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Die jüdischen Frauenvei
Von Dr . o e c . p u b 1 . J ;
Im Rahmen der jüdischen Wohlxahrts - \
pflege spielen die Frauen - Vereine eine be - i
deutende Rolle . Ihre Tätigkeit läßt sich j
aus dem Gebiete der sozialen Fürsorge
nicht wegdenken , und es würde eine Arbeit
für sich darstellen , wollte man im einzelnen ;
die Leistungen der jüdischen Frauen - Vereine i
zu schildern versuchen , wie sie in zahl¬
reichen Berichten uns vorliegen .
Ihre Entstehung reicht ziemlich weit zu¬
rück , wenn auch nicht in so ferne Zeit , wie
bei den Chewras Kadischas oder Männer -
Vereinen . Immerhin besitzen wir eine ganz
stattliche Anzahl von jüdischen Frauen -
Vereinen , die mehr als 100 Jahre zählen .
Wir nennen nur die Frauen - Vereine in i
Kassel , Frankfurt a . CX , Grätz , Chemnitz ,
Köln , Breslau , deren Gründungszeit uns be¬
kannt geworden ist . Weitaus die meisten
aber stammen aus der zweiten Hälfte des
vergangenen Jahrhunderts und sehr viele
aus den letzten Jahrzehnten . Die modernen
Aufgaben , welche die Frauen - Vereine zu er¬
füllen haben , vor allem die Jugendpflege
sind erst in dieser Zeit entstanden und
haben die Begründung von Frauen - Vereinen
zur Folge gehabt . Leider existieren nur
wenige historische Darstellungen der Frauen -
Vereine , die zweifellos ein hochinteressantes
Bild der Entwicklung jüdischer Wohlfahrts¬
pflege , wenn auch auf einem begrenzten
Gebiete , entrollen könnten . Ganz besonders
instruktiv aber scheint uns der Bericht aus
Kassel zu sein , der anläßlich des 100jährigen
Bestehens des Vereins im Jahre 1911 ver¬
öffentlicht wurde . Nach vieler Richtung
l ) Auszug aus Kap . 4 . „ Die jüdischen Frauen¬
vereine " des Heft X der Veröffentlichungen
des Bureaus für Statistik der Juden
„ Jüdische Wo hlfahrtspflege inDeutsch -
land B .
eine in Deutschland . 1 )
c o b S e g a 11 , Berlin .
hin dürfte er typisch auch für den Werde¬
gang anderer jüdischer Frauen - Vereine sein ,
sodaß wir ihn in seinen Grundzügen wieder¬
geben wollen . Die Gründung reicht zurück
in die ersten Tage der Befreiung aus dem
Ghetto durch Bonaparte . Als man die
Pforten des Ghetto öffnete , wurde von
2 Frauen begonnen , eine geregelte Armen -
und insbesondere Krankenpflege auszuüben .
Die Notwendigkeit scheint sich aus dem
Grunde gezeigt zu haben , weil man im
Ghetto , wo die Juden dicht nebeneinander
wohnten und ihre persönlichen Verhältnisse
genau kannten , mehr in der Lage war , den
Armen wirklich zu helfen , während draußen
außerhalb des Ghetto die zufällige Wohl¬
tätigkeit der einzelnen Mitglieder zwischen
schlechten und faulen Armen auf der einen
Seite und wirklich arbeitsunfähigen und be¬
dürftigen auf der anderen Seite nicht recht
unterscheiden konnte . Der jüdische Frauen -
Verein war am Orte der erste seiner Art .
Einige Jahre später , nämlich 1817 , erfolgte
die Gründung des israelitischen Schwestern¬
bundes zur Erziehung und Ausbildung
armer jüdischer Mädchen und erst 1840
entstand ein allgemeiner Frauen - Verein
für Krankenpflege , der denselben Zweck ,
wie der jüdische Frauen - Verein verfolgt .
Der Hauptzweck war , wie aus § 5 des ersten
Statuts hervorgeht , dafür zu sorgen , daß die
ortsanwesenden armen Kranken während
ihrer Krankheit einen Arzt und die not¬
wendigen Heilmittel und Labungen erhalten ,
daß ihnen auch nötigenfalls jemand zur
Aufwartung gestellt werde . § 6 regelt die
spezielle Fürsorge armer Wöchnerinnen und
§ 7 bestimmt , daß bei einem Sterbefalle
sämtliche Mitglieder der Gesellschaft zum
Nähen der Totenkleider eingeladen werden
sollten , ohne denselben jedoch in dieser