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Eugen Hoeflich : Der Berg des Hindernisses
versagt . Der Orientale drängt im Wunsche vorwärts , ohne praktische Vor¬
anschläge . Der Gegensatz ist in zwei Worten zusammengefaßt : der Orientale
will das Streben ( sittliche Ziele bleiben immer unerreichbar ) , der Okzidentale
den Erfolg .
Im Helden ist der Wunsch zur gesteigerten Körperkraft , im Heiligen das
Streben zum Übersinnlichen symbolisiert . Der Held vollbringt seine Taten durch
Naturkraft , der Heilige durch seine geistige und sittliche Natur . Die Erden¬
wünsche des okzidentalen Märchens finden ihre Verwirklichung in der Natur¬
wissenschaft und Technik , das orientalische Herumschweifen in der Transzendenz
wird erfüllt im heiligen und sittlichen Menschen , letzten Endes in Gott .
So ist das Märchen eine willensbetonte Vorahnung der Entwicklung und
birgt darum höhere Wahrheit als die Augenblickswirklichkeit . Sein Ausdruck
hat musikalischen Charakter , ist unkörperlich , auf das Innerste gerichtet , un¬
greifbar , Symbol allgemeinsten Wesens — trotz seiner anschaulichen Mittel
„ abstrakte " Kunst . Seiner hohen Wahrheit wegen , die nichts Unwesentliches
aufkommen läßt , ohne es im Keime bei der Nacherzählung auszumerzen , und
seiner lebendigen nicht ausgeklügelten Seele wegen verdient das Märchen als
die zentralste und gültigste Kunst innerhalb des Wortgebietes erkannt zu werden .
Wien Meir Wiener
DER BERG DES HINDERNISSES
Am Berge des Aufganges stand ein Jude . Nach Osten gewendet sprach er ,
, und in seiner Stimme lag Verzweiflung :
Dort und da bist du , o Gott über der Welt , doch die Berge läßt du zwischen
dort und da . Stehe ich mit dem Rücken zum Berge , dann ist keiner hinter
mir , der mich versteht ; wende ich mein Gesicht zum Berge , dann biete ich den
Rücken jenen , die mich nicht verstehen wollen .
Da kam eine Stimme von jenseits des Berges . Und es war ein gelber Mann ,
der so sprach :
Dort und da bist du , o Gott über der Welt , doch die Berge läßt du zwischen
dort und da . Stehe ich mit dem Rücken zum Berge , dann ist keiner hinter
mir , der mich versteht ; wende ich mein Gesicht zum Berge , dann biete ich den
Rücken jenen , die mich nicht verstehen wollen .
Und siehe , als der Jude seine Worte von jenseits des Berges wieder kommen
hörte , sah er , daß er nicht allein sei , und er erkannte , daß er nur rufen müsse ,
um mit Gott über die Berge zu gehen , ohne seinen Boden zu verlassen .
Und siehe , da sahen miteinem Jude und Chinese mit großem Staunen , daß
sie einander verstanden trotz der verschiedenen Sprachen . Und ihre Seelen
waren erfüllt von großer Zukunftsfreude in den Tagen der Wunder .
Es rief der Jude über den Berg : Einander ?
Es rief der Chinese über den Berg : Einander !
Wien Eugen Hoeflich
Für die Redaktion verantwortlich : Siegfried Lehmann , Berlin W 30 » Eisenacherstr . 29 . — Für Österreich : Dr . M . Präger ,
Wien I , Rotenturrastraße 22 . — Verlag von R . Löwit , Berlin und Wien . — Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig .