Nr . 6 .
Die Wahrheit .
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in der Bibel und dem Talmud durch besondere Erfolge Hervorthun . Die
Finanzbehörden haben die Befreiung dieser Stiftungen vom Gebühren -
Aequivalent verweigert , weil der Stistungszwcck nicht als ein Unterrichts¬
zweck anzusehen sei , indem das vom Stifter angcstrebte Ziel , dass Mittel¬
schüler aus dem Deutschen in ' s Hebräische übersetzen und selbständig
Talmud lesen lernen , über den Rahmen des Lehrstoffes für Mittelschulen
offenbar hinausgehe , weil ferner der Zweck der Stiftung hauptsächlich ein
religiöser sei . Der Vorstand der israelitischen Cultusgemcinde in Wien
und das Curatorium der Sü ' crmann ' schen Stiftung haben durch ihren
Vertreter Dr . Adolph Stein die Beschwerde beim Verwaltungs - Gerichtshöfe
ergriffen . Der Verwaltungs - Gerichtshof unter Vorsitz des Präsideliten Baron
Lemayer hat die Entscheidung der Finaiizbehörden aufgehoben mit der
Motivirung , dass es sich allerdings um einen Unterrichtszweck handle , und
zwar um den Unterricht in einer israelitisch - theologischen Disciplin . Ta
das Gesetz den Stiftungen zu Untcrrichtszwecken ohne weitere Unterscheidung
die Befreiung vom Gebühren - Aeguivalent zugestehe , sei es auch glcichgiltig ,
ob ein Mittelschülern zu ertheilendcr Unterricht über den Nahmen des
Lehrstoffes der Mittelschule hinausgehe .
Waidhofen a . d . Shaya . Zum Andenken an ihren kürzlich in
Wien verstorbenen Vater , Herrn Josef Schüller , haben die Hinterbliebenen
in hochherziger Weise 50 fl . dem hiesigen Frauen - Wohlthätigkeits - Verein
mit der Bestimmung zugewiesen , dass die Zinsen davon alljährlich vertheilt
werden , das Capital aber unangetastet bleiben soll . Die Veranlassung
dürfte der Umstand gewesen sein , dass die Tochter des Verewigten , Frau
Antonie Singer , diesen Verein ins Leben gerufen hat und auch seine
Präsidentin ist .
Mähr . - Ostrau . Der Senior der Aerzte in Polnisch - Ostrau , Herr
Dr . Josef Wechsberg , der sich als Arzt und Menschenfreund eines hervor¬
ragenden Rufes erfreut , begieng am 1 . Februar das Fest seines vierzig¬
jährigen Doctorjubiläums . Während dieses langen Zeitraumes hat Herr
Dr . Wechsberg seinem edlen Berufe unausgesetzt seine volle Kraft gewidmet ,
war bis vor wenigen Jahren der einzige Arzt in Polnisch - Ostrau und
Umgebung , wo er auch mit Aufopferung während der schwierigsten Zeiten
als Gemeinderath thätig war . Er hat auch seine Kräfte in den Dienst der
Oeffentlichkeit gestellt und hat sich insbesondere um die Organisation des
Schulwesens Verdienste erworben . Ekenso hervorragend war seine Thätig -
keit als Mitglied der Gemeindevertretung Poln . - Ostrau und als Obmann
des vor einiger Zeit gegründeten ärztlichen Vereines von Mähr . - Ostrau
und Umgebung . Der Ausschuss der israelitischen Gemeinde , deren Präses -
Stellvertreter der Jubilar ist , üb . rreichte eine kunstvoll ausgestattcte Adresse .
Auch seitens der übrigen Körperschaften wurden dem Jubilar aus diesem
Anlasse Erinnerungen zugedacht .
Osdenburg . Am 31 . v . M . fand unter großer Betheiligung das
Leichenbegängnis des Herrn Moritz Klabcr statt . Der Verblichene erfreute
sich in der hiesigen orthodox . Gemeinde infolge seines großen Wohlthätig -
keitssinnes allgemeiner Beliebtheit . Rabbiner Grünwald hielt einen ergrei¬
fenden Nachruf .
Der Nihilist .
Ein Zeitroman aus dem russisch - jüdischen Leben
Von Moritz Scherbett
( Nachdruck verboten . ) ( . - » . Fortsetzung . )
Fremma Glanzberg war am andern Morgen eben im
Begriff , einen Ausgang zu machen , um die Folgen einer schlaflos
verbrachten Nacht in der freien und frischen Luft zu verwischen ,
als Rahel , die 19jährige Tochter des Getreidehändlcrs Lolkind
Aronsohn , bei ihr eintrat und nach kurzem Gruße ihr ein ver¬
siegeltes Bittet übergab , in welchem Alexander , mit begeisterten
Worten den mächtigen Eindruck schilderte , den ihre Erscheinung
bei ihm zurückgelassen , und die flehentliche Bitte aussprach , ihm
am heutigen Nachmittage , bevor er diese Stadt verlasse , im
Hause seiner Tante eine Unterredung zu gewähren .
Fremma ' s Mädchenstvlz sträubte sich wohl entschieden gegen
die Gewährung dieser Bitte , aber ihr Herz trat als mächtiger
Anwalt für den unglücklichen jungen Mann auf . Sie liebte den
Nihilisten von jenem Augenblicke an , da sie ihn mit flammender
Begeisterung für seine Ueberzeugung cintreten sah . Allein , durfte
sie sich dieser sonst so beseligenden Neigung hingcben , durfte sie
ihr folgen ? Alles , was sie in dieser Beziehung zu erwägen sich
verpflichtet hielt , sprach sich dagegen ans . Was werden die
Eltern , was werden die Geschwister sagen , wenn sie von diesem
Verhältnis Kenntnis erhalten ? „ Er ist ein Staatsverbrecher ,
er ist ein Ungläubiger , ein Mann ohne Existenz , ohne Lebens¬
stellung , Deiner und unser unwürdig — lass ab von ihm , denn
unsere Einwilligung zu dieser unseligen Verbindung wirft Du
nimmermehr erhallen ! " Dass es zu dieser Aussprache kommen
werde , darauf konnte Fremma mit Sicherheit rechnen und sie
erkannte , dass es ihre pflichtmäßige Ausgabe sei , jetzt schon
diesem verhängnisvollen Berhältniße dadurch die Spitze ab¬
zubrechen , dass sie die von ihr verlangte Zusammenkunft versagte .
Davon wollte aber ihr Herz nichts wissen . Hätte er ihr nicht
geschrieben und seine Gefühle so offen dargelcgt , so wäre es ihr
mit der Zeit sicher gelungen , die Neigung für den Studenten
zu unterdrücken . Nun aber , da er sich bittend an sie gewendet ,
da ihre Gefühle mit den seinigcn sich begegneten , konnte sie der
Liebe nicht mehr Widerstand Leisten .
Der innere Kampf war entschieden . Sie wandte sich an
die auf Antwort wartende Rahel und sprach :
„ Haben Sic die Güte , mich heute Nachmittag abzuholen ,
ich werde zu Ihrer Begleitung bereit sein . ' '
Und so hatte Alexander am Nachmittage Gelegenheit , Fremma
im Hanse . seiner Tante noch einmal zn sehen und ihr seine
Liebe zn gestehen .
Gern hätte auch Fremma ihm ihre Gegenliebe offen bekannt ,
doch in der Erkenntnis dessen , was sie der Frauenwürde schuldig
sei , brachte sie vorerst die Stimme ihres Herzens zum Schweigen
und sprach mit vornehmer Ruhe : „ Wenn Ihnen das , was Sie
von mir zu hören wünschen , in Ihrem jetzt so gefährdeten
Dasein , in den Lebenskämpfen , die Ihnen noch bevorstehen ,
einigen Halt gewähren kann , so spreche ich Ihnen meinen innigen
Autheil au ihrem Geschicke gern und freimüthig ans . Verschmähen
Sic aber auch nicht den wohlgemeinten Rath einer für Sie
besorgten Freundin und machen Sie sich frei von den unseligen
Schlingen einer Conspiration , die , wie schön auch ihre Zwecke
sein mögen , dennoch die Betheiligtcn in ' s Verderben führen muß . "
„ Das geht nicht ! " , erwiderte Wandelowicz kopfschüttelnd ,
„ denn es scheint mir verdammcnswerth , mit einer eingegangenen
Verpflichtung zu brechen . Lassen Sic mich vorerst noch das
begonnene Spiel mit dem Schicksal fortsetzen ; aber nehmen Sie
Dank für die mir zugesagte Theilnahme , für die Sorge um
den Verfolgten , und gestatten Sie mir , Sie hin und wieder von
meinem Ergehen in Kenntnis zu setzen Darf ich das thun ?
„ Gewiss , es wird mir Beruhigung gewähren , über Sie
von Zeit zu Zeit etwas zu erfahren . "
Während der Unterredung der beiden jungen Leute gieng
Frau Aronsohn öfters durch das Zimmer , ohne sich jedoch am
Gespräche zu betheiligen .
Jetzt erhob sich Fremma . Sie reichte Wandelowicz die
Hand und sprach : „ Leben Sie wohl . Die gütige Vorsehung
möge Sie in Schutz nehmen und Ihrem Geiste die Richtung
geben , die Sie zum wirklichen Lcbensheile führt . "
Er drückte die ihm dargereichte zarte Hand ehrfurchtsvoll
an seine Lippen . „ Ihr guter Genius , werthe Freundin , wird
mich begleiten und darum kann ich die Hoffnung auf bessere
Zeiten nicht aufgeben . Mögen auch Sie vor jeder schmerzlichen
Erfahrung gewahrt sein . Leben Sie wohl ! "
Gefolgt von den Segenswünschen der Frau Aronsohn schritt
Fremma an der Seite Rahel ' s der Wohnung des Großvaters
zu . Der Gang , den sie jetzt gcthan , war kein vorwurfsfreier ,
das fühlte , das erkannte sie , allein sie liebte Wandelowicz mit
allen Fasern ihres Herzens und das Bewusstsein , sich von
Alexander geliebt zu wissen , machte sie trotz aller Bedenken glücklich .
( Forts , folgt . )