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Provinz Entre - Rios , Santa Fe , etwa 76 Werst nord¬
westlich von der gleichnamigen Stadt , und Mauricio
260 Werst westlich von der Stadt Buenos - Aires .
Diese Kolonien nehmen einen Flächenranm von
359 758 Hektar ein , wovon 202 412 kolonisiert sind .
Insgesamt sind 1394 Familien ( 7658 Personen ) ange¬
siedelt In allen Kolonien gab es am 1 . Januar 1904
24 Schulen , die von 776 Knaben und 627 Mädchen
besucht wurden . Die Zahl der Bethäuser beträgt 5 .
An Vieh besitzen die Kolonien 53 000 Stück
Hornvieh , 13 000 Pferde und 3500 Schafe . Mit Weizen
sind 21000 Hektar besäet , mit Flachs 17 000 , mit
Mais 14 000 .
Die meisten Kolonisten sind aus Rußland ge¬
kommen ; nur in der letzten Zeit hat auch ein Zuzug
aus Rumänien und anderen Gegenden stattgefunden .
Jeder Kolonist empfängt Land , Gebäude,Inventar ,
mit einem Wort alles Notwendige , um seine Wirt¬
schaft anzufangen . Er muß den Preis dafür , den er mit
5 % zu verzinsen hat , in 20 Jahren abzahlen . An¬
fänglich bekam jeder Kolonist 50 Hektar Land zu¬
gewiesen , doch stellte sich bald heraus , daß dies bei
den argentinischen Verhältnissen nicht ausreicht ,
um in die Höhe zu kommen . Vorzugsweise findet
die Ansiedlung in Gruppen von 4 Höfen statt . Für
je 2 Höfe wird ein gemeinsamer Brunnen angelegt .
Die einzelnen Ansiedlungsgruppen sind von einander
1 Kilometer entfernt , was für die Kommunikation
nicht besonders schwierig ist . Auf je 12 Gruppen
entfällt eine Schule . Der weiteste Weg , den die
Kinder zurückzulegen haben , beträgt mitbin 3 Kilo¬
meter .
Die Häuser werden aus Ziegelstein erbaut und
mit verzinktem Blech eisen bedeckt . Das Haus , S
mal 4 Meter im Umfang , mit 3 Fenstern in der
Fassade , hat zwei Zimmer und kostet etwa 40 Pfd .
Sterling ( 800 Mark ) .
Der Kolonist empfängt das fertige Haus , eine
eingefriedete Fläche von 25 Hektar und eine unein -
friedete von 125 Hektar . In der eingefriedeten
Fläche kann er Gemüse bauen , Bäume pflanzen ,
Luzernen bauen , auf der uneingefriedeten Felder
anlegen . Außer Gut und Land erhält er 8 Ochsen
zur Arbeit , 12 Kühe , 4 Pferde , 1 Wagen , 2 Pflüge ,
1 Es : ge usw . Die Gesamtschuld des Kolonisten be¬
trägt im Durchschnitt 7000 Pesas ( 12 . 000 Mark ) ,
wovon 4000 auf das Land , 3000 auf alles übrige
entfallen .
Jede Kolonie hat zur Leitung ihrer Angelegen¬
heiten folgende Administration : einen Verwalter
( Gehalt 8500 Mark ) , einen Gehilfen desselben ( 6000
Mark ) , einen Buchhalter ( 3500 Mark ) , 2 Schreiber
( ä 1000 Mark ) alle bei freiem Quartier . Auch die
ärztliche Hilfe wird ia den Kolonien gut bezahlt .
So bezieht ein Arzt etwa 10 000 Mark , ein Feldscher
2000 Mark bei freiem Quartier .
Ernste Feinde der Wirschaft sind die Ameisen ,
zu deren Bekämpfung sogar ein besonderer Apparat
erfunden ist .
Die Weizenernte in der Kolonie Clara beträgt
53V 2 bis 67 Pud pro Hektar , doch kommen auch
ungünstigere Jahre vor . Die Einerntung kostet etwa
4 Mark pro Hektar , die Arbeit und die Pferde nicht
gerechnet .
Schafe kommen in den Kolonien gut fort , doch
ist die Zucht derselben für viele Kolonisten noch
schwierig , da der Weideraum der Schafe eingehegt
werden muß und aßerdem gedeckte Stallungen für
sie aufgeführt werden müssen , in denen die Schafe
in der schweren Regenzeit Schutz linden können .
Aeitere Kolonisten beschäftigen sich aber mit Erfolg
auch schon mit der Schafzucht .
Unter den Kolonisten , die sich in Rußland mit
Kramhandel und Handwerken beschäftigt haben ,
haben sich nicht wenige als gute , energische Land¬
wirte gezeigt .
Die argentinischen Gerichte gefallen den jüd .
Kolonisten wenig . Die Verhandlungen werden in
spanischer Sprache geführt , Dolmetscher gibt es nicht ,
und die Urteile entsprechen häufig nicht der Ge¬
rechtigkeit . In der Kolonie Lucienville hat sich des¬
halb eine „ Primera Sociedad Agricola Israelita " ge¬
bildet , welche bereits 60 Mitglieder zählt und zur
Schlichtung von Streitigkeiten ein Schiedsrichter -
Komitee von 15 Mitgliedern gewählt hat .
Die landwirtschaftliche Saison in Lucienville
beginnt Ende Mai . Zuerst wird Weizen gesät .
Mais wird Ende September , im Oktober , ja selbst im
Dezember gesät . Die Fröste sind für Weizen im
Juli und August gefährlich , für Mais im April und
Mai . — Viele Kolonisten in Lucienville haben
begonnen , sich mit der Geflügelzucht zu beschäftigen .
Die Hühner vermehren sich erfolgreich und finden
überall genügend Futter . Eier finden unbeschränkten
Absatz , und zwar zu dem guten Preise von 1 Kopeke
pro Stück , während Milch sehr billig ist und nach
Abzug der Transportkosten zu den großen Molkereien
nicht mehr als 25 Kopeken pro Eimer erzielt .
Die wichtigste Bedingung für den Wohlstand
des UeberSiedlers nach Argentinien liegt in seiner
Familie . Erfolgreich arbeiten nur diejenigen Kolo¬
nisten , welche eine große Familie haben . Der Durch¬
schnittskolonist erzielt im Jahr an Geld für den
Verkauf von Getreide und anderen Produkten etwa
1300 Mark . An die Administration sind etwa 000
Mark an Abzahlungen zu leisten , sodaß ihm noch
700 Mark bleiben .
In den günstigsten Verhältnissen befindet sieh
die Kolonie Mauricio , weil sie einem guten Absatz¬
markt , der Stadt Buenos - Aircs , nahe liegt und auch
nicht durch Heuschrecken , Dürre oder allzuviel Regen
zu leiden hat . Diese Kolonie hat eine Bevölkerung
von 1128 Seelen ( 164 Kolonisten - Familien ) und hatte
Anfang 1904 schon IS 267 Hektar Land bestellt .
Hornvieh gibt es hier 5611 Stück , darunter 2555
Milchkühe , ferner 3500 Pferde . Auch die Schafzucht
hat hier schon einen ziemlich beträchtlichen Umfang ;
man zählt etwa 3000 Schafe .
Wenn die Juden nach Buenos - Aircs kommen , so
sind alle über ihr seltsames , erschöpftes Aussehen
erstaunt ; langschößige Röcke , geflickte schmutzige
Mützen , Peijes , auf den mageren Gesichtern Nieder¬
geschlagenheit . Aber in Argentinien werden sie
rasch neue Menschen ; sie tragen keine Peijes mehr ,
ihre Kleidung ist die aller Argentinier , das Gesicht
gewinnt einen offenen , kühnen Ausdruck . Besonders
das junge Geschlecht , das schon die Schule durch¬
gemacht hat und spanisch spricht , hat sich die