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Die lvahryeu .
Nr . 1 .
Lehrpläne des israelitischen Religionsunterrichts dürste sich
nun auch nicht eine einzige Stimme mehr erheben . Dass sich
diese Einsicht in so weiten Kreisen Bahn gebrochen hat , ver¬
danken wir sowohl einem bessern Urtheil über unsere gegen¬
wärtigen Zustände , wie nicht minder der Vertiefung unserer
geschichtlichen Erfahrungen . Welche Zeichen des bedrohlichen
Verfalles sind nicht in jenen Gemeinden zu Tage getreten ,
in welchen man seit Jahr und Tag kein Hebräisch mehr in
den Schulen gelehrt hat . Das Judenthum ist dort geradezu in
den Zustand einer galoppirenden inneren und äußeren Zersetzung
eingetretcn . Bei besserer Verwerthung unserer geschichtlichen
Kenutniße hätten wir uns diese derbe Züchtigung , die der
Lauf der Zeiten uns gegeben , eigentlich ersparen können .
Das alexandrinische Judenthum der alten Zeit hätte uns da
als warnendes Beispiel dienen sollen . Es war damals , als
das alte Rom seine eiserne Hand auch auf unser Volk legte ,
also 100 Jahre vor Beginn der bürgerlichen Zeitrechnung ,
sowohl an Zahl wie au Wohlstand , fachmännischer ' Bildung
und allgemeiner Cultur der Judenheit des Mutterlandes weit
weit überlegen . Es beherrschte die zahlreichen Gemeinden des
vorderen Asiens wie die in den Ländern des Mittelmeer -
beckeus . Von den furchtbaren Heimsuchungen , die von Rom
über unser Volk ausgiengen , wurde es meist gänzlich verschont .
Wie ist es dennoch , einmal in den Wirbel der Ereigniße
hiueivgeriffen , spurlos in demselben untergegangeu ! Das war
bis zu dem Maße der Fall , dass sin den weitesten Schichten
des jüdischen Volkes bis an die Schwelle der modernen Zeit
nicht einmal eine Erinnerung von seinem ehemaligen Bestände
und seiner herrlichen Blüthe sich erhalten hat . Erst die moderne
Geschichtsforschung hat die Kunde davon aus dem Schutte
alter Dokumente hervorgeholt und mit Entsetzen uns erkennen
lassen , wie unerbittlich die Geschichte an denjenigen sich rächt ,
die sich an ihrem Geiste versündigen . Das alexandrinische
Judenthum suchte diesen Fehler womöglich noch zu überbieten .
Nicht damü zustieden , dass es dem Judenthum den Geist
ausgetrieben und ihm an dessen Stelle einen griechischen ein -
gepßümzt , es ging in seiner Verblendung noch weiter , indem
es ihm den urwüchsigen Leib , die hebräische Sprache , abge -
streist und an dessen Stelle einen zierlichen , griechischen ge¬
geben hat . Nachdem man solcher Maßen Leib und Geist dem
Judenthum geraubt , blieb nicht viel mehr als eine formlose
todte Masse zurück . Die aufstrebende Kirche hat das auch
ganz richtig anerkannt und dieselben als Dünger benutzt , um
in der wetten heidnischen Welt ihre Felder damit zu bestellen .
Der Beweis ist augenscheinlich . In der hebräischen Juden -
heit konnte sich das Christenthum nicht behaupten , daher denn
auch die in hebräischer Sprache abgefassten Urschriften der
Evangelien sich nicht erhalten haben . In der griechischen
Judenheit konnte sich wiederum das Judenthum nicht behaupten ,
daher denn diesem auch die Erhaltung der griechischen Ueber -
fetzungen jener Evangelien zu danken ist .
So hatte denn das Judenthum wieder einmal den
Dünger abgegeben , mit welchem andere ihre Aecker zu einem
üppigen Gedeihen brachten . Nur hierauf ist das noch heute
wie ein unlösbares Räthsel vielfach erscheinende Wachsthum
der Kirche in den beiden ersten Jahrhunderten nach ihrem
Entstehen zu erklären . Sie konnte an keinem Orte , wo es
nicht zuvor alexandrinische Judengemeinden gab , Wurzel fassen * ) .
Welchen Dank dieselbe dem Judenthum für seine Liebes¬
dienste erwiesen hat , mag hier unerörtert bleiben . Wollten
wir uns nicht zum zweitenmale der Zukunft und der Geschichte
gegenüber an den Pranger stellen , so war es gerade noch an
der Zeit , dass wir in andere Bahnen einlenkten .
( Fortsetzung folgt . )
* ) Bergleiche hiezu noch die geistreichen Auseinandersetzungen ,
die mein Vater y ' jjy in seinem Werke milT 71212/1 8 U Joma Fol . 31 giebt .
Äudenthunr und jüdische Religion .
Von B . Felsenthal .
II .
1 . — Der Jude wird als Jude geboren . Nicht erst
durch irgend eine Aufnahmsceremonie wird ein jüdisches Kind
Mitglied der Gemeinschaft der Juden , und nicht durch einen Act
seinerseits vermag der Jude aus dieser Gemeinschaft heraus »
zutreten . Er ist und bleibt ein Jude bis an sein Lebensende
infolge seiner Geburt . — Wie oft schon wurde dieser Satz in
neuerer Zeit nachgesprochen , ohne dass man dessen eigentlichen
Sinn begriffen und dessen Tragweite verstanden hat ! Wenn
Aub , Einhorn und andere in ihren Katechismen , wenn Jellinek ,
Stein und andere in ihren Kanzelvorträgen , wenn eine ganze
Anzahl hervorragender jüdischer Theologen in zahlreichen
wissenschaftlichen Gutachten und sonstigen Artikeln diesen Satz
mit entschiedener Billigung und mit scharfer Emphase betonten ,
so waren sie — und sie waren sich dessen bewusst — vollkommen
im Einklang mit einer von der Wissenschaft der Ethnologie
anerkannten Thatsache und mit dem Lehrinhalt des Judenthums
aller Zeiten . Diese Thatsache und die ihr entsprechende Lehre
ist : Die Judenheit ist ein besonderer Stamm , und jeder Jude
( selbstverständlich mit Ausnahme der Proselyten ) wird in diesen
Stamm hineingeboren .
2 . — Was zunächst die Wissenschaften der Ethnologie
und der Anthropologie betrifft , so lehren sie es als Grundwahrheiten ,
die fast axiomatische Geltung haben , dass jeder Mensch als eine
individuelle Persönlichkeit in die Welt eintritt . Zugleich ist er
aber infolge seiner Abstammung ein Kind seiner Eltern — ein
Glied des weiteren Verwandtschaftskreises — ein Angehöriger
der Familie — der Sippe — des Stammes — und zuletzt der
Gesammtmenschheit . Das ist Naturordnung , und daran ändert
unser persönliches Meinen oder Behaupten auch nicht das
Allergeringste .
3 . — Nun zum Lehrinhalr des Judenthums in früheren
Zeiten ! Nach der Bibel waren die Juden , oder richtiger : die
Nachkommen des Patriarchen Jacob , ganz gewiss ein besonderer
Stamm . Die Völkertafel im elften Capitel des ersten Buches
unserer Thora enthält den Stammbaum des Patriarchen , und
sie und ihre Nachkommen sind darin als Bene Schern , als
Semiten bezeichnet . Andere daselbst ausgezeichnete Völkerstämme ,
oder deren angebliche Urstammväter , galten als Chamiten oder
Japhetiten . Da in dieser biblischen Ethnologie die ganze Menschheit
als von Noah abftammend anfgefasst wird , so werden auch
alle Menschen Bene Noach , Noachiden genannt . Und insofern
diese die sieben noachidischen Gebote beobachten , sind sie in einigen
Punkten von der Halachah höher gestellt worden , als jene
anderen Noachiden , welche dem groben Götzendienst fröhnen .
4 . — Die Eintheilung der Menschheit in Semiten ,
Chamiten und Japhetiten galt während des ganzen Mittelalters
und bis in ' s achtzehnte Jahrhundert herunter als sachlich richtig .
Wie die scholastischen Philosophie - Systeme , die der Juden
sowohl die der Christen , so konnten sich auch die Realwiffenschaften
nicht frei machen von der erdrückenden Herrschaft der „ Königin
aller Wissenschaften " , der Theologie , und so blieb diese biblisch¬
ethnologische Eintheilnng der Menschheit fest und unangetastet
bis in die Mitte des vorvorigen Jahrhunderts .
5 . — Wenn nun auch , wie von namhafter Seite gesagt
worden ist , in der Litteratur das Wart „ Semiten " vor dem
achtzehnten Jahrhundert wirklich nicht auffindbar sein sollte , so
waren jedenfalls Aequivalente dafür in Gebrauch , da ja der
Begriff und die dem Begriff zu Grunde liegende Sache seit
dreitausend Jahren vorhanden waren . Ln pasoant , auch
Antisemitismus , Begriff und Sache ist uralt . An dieser
feststehenden Thatsache wird nichts geändert , falls es vielleicht
auch richtig sein sollte , dass das Wort Antisemitismus erst in
der Mitte des letzten Jahrhunderts von Renan gemünzt und
in Umlauf gesetzt worden sei . Gewiss , der edle , echt humane ,
mildgesinnte Renan war nicht der Vater des realen Antisemitismus ,