496
David Arjeh Friedmann :
für eine geeignete Erziehung der zahlreichen Waisen des von aller Welt ver¬
lassenen Volks zu sorgen .
Grundlage für die Arbeit der Abteilungen des „ ha - Mawri " , wie das Amt
heißen mag , werden die statistischen Zählungen sein , für deren Aufnahme ein
spezieller klarer Plan auszuarbeiten ist . Bisher besitzen wir fast gar keine
jüdische Sanitätsstatistik , und das geringe Material für eine Pathologie des jü¬
dischen Volks , das es bereits gibt , danken wir nur dem Zufall . Ohne Zweifel
könnte die Organisation für Volksgesundheit auch zu einer wissenschaftlichen
Zentrale werden , was für die Fragen der jüdisch - nationalen Gesundheitslehre von
großem Wert wäre .
Das alles kann und muß ein Nationalamt für Volksgesundheit übernehmen .
Und ein solches Amt muß geschaffen werden , weil kein fremdes — öffentliches
oder staatliches — Amt alle diese Aufgaben , die samt und sonders nationales
Gepräge tragen , erfüllen kann . Deshalb machen doch die Juden so wenig
Gebrauch von den allgemeinen hygienischen Hilfsanstalten , selbst dort , wo solche
existieren , und in den meisten Ländern der jüdischen Massensiedlung besteht
überhaupt keine Organisation für private und öffentliche Hygiene . Außerdem
ist der Masse des Volks die populäre Literatur der übrigen Völker , die der
Warnung vor den Infektionskrankheiten und der Erteilung zweckdienlicher Ma߬
regeln dient , unzugänglich . Ebenso hat das Volk , auch in den gebildeten
Schichten , kaum einen Begriff von richtiger Erziehung und guter Wartung , von
einer Ernährung , die diesen Namen verdient , und von angemessener Kleidung ,
und wie Ähren auf verlassenen Feldern wachsen unsere Kinder auf , ohne daß
Eltern und Lehrer eine Ahnung von ihren körperlichen und seelischen Leiden
und Qualen haben . *
Diese Lücken in der Kenntnis und Beobachtung der Hygiene in Schule und
Haus , im Bereiche des Einzelnen wie der Öffentlichkeit , hat das nationale Volks¬
gesundheitsamt auszufüllen .
Zu diesem Zweck zerfällt es in den lokalen Bedürfnissen und Sitten ange¬
paßte Landeskommissionen . Jede Kommission unterhält in allen jüdischen Sied¬
lungen Abteilungen . Die Abteilungen umfassen alle jüdischen Ärzte , die den
Volksmassen nützen wollen , sowie alle Nichtfachleute , die einsehen , wie nötig
die Rettung des jüdischen Körpers ist , und mit Hilfe der jüdischen Gemeinden
oder des Aktionskomitees der Organisation selbst setzen die Abteilungen des
„ ha - Mawri " alle Beschlüsse der Landeskommission und des Zentralamts in die
Tat um .
In Osteuropa wird es auch Pflicht der Landeskommissionen sein , für aus¬
reichende medizinische Hilfe in Gestalt von Ärzten , Pflegern und Schwestern
für die jüdischen Kleinstädte zu sorgen , denn der Mangel an jüdischer Hilfe
dieser Art übt hier auf den Gesundheitszustand der Massen keinen guten Ein¬
fluß aus .
Ferner gehört zu den Aufgaben der Landeskommissionen : die Gründung von
Schulen für jüdische Krankenschwestern , die — einmalige oder zyklenweise —
Veranstaltung von populären Vorträgen , die Einberufung jüdischer Ärzte¬
konferenzen , die Herausgabe von Fachzeitungen für die Aufgaben der Or¬
ganisation .
Ein besonders wichtiges Kapitel ist die Beteiligung der Landeskommissionen
an der Organisation der großen Wanderung , die wie ein Sturmwind in naher