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ranurr
DIE STIMME
Die Bestattung '
Max Liebermanns
Über die am 11 . d . M . stattgefundeue Be - <
stattung Max Liebermanns auf dem Alten
Friedhof der Berliner Jüdischen Gemeinde
in der Schönhauser Allee wird uns au < ?
Berlin berichtet :
Ein kleiner Kreis hatte sich eingefmulen .
um dem großen Toten das letzte Geleit zu
geben . In der Halle des Friedhofs war unter
Blumen der Sarg aufgebahrt . Die frauer -
feier begann mit einem Cellospiel . Rabbiner
Dr . W a " r s c h a u e r gab in seiner Gedenk¬
rede eine Deutung des Werkes des \ er¬
storbenen im Geiste der Religion . Was wir
in Max Liebermann in Dankbarkeit an Per¬
sönlichkeit und Schaßen als Gnade Gottes
erkennen und was seine eigene Leistung
war . seine sittliche Leistung , wie die Re¬
ligion sie erfordert — zeichnete er in
schlichten Worten . Für Liebeimann habe
ein Satz Geltung gehabt , den ein talmir¬
discher Weiser einem Freunde zugerufen
hat : Deine Welt magst du schauen dürfen
in deinem Leben . Eine Welt schon der
Dauer nach bedeutete das Leben Lieber -
manns . Es schloß viele Wandlungen im ge¬
schichtlichen und persönlichen Leben ein .
Nicht zuletzt hat sich die deutschjüdische
Bürgerlichkeit , in der der große Künstler
verankert war , gewandelt . „ Wir nehmen
Abschied von ihm “ , so sagte Dr . War¬
schauer , „ als von einer Gestalt , in der ein
Stück Geschichte vollendet war . Ein Vers
jenes Psalms drückt das aus , den Humboldt
das schönste Stück Naturpoesie nannte : . Es
geht der Mensch hinaus zu seinem Schaffen
und zu seinem Dienste bis zum Abend . 4
Schaffen und Dienst war 70 Jahre lang Le¬
bensinhalt des Verstorbenen bis zum Abend
seines Lebens . Klar schied sein Blick
Hohes und Niedriges , Unwertes und Wert¬
volles . Besseres und Bestes forderte er
immer wieder von sich und seiner Arbeit .
Unbestechlich war er im Urteil über sich
selber und sein Schaffen . Die Fülle der
Ehningen machte ihn niemals satt . Er
stürmte ohne Unterlaß vorwärts , immer
wieder über sich selbst hinaus . Sein Werk
ist seiner sittlichen Auffassung der Heili¬
gung des Künstlerischen entsprungen . Es
ist gepaart mit Strenge und Härte des
Pflichtgefühls , die ihn mit dem Geiste des
deutschen Idealismus und des Preußentums
erfüllt sein ließen . In seinem künstlerischen
Ethos erkennen wir den heiligen Quell der
Größe von Max Liebermann . 44
Dann trat Karl S c h e f f 1 e r , der be¬
kannte Kunst - und Kulturkritiker , an die
Bahre Max Liebermanns , um im Namen der
Kunst dem Toten zu danken . , Kin Licht ist
erloschen 44 , so sagte er , „ das zu einem
Leuchtfeuer geworden ist , nach dem die
deutsche Kunst ihren Kurs bestimmt und
immer wieder korrigiert hat . Daß der Ge¬
nius der Geschichte entzündet zu haben
scheint . Licbermann zeigte , daß das Wahre
schön und das Schöne wahr sein kann . Weil
Wahrheit und Schönheit in seinem W 7 erke
eins geworden sind , konnte er zwei Genera¬
tionen von Künstlern Autorität sein . Er
konnte das Gewicht einer Institution an -
nehinmi . Alle fühlten , daß hier ein Echter
das Echte hütete und das ganz selbstlos
tat . S t ' ine Werke wurden Vorbilder . Seinen
kaO ' - ciri ' chen Formulierungen des Kunst -
gesci/ . cs konnte sich niemand entziehen ,
weil sein Talent so zwingend war , wie sein
Charakter . Max Liebermann haben die deut¬
schen Künstler und Kunstfreunde gehuldigt .
Alle fühlten , daß sie ihm Dank schuldig
waren . Mit ihm tragen wir eine ganze Zeit ,
auch im Künstlerischen , zu Grabe . Er war
der symbolische Mensch einer Epoche .
Aber er stirbt nur leiblich , sein Werk geht -
in die Geschichte ein . Es wird Jahrhunderte
überdauern und unsere Kindeskinder wer¬
den es noch sehen . Und es wird ein Glück
sein , dir , Max Liebermann , in Dankbarkeit
treu zu bleiben . 44
Max Liebermanns Judentum
Anläßlich der Aktion zur Ansiedlung der
„ Werkleute " auf Keren - Kajemeth - Boden in
Palästina durch den Keren Hajessod schrieb
Max Liebermann am 28 . Februar 1934 an
einen Berliner Freund unter anderem :
. . h/ . s dem schönen Trnum der Assi -
milation sind wir leider , fehler ! nur zu
jäh aufgeweckt : Für die jüdische Jugend
sehe ich keine Bettung als die . Auswande¬
rung nach Palästina , wo sie a/s freie
Menschen anfwachsen kann und den . Ge¬
fahren des Emigrantentums entgeht . Lei¬
der bin ich , der ich im S7 . stehe , zu . all
um aus zu wandern , aber der heran wach¬
senden jüdischen Generation zu einem
freien Dasein zu verhelfen , scheint mir die
wünsch,enswerteste Hilfe . “
Was leistet der
Bei einer Pressekonferenz in Jeru¬
salem sprach kürzlich Leib Jaffe über
die Tätigkeit des Keren Hajessod .
Wir bringen unseren Lesern einen
Auszug aus den interessanten Darle¬
gungen Jaffes .
Was ist mit 1,600 . 000 Pfund , die der
Keren Hajessod in der Landwirtschaft inve¬
stiert hat , in Palästina geschaffen worden ?
Wir haben heute rund 12 . 000 Menschen in
den vom Keren Hajessod gegründeten oder
subventionierten Siedlungen gegenüber
3000 im Jahre 1924 und 7500 im Jahre 1930 .
In den Siedlungen des Emek hat sich die
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TREFFER
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POLIZZEN
gegen MonatiprJmicn
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Sie haben mich geblendet und geschwächt ,
Sie ließen mich für sie die Mühlen drehen ,
In ihrer Götzen Tempel muß ich stehen ,
Geschornen Hauptes , ein verhöhnter Knecht .
Ich , der die Stärksten rein und stolz geführt ,
Hab ’ dumpf und arglos mich in Lust gebettet
Und mein Geschick mit Frauengunst verkettet ,
Ich klage nicht , mir ward , was mir gebührt .
Geschmiedet in des Hasses harte Haft ,
Umbrandet von der Sieger feigem Spotte ,
Hebt sich mein Heldenherz zu seinem Gotte
Und fühlt im Büßen neuerstand ’ ne Kraft .
Gib , Herr , daß sie noch einmal mich umschwebt ,
Daß unter meines Löwengriffs Umpranken
Die Säulen splittern und die Mauern schwanken
Und die Vernichtung meine Schmach begräbt . .
Oskar Bendiener .
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Zahl der Siedler verdoppelt , aber auch an
den anderen Punkten ist sie erheblich ge¬
wachsen . Mit Freude dürfen wir fo . - 4stollen ,
daß im verflossenen Jahre 5094 zum ersten .
Male die Siedlungen des Keren Hajessod
ihre Bilanz mit Gewinn abgeschlossen
haben . Kurze Zeit noch , dann werden sie
beginnen , an den Keren Hajessod das in .
ihnen investierte Kapital zurückzuzahlen .
Ohne weitere Budgets ißt es den Sied¬
lungen ferner gelungen , eine große Anzahl
neuer Einwanderer aufzunelnncn . Unsere
Siedlungen haben zirka 500 Einwanderer ,
und 350 Kinder und Jugendliche aus
Deutschland aufgenommen , die jetzt dort
• eine palästinensis oh e landw i r ts chaftliehe
Erziehung erhalten : dabei kommen immer
noch weitere Einwanderer , ln unsere Dör¬
fer sind über 265 Eltern und von den Ar¬
beitern abhängige Familienangehörige ein¬
gezogen .
Man hat sich darüber beschwert , daß der
größte Teil der Keren Hajessod - Gelder
nicht an Angehörige des Mittel¬
standes gegeben worden ist . Man hat ;
dabei vergessen , daß aus den Mitteln des
Keren Hajessod zirka 10 . 000 Söhne des
Mittelstandes untergebracht worden sind .
Jetzt bringen diese Kinder ihre Eltern und
Verwandten ins Land . Es ist interessant ,
diese Eltern in den Kwuzot und Moshawim
bei ihrem besonderen Leben , ihrem Gottes¬
dienst und ihren Gotteshäusern zu beobach¬
ten . In Ein Charod haben die Mitglieder des '
Kibbuz ihren Eltern aus den Mitteln ihres
Kultnrbudgets eine Thora - Rolle zutu
Geschenk gemacht . Einer der Väter sagte ;
„ Wir haben der Chaluziut unserer Kinder
uns widersetzt , man trauerte um diese Kin¬
der , die nach Palästina gingen , beinahe wief
man um einen Toten trauert , und jetzt kom¬
men wir in ihren Dörfern u . nd Kwuzot zu
unserer Ruhe . “
Die Kolonisation ist heute leichter und
billiger .
Wir haben heute einen Bauern , der im
Boden wurzelt , mit der Natur verbunden
Mefo & iscU & s - Eowaut
Sonntag , den 10 . Februar , fand im
Großen Konzerthaussaal das mit
Spannung erwartete , vom , . K eren
K a j e m e t h “ und dem Klub „ E r e z
Israel “ gemeinsam veranstaltete H e -
bräische Konzert statt , das dem
Gedenken C h a i m Nach man B i a -
liks gewidmet war .
Der Name B i a 1 i k in Verbindung mit
dem Großen Wiener Konzerthaitssaal weckt
wehmütige Erinnerungen : Jänner 1932 .
Mächtiger Orgelklang schallt durch den
lichtumfluteten schönen Saal . Er kündet den
Willkommgruß , das „ Baruch Haba “ , dem
größten lebenden Dichter , der an jenem
Abend vor einem illustren jüdischen Publi¬
kum eine , die Herzen der Wiener Juden -
schaft weckende Predigt hielt . An jenen
Abend , der allen Teilnehmern zu einem star¬
ken , unvergeßlichen Erlebnis wurde , muß
man heute denken . Dazwischen liegen drei
ereignisreiche , schwere Jahre . Eines , das
letzte , in vieler Beziehung das schwerste ,
ließ auch die Stimme Bialiks verstummen .
Die Liebe und Verehrung der Wiener Ju¬
denschaft für den großen Dahingeschiedenen
kam auch an diesem Abend zum Ausdruck .
Dr . Dawid R o t h b 1 u m , der Präsident der
HLtadruth Iwrith , wies in seiner hebräischen
Gedenkrede auf Bialiks zukunftssehöpferi -
sche , bedeutungsvolle Arbeit hin , auf den
sogenannten „ K i n u s “ , dessen Wesen darin
besteht , die großen Werte jüdischer Ge¬
schichte früherer Jahrhunderte dem jüdi¬
schen Menschen von heute zugänglich ge¬
macht zu haben . Darin vvr Bia ! ! ! ; - Wirkt ■
nni . - d - ggültig . Er iiat damit eine Kuitm -
schöpfung inauguriert , die schon jetzt auf
überraschende Ergebnisse zurückblicken
kann .
• k
So sehr die Idee der Veranstalter des
Hebräischen Konzerts , einerseits das Anden¬
ken Bialiks in einem großen Rahmen zu
ehren , anderseits das Bestreben , Werte jüdi¬
scher und hebräischer Musik einem größeren
Publikum zugänglich zu machen , zu begrüßen
war , so muß leider im vorhinein festgestellt
werden , daß Wille und Fleiß allein nicht aus¬
reichen , um auch künstlerisch dieser hier
skizzierten Idee zu entsprechen . Daran än¬
dert nicht die Tatsache , daß an diesem
Abend all die herrlichen Perlen Bialikscher
Dichtung gehört werden konnten , und daß
sich , was billigerweise zugestanden werden
muß , alle Akteure um das hebräische Wort
an diesem Abend recht bemüht haben . Es
fällt dem Referenten herzlich schwer , hier
mehr als guten Willen gelten zu lassen , es
fällt ihm noch - c ! : < ■ erer , hier ein Wort der
Kritik zu unterdrücken . Der Name Bialik
verpflichtet . Und durch die Aneinander¬
reihung von Gedichten , vertonten und un ver¬
tonten . ist dieser Verpflichtung noch nicht
Genüge getan . Prof . Arthur Wolf , der
künstlerisch verantwortlich zeichnende Lei¬
ter dieses Konzertes , in allen Ehren . Er hat
die Einstudierung der Chöre liebevoll besorgt ,
sie mit jugendlichem Schwung auch an die¬
sem Abend geleitet und sich auch sonst mit
aller Kraft um die Ausgestaltung und Durch¬
führung des Programms bemüht . Es soll
hier nicht die Frage , ob es eine jüdische ,
hebräische Musik gibt , angeschnitten werden .
nach diesem K ■ rnuüi . . ia < f - au -
ng gestimmt werden und in der Beantwor¬
tung dieser Frage Skeptizismus Platz greifen
lassen . Und noch etwas : Das Leben in Pa¬
lästina ist so bunt , so glutvoll und farben¬
reich , daß es unverständlich bleibt , bei einer
Vertonung eines Bialikschen Gedichtes , das
von diesem pulsierenden , neuen jüdischen ,
farbenprächtigen Bildstreifen erzählt , daran
vorbeizugehen und sich in einer lithurgisohen
Welt zu bewegen , die doch ihre eigenen und
anderen Gesetze und Werte hat . Lithurgie
in allen Ehren . Der Vortrag von Psalmen
hat in einem hebräischen Konzert seinen be¬
rechtigten , ja sogar bevorzugten Platz . Man
mißverstehe uns nicht . In einem hebräischen
Konzert , das noch dazu dem Dichterfürsten
der neuhebräischen Poesie gewidmet ist ,
muß aber auch jenes Lied vom neuen jüdi¬
schen Menschen , vom neuen jüdischen Leben
und Weben mitschwingen . Zu dem schönen
„ Haohnissini “ - Gedicht gibt ' s z . B . eine rei¬
zende Melodie . Aber man hörte sie nicht in
diesem Konzert . Statt dessen kam eine kan¬
torale Komposition zu Gehör .
Nach diesen vielleicht etwas scharfen Wor¬
ten , die niemandem wehtun wollen , bleibt
nur noch zu registrieren : daß die künstleri¬
schen Höhepunkte des Abends die Darbie¬
tungen des ausgezeichneten Knabeuchoros
des Stadttempels , der unter der sorgfältigen
Leitung des talentierten Dirigenten Kurt
F u c h s g e 1 b Bialiks „ Techesaknah “ in
musterhafter Weise interpretierte , und das
Spiel des Meisters Julius W o 1 f s o h n s
waren . Das Virtuosentum dos Pianisten
Wolfsohn ist von berufener Seite bereits ge¬
nügend gewürdigt worden , so daß es sich
erübrigt , hier noch besonders darauf liiuzu -
’ vi * isc * n Darüber hinaus aber erzielt , . ' leister
Wolfsohn in dem unübertrefflichen Vortrag
seiner Paraphrasen jüdischer Volksliedmotive
nicht zuletzt deshalb die große Wirkung ,
weil er aus dem Vollen jüdischen Wissens
und Empfindens schöpft . Die ganze reiche !
Welt des jüdischen Menschen , der Kleinstadt
des Ostens , die Sphäre dos ostjüdischen .
Hauses , des Kindes , des Lehrers , der jiidw
sehen Hochzeitsstube , zaubert Meister Wolf - ,
sohn auf der Klaviatur vor . Es war das
Stärkste an diesem Abend . Oberkantor Igno
Mann aus Brünn , der über eine schöno
Opernstimme verfügt , holte sieh einen war - :
men Applaus , ebenso fanden Oberkantor
P o s t o 1 o w , Opernsänger Julius Kurz und
Konzertsüngorin Grete Rosen fehl , der
am besten das Wanderlied „ Haljalkut al Iias
schnellem “ gelang , reichen Beifall .
Ganz ausgezeichnet war das Spiel des Or¬
chesters des Bundes jüdischer Frontsoldaten ,
welches sich insbesondere in der Wiedergabe
der Mendelssolinschen Symphonie zu blen¬
dendem Zusannnenspiel fand . Ein Wort
schließlich über die Chöre , die im großen
und ganzen ihrer nicht leichten Aufgabe sich
durchaus gewachsen zeigten , und schließlich
ein lohendes Wort für den Dirigenten des
Gesangvereines , Israel B ra n d m a n n , dem
leider an diesem Abend viel zu wenig Wir -
kungsfehl geboten wurde .
Alles in allem hat , das Hebräische Konzert
mehr Wünsche olTengelasscn , als ihre Erfül¬
lung gebracht . Die Zeilen sollen keine Kri¬
tik bedeuten . Dies sei nochmals betont . Sio
sollen bloß eine Anregung sein , nicht zuletzt
für die mit so viel Eifer und Aufopferung
bei der Sache gewesenen Künstler und Ver¬
anstalter , insbesondere für den Klub Ercz
Israel , der hei Veranstaltungen oft schon mit
großem Erfolge eine glückliche Hand bewies ,
für das — nächste Konzert sein . j . r .
*