekanntlich zählt die
Wanderlust einer gewissen Bevölkcrungszifscr zn den
anscheinend unerklärlichen , jedenfalls aber ans dem Elend
entspringenden und für dasselbe zeugenden Erscheinungen .
Daß der anderswo seßhafte Landinann von einer Ge -
gcnd zur andern mit Weib und Kindern wandert , das
ist eine hicrlündischc Spezialität . Der Grund für diese
Erscheinung und das Heilmittel ist leicht zu erkennen .
Der Bauer kann seine Früchte nicht vcrwerthen , weil
der Vermittler fehlt . Der jüdische Handelsn ! ann
könnte ihn ! helfen und würde ihm helfen , aber es ver -
schließen sich ihnen die incisten Gouvernements . Die
bäuerlichen Verhältnisse lassen sich nur dann bessern ,
wenn den Inden Freizügigkeit und Handelsfreiheit ge -
währt wird . Bis dahin verkommt der Bauer und der Jude .
Numänicit .
. . . x . Brlkaresl , 1 8 . Dczcmbcr . Von dem Elende ,
unter welchen ! eine friedliche , arbeitsame und genüg -
jaine Bevölkerung in einen ! zn den Knlturstaatcn sich
zählenden Königreiche Europas seufzt , macht man sich
in ! Auslande noch innner keine annähernde Vorstellung .
Die harten vexatorischen Maßregeln in ! Verein mit
einer willkürlichen Handhabung der obrigkeitlichen Ge -
walt vcrkümincrt die Existenz des größeren Theils der
rumänischen Juden . Hiervon einige ans dem Leben
gegriffene Beispiele , die keines Kommentars bedürfen ,
um die allgemeinste Entrüstung wachzuruscn . wo nicht
ein gehässiges Vorurthcil die Stimme des Rechts und
der Billigkeit erstickt hat . Die ״Fraternitatc " erzählt
folgendes kaum glaubliche Verfahren . In Darabani ,
einem kleinen Orte , starben vor zwei Monaten einem
Bauern und dem Schächter je eine Kuh . Dieses
Krepircn zweier Kühe wurde zn einer Viehseuche ge -
stempelt , und es gelangte ein Befehl des Präfekten an
den Kommissar Filipescn in Dorohoi , dagegen ge -
eignete Maßregeln zn ergreifen . Dieser ordnete sofort
an , daß die Inden einen Graben um den Ort ziehen
sollten , um der angeblichen Viehseuche Einhalt zn ge -
bictcn . Zuerst wurden 10 , hernach 30 Juden requirirt ,
welche ohne Unterbrechung graben mußten und auch
an ! Jom Kippur , trotz aller inständigen Bitten , nicht
von diesem Frohndienst entbunden wurden . Den übrigen
Juden wurde an diesem Tage eine andere Wohlthat
zu Theil . Als diese nämlich in der Synagoge zum
Gebet versammelt waren , umstellte man in Folge
höheren Befehls das Gebäude , drang in das Gottes -
Hans und ließ daselbst große Quantitäten Schwefel
verdampfen . Die Juden , welche vor dem beizenden
Rauch hinanSdrängten , wurden znrückgcwicsen . ' Wegen