Nationale Minderheitsrechte der Juden
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Staats - oder für die nationalen Minderheiten das Nationalitätenrecht * ) ,
Wie jene die Inhalte des nationalen Lebens , ist dieses seine Form .
Ebenso wie früher die religiöse Bindung in dieser Betrachtung nur nach ihrer
politischen Potenz , nämlich ihrer soziologischen Funktion , das Judentum zu
erhalten und die assimilierenden Tendenzen zu überwinden , nicht aber in ihrer
inneren Bedeutung gewertet wurde , hat dies auch bezüglich der nationalen Werte
zu geschehen . Wenn ich auf die Frage , wie ein Judentum in der Diaspora
weiterhin möglich sei , geantwortet habe : durch nationales Bewußtsein und natio¬
nale Erziehung , so bedeutet dies die Annahme , daß diese nationalen Existenz¬
mittel heute stärkere Machtpotenzen darstellen , als die früher genannten reli¬
giösen Faktoren . Und ebenso ist auch das Nationalitätenrecht gleich der reli¬
giösen Begrenzung durch das Ritualgesetz hier in dem Sinne zu verstehen , in
dem Wilhelm Dilthey * * ) das Recht als eine „ Funktion der äußeren Organi¬
sation der Gesellschaft " definiert und von dem er weiter sagt , daß es „ die Macht¬
sphären der Individuen * * * ) im Zusammenhange mit der Aufgabe abmesse ,
welche sie innerhalb dieser äußeren Organisation gemäß ihrer Stellung in ihr
haben " . Noch deutlicher drückt der Soziologe und Staatsrechtslehrer Ludwig
Gumplowiczf ) das Wesen des Rechtes als Abgrenzung der einer Rechts¬
persönlichkeit zustehenden Machtbefugnisse aus : „ Alles Recht ist
nichts anderes als die von den um Macht und Einfluß im Staate kämpfenden
sozialen Gruppen jeweils festgesetzte Grenze ihrer Herrschaf t und ihres Ein¬
flusses , aus welcher Feststellung die subjektiven Rechte sich ergeben . Diese
Grenze aber wird je nach dem Wechsel der Macht dieser Gruppen bald hin ,
bald her geschoben . Letzteres gilt anscheinend nur vom Staatsrecht ; im Grunde
aber ebenso vom Privatrechte . "
* ) Man vergleiche hiezu : Edmund Bernatzik , Über nationale Matriken , Wien , 1907 ,
S . 34 . „ Es ist nicht zu leugnen , daß , wie ja oft betont wurde , eine gewisse Verwandtschaft ,
ja Konkurrenz zwischen beiden Empfindungen [ nationaler und konfessioneller ) besteht .
Auch heute noch , da es in der zivilisierten Welt keine Nationalreligionen mehr gibt —
etwa die jüdische ausgenommen . Ist doch , mag man es beklagen oder nicht , im gesell¬
schaftlichen Leben der Gegenwart das nationale Gefühl in manchen Beziehungen an Stelle
des religiösen getreten " . S . 47 , Note 44 weist Bernatzik auch darauf hin , daß auf früheren
Kulturstufen , welche das Prinzip der individuellen Freiheit der Religion nicht kennen , die
Konfession mit der Nationalität verschmilzt . Im Orient , in Rußland , auf dem Balkan , in
Bosnien , haben sich die Begriffe nicht gesondert . — Vgl . ferner Josef von Eötvös , Die
Nationalitätenfrage , Pest , 1865 , S . 63 ; „ Die Nationalität ist gleich der Religion Sache des
Gemütes und gehört daher unter jene Gegenstände , welche nicht durch einen Machtspruch
der Majorität , sondern nur durch gegenseitiges Einverständnis endgültig entschieden werden
kann . " Ferner Keleti in seinem Gutachten für den Petersburger Internationalen stati¬
stischen Kongreß X874 : „ La nationalite est un sentiment analogue a celui de la religion
s ' alüant au patriotisme , qui anime tout Tindividu et pouvant dependre du libre choix aussi
bien que la patrie . " — Schließlich auch Karl Renner , Das Selbstbestimmungsrecht der
Nationen , Wien , 1918 , S . 111 ( bzw . Rudolf Springer , Der Kampf der österreichischen Na¬
tionen um den Staat , Wien , 1902 , S . 64 ) : „ Ist auch der Inhalt des konfessionellen und natio¬
nalen Lebens und Rechtes grundverschieden , so weist doch die formelle Rechtsabgren¬
zung — und nur diese kommt hier in Betracht — zwischen Konfession und Konfession ,
sowie zwischen Kirche und Staat fruchtbare Analogien auf . "
* * • ) Wilhelm Dilthey , Einleitung in die Geisteswissenschaften , S . 97 .
* * * ) Dilthey spricht nur vom Privatrecht , doch bezieht sich die Definition selbstverständ¬
lich auch auf die Kollektivpersönlichkeiten wie die Nation eine ist .
t ) Gumplowicz - Bischoff , Das österreichische Staatsrecht , Wien , 1907 , S . 2 .