Nr. 38.

Die Wahrheit

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wieder edelste Menschenliebe, Sehnsucht nach Wahrheit und Erkenntnis, Streben nach Selbstverbessernng und damit Besserung der Gesellschaft. Wir müssen nur auf unser modernes staatliches und gesellschaftliches Leben Hinweisen, um die Wahrheit des oben ausgesprochenen Satzes zu erhärten. Dasselbe Rußland, welches die blutigstell Menschenschlächtereien, die entsetzlichsten Pogroms die schaudernde Menschheit hat miterleben lassen, brachte einen Manu hervor, welcher vor zehn Jahren, an seinem 70. Geburt»? tage, die Menschheit mit seinerAuferstehung" überraschte, in der er Rückkehr zu der Menschlichkeit verkündete, zu dem, was man alsUrchristentum" 31t bezeichnen pflegt, das aber nichts anderes ist, als die prophetische Lehre des Judentums, und der jetzt, rin seinem 80. Geburtstage, als der eigentliche Befreier der geknechteten Menschheit gepriesen, als der größte unblutige Revolutionär verherrlicht wird. Und dieser Graf T o l st o i be­kennt sich zu jener Lehre des Vegetarismus, die Leopold Schwarz in seinem Werke, ..Der Weg zum Hei!"?) als die eigentlicheG e s e l l s ch.a f t s- u n d Selbstrefor m" bezeichnet. Mau wird dieses 161 Seilen umfassende Buch nicht ohne Interesse und, was mehr besaget! will, nicht ohne Belehrung lesen. Es ist das Buch eines wahren Idealisten, eines Optimisten von starker Ueberzengung, der seine Lehre nicht nur mit Worten verkündet, sondern auch in die Tat übersetzt hat. Denn der Verfasser der 24 Artikel dieses Werkes lebt seit Jahren als reiner Vegetarier.Der Mensch ist. was er ißt," dieser Satz klingt zwar sehr materialistisch, in Wirklichkeit aber drückt er den erhabensten Idealismus aus, will er doch nichts anderes besagen, als daß mau ans einem corpus sanum zu einer mens sana gelangän solle. Das klingt ans allen den Aufsätzen hervor, die das Buch von Schwarz zusammenfaßt. Was uns als Juden aber in diesem Werke besonders interessiert, ist der Nachweis, daß unsere Bibel Vorkämpferin des Vege­tarismus genannt werden kann, durch ihre Speisegesetze und durch die Erschwerung des Fleischgenusses, welche in diesen Vor-, schriften überall enthalten ist.-) . '

Sehr lesenswert ist in diesem Betracht besonders der 15. Aufsatz des vorliegenden Werkes,Uecher Veget a r i s- m u s, E s s ä e r- u n d . C h r i st e n t n m," der vom Buche Daniel (Kap. I., V. 818) ausgeht und nachweist, daß die E s s ä e r, ans deren Mitte7"'.vielleicht das Christentum hervor­ging,vollständig des Fleischgeunsses, sowie des Weines sich enthielten". . , / .

lieber die Essäer, oder besser- gesagt Essener, wurde seit Gsrörer, Dähue, Baur bis auf Schürer viel geschrieben, ohne daß man zu einer richtigen Anschauung über diese merkwürdige Sekte" gelangt ist. Wir möchten den Herrn Verfasser, der sie aus den altenNasiräern" ableitet, auf. das Werk von M. F r i e d l ä n d e r,Zur Entstehungsgeschichte des Christentums,"^) verweisen, das sich eingehend mit demE s f e n i s m n s" beschäftigt. Danach ist Alexandria die Gebnrtsstätte des Essenismus, welcher die T i e r o p f e r ver­wirft, die Unsterblichkeit der Seele und die Sündhaftigkeit des Fleisches lehrt?) Sei dem, wie immer, so viel steht fest, daß die Fleischabstinenz sich aus dem Geiste der heiligen Schrift ergibt und in jenen Zeiten, da ans dem Judentum eine neue Lehre hervorging, wohl bekaimt war und auch in gewissen Kreisen geübt wurde. Heißt es doch schon auf den ersten Blättern der Genesis":Sehet da, ich .habe euch gegeben allerlei Kraut, das sich besamet auf der ganzen Erde und allerlei- fruchtbare Bäume, und Bäume, die sich besamen, zu euerer Speise?) Diesem Verse fügen lvir zwei andere an, die ihrem rein ethischen Inhalte nach, eine Ergänzung bieten' sollen zu dem, was S ch w a r z inbezug auf die Bedeutung der Bibel für den

Vegetarismus sagt. Diese Verse finden sich im V. Buche Mosis^) und lauten:Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst... vernichte nicht ihr Gehölz. . ., denn ist der Baum des Feldes ein Mensch, daß er vor dir in Belagerung komme? Nur ein Baum, von dem du weißt, daß er kein F r u cd t b a u m ist, den magst du vernichten und umhanen und Belagernngswerke gegen die Stadt bauen, die mit dir Krieg führt, bis sie gefallen."

Aus dem Kapitellieber Vegetarismus, Essäer- und Christentum, kann man nun ersehen,wie der moderne Vege­tarismus zum großen Teile an die Bibel und vielfach ganz be­sonders an'das Essüertum anknüpft". Es gibt der Verfasser in diesem Kapitel eine förmliche, gelehrte Geschichte des Vege­tarismus, welchsr von seiner großen Belesenheit ebenso Zeugnis liefert, wie von der wissenschaftlichen Gründlichkeit, mit der er seinen Gegenstand durchdringt. Wir lernen das Werk des Franzosen.G l e i g e s kennen, das im Jahre 1821 erschien, .Thalysie, ou la Nouvelle Existence, welches ganz aus biblischer Grundlage beruht und dem Vegetarismus einen reli­giösen Charakter znerkeunt. Der freireligiöse Prediger Eduard B al tz e r, der bedeutendste Führer der deutschen Vegetarier, der Swedenborgische Prediger William C o w h e r d, vor gerade 100 Jahren, und in Amerika Fred. W. Eva u s, sie alle sind Vertreter der Lehre, welche tierische Nahrungsmittel und alkoholische Getränkeals die hauptsächlichste Ursache der Laster bezeichnen, unter denen die Menschheit leidet". Der berühmteste Vegetarier der Gegenwart (da wir das WortJetztzeit" nicht gebrauchen wollen) ist aber Graf Leo Tolstoi, dieser Vielgefeierte, dessen vegetarischesUrchristentum" vollständig e s s ä i s ch genannt werden muß. Aber auch ganz naturwissenschaftlich geschulte Vor­kämpfer des Vegetarismus, wie die deutschen Aerzte Dr. Richard Nagel und Dr. Wilhelm W i n s ch. stützen sich ganz aus die Lehre der Essäer, wie sich dies ans dem Werke des Ersteren, Moses und die Propheten, leuchtende Vorbilder für alle Zeiten und Völker", und aus dem Aufsätze des Letzteren.War Jesus ein Nasiräer?" ergibt.

Wir scheiden von diesem interessanten, lehrreichen, auch für uns Inden bedeutsamen Werke mit dem Wunsche, daß Denker und Sucher, Kranke und Müde" in ihm finden mögen, wasder Dichter für Dichter und Denker", der große Shelley, dieserHohepriester der aufopferndsten Menschenliebe und des seligsten Friedens", in seinerQuee.n Mab" weissagend verkündet hat. In dieser Prophetie, die im 18. Lebensjahre des Dichters entstanden ist,welcher Schonung des Tierlebens lehrte und bis zu seinem Tode jede Leichenkost verabscheute", heißt es: Die lautre Wahrheit und das Glück sind endlich,

Wenn spät auch, dieser Erde aufgegangen;

Der Friede stählt den Geist. Wohlsein den Leib.

In diesem mischt sich Lust nicht mehr mit Pein . . .

Jegliche Art des Stoffes leiht der Allmacht Des Geistes ihre Krast. der aus dem Dunkel Ans Licht den Edelstein der Wahrheit fördert Zu schmücken seines Friedens Paradies.

Dr. Max G r ü n s e l d. Brünn.

!) Leopold Schwarz (Brünn),Der Weg zum Heil", Neue Beitrag» zur Gesellschasts- und Selbstreform. Verlag von A. Peitz & Sohn, Flöha i. S-, 1908, II. Auslage.

2) Dr. B i l f i n g e r - Eisenach,Die gesundheitliche Frage im Lichte der Religion," in der ZeitschriftGesundes Leben" (V. Jahrgang. 1. Heft, April, 1908V

3 ) Wien 1894, Alsred Hölders Verlag.

4 ) a. a.. O., S. 109.

b) I. B. Mos., Kap. I, 29.

Tempellpenden für die Allianr.

In unserer jüngsten Generalversammlung würde u. a. auch auf den bedauerlichen Umstand hingewiesen, daß außer in den Wiener Hauptsynagogen fast nirgends in 'Oesterreich an den Feiertagen, zugunsten der Allianz gespendet werde. Da in jeder größeren Kultnsgemeinde die Wohltäter besonders an den hohen Feiertagen neben Pen lokalen humanitären Anstalten auch der großen jüdischen, für unsere Gesamtheit wirkenden Vereine gerne gedenken, so braucht es wohl nur einer Anregung dazu, um auch unserer Organisation, welche für das Hilfswerk zugunsten unserer osteuropäischen verfolgten Glaubensgenossen, wie für ihre anderen statutarischen Hilfszwecke großer Mittel bedarf, nach Möglichkeit Spenden ^zuzusühren. Wir erlauben uns daher die geehrten Herrn Kultusvorstünde und Bethaus­vorsteher dringend zu bitten, ch i e Allianz in d i e L i st e der bei den Spenden zn berücksichtigendeu

°) Kap. XX. B. 19, .20.