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danach behandelt . Die äußere Erscheinung des jüdischen Lebens '
ist gerade nicht dazu geeignet , das besagte Vorurtheil zu be - ,
seitigen , vielmehr ist es so beschaffen , selbst einen unparteiischen ,
aber oberflächlichen Beobachter gegen uns einzunehmen . Sind
schon die ganze äußere Erscheinung meiner einheimischen Glau - !
bensgenoffen , ihre halbaflatische und vernachläsflgte Tracht , ihr >
babylonischer Jargon , ihre ungeschliffenenen Manieren und Ge - (
berden nicht gerade Sympathie erweckend , so muß der Jude ,
durch seine ausschließliche Beschäftigung mit Handel und Ge - j
werbe seinem christlichen Mitbruder Concurrenz bietend , ihm ,
geradezu zum Gegenstände des Haffes werden , den zu bekämpfen, !
er , der Christ , vor keinen Mitteln in seinem Gewiffen zurück -
zuschrecken braucht . Zudem gehört es zum Fluche , welcher auf
Israel lastet , daß man in der Regel nur seine Schatten - , selten
aber auch seine Lichtseiten kennt , daß der unausbleibliche Abfall
eines Volkes bei uns der Oberhefe gleicht , die auf der Ober¬
fläche schwimmt und Allen in ' s Auge fällt , und schließlich ,
daß unsere Feinde , die sonst vom Talmud , ohne ihn zu kennen ,
nicht allzu sehr eingenommen sind , doch von der talmudischen
Vorschrift ~ ' Z , 17 CCiy blTXr bz sehr viel zu halten
scheinen und für einen jüdischen Schurken das ganze Juden¬
thum verantwortlich machen ; dagegen betrachten sie den an - j
ständigen Juden als eine Ausnahme , welche die Regel nur -
bestärkt . Das ist leider ein altes Lied , doch bleibt es immer
neu , und da dieser Punkt eine bedeutende Rolle in der jüdischen j
Frage spielt , so konnte ich mir nicht versagen , ihn hier eingehender !
zu besprechen .
Alle diese und vielleicht noch andere Ursachen , die ich hier
übersehen haben mag , haben die Lage der Juden hier zu
Lande zu einer beispiellos kummervollen gestaltet . Die Vor¬
stellung der kühnsten Phantasie vom Elend und Jammer der -
russischen Juden muß weit hinter dem schrecklichen Bilde ber |
traurigen Wirklichkeit Zurückbleiben . Es zu schildern , versagt
mir die Feder .
Nachdem ich so dem knappgemeffenen Raume dieses
Blattes gemäß die jüdische Frage in Rußland von verschiedenen
Seiten zu beleuchten gesucht habe , werde ich nun auf die
Mittel zur Lösung derselben übergehen .
Sie gänzlich zu lösen , ist nur die völlige politische
Gleichstellung im Stande . Selbstverständlich ist noch lange
nicht mit dem Tage , an welchem diese Gleichstellung
proclamitt wird , die jüdische Frage gelöst . Die Wunden ,
welche Jahrhunderte des Druckes und der Verfolgung geschlagen
haben , können nicht im Nu vor dem Hauche der Emancipation und
der Toleranz vernarben und geheilt werden . Die Veränderung
im Leben eines Volkes geht sehr langsamen Schrittes und
braucht mehrere Decennien , um sich auch nur einigermaßen be¬
merkbar zu machen . Aber was kommt auch darauf an ?
Jedenfalls ist nach geschehener Gleichstellung die jüdische Frage
nur noch eine Frage der Zeit . Erkennt einmal die Regierung
die Juden als gleichberechtigt mit allen anderen einheimischen
Staatsbürgern an , so ist ihnen die Freizügigkeit , der Landbesitz
und der Zugang zu öffentlichen Aemtern gewährt . Der Jude
ist dann nicht mehr ausschließlich auf Handel und Gewerbe
angewiesen , er darf ziehen , wohin er will ; zerstreut unter
Andersgläubigen wird es ihm auch leichter fallen , mit der Zeit
fortzuschreiten . Er wird von seinen Nachbaren leben lernen . Auch
der gegenwärtige jüdische Gemeindevorstand würde dann einem
beffern Organe Platz machen müffen . So würde mit der Zeit
die materielle Noth beseitigt werden und mit ihr die geistige
Zerfahrenheit , denn die Consequenz der Gleichstellung würde
erheischen , daß die Regierung den Rabbiner voll und ganz als
Geistlichen anerkennt , und von ihm auch als Orthodoxen —
i im Gegensatz vom sogenannten Kronsrabbiner — einen gewiffen
! Grad allgemeiner Bildung verlangen . Der Rabbiner , der
! einiges Wiffen hat und die Landessprache kennt , wird nicht
imehr gegen Bildung eifern , er wird den Zeitgeist und die
Bedürfniffe seiner Gemeinde mehr zu würdigen wiffen , und so
[ dürfte es allmählich kommen , daß das , was wir bis jetzt von
j den Kronsrabbinern erwattet , ohne es erreicht zu haben , uns
die „ alten " Rabbiner bieten könnten und die Doppelgestalt des
Rabbinats würde sich dann mehr und mehr verlieren . Anstatt
daß die Gemeinde jetzt zwei Rabbiner zu unterhalten hat ,
brauchte sie dann nur einen zu besolden und wird sie in Folge
deffen dem Einen mehr bieten können , als es sonst der Fall
war ; dann würde der Rabbiner ausschließlich den Anforde¬
rungen seiner Gemeinde leben . So könnte sich auch die alte
Achtung vor dem Rabbiner und das alte Verttauen zu ihm
wieder einsinden , und wir hätten dann Geistliche , wie sie bei
uns von Nöthen sind . Die Regierung würde auch , dann an
die Spitze der jüdischen Geistlichkeit ein Consistorium stellen ,
welches die Oberaufficht über die Rabbiner hätte ; schwierige
religiös - gesetzliche Fragen entschiede , das Volk vor den etwa
vorkommenden Uebergriffen und Irrlehren des Rabbiners schützte ,
und ihre Religionsgenoffenschaft in confessionellen Dingen der
Regierung gegenüber verttäte . Ein solches Consistorium würde
mit der Aufsicht über eine zu gründende Hochschule für jüdische
Wissenschaft , zur Heranbildung von Rabbinern und Religions¬
lehrern , betraut werden . Ter jüdische Religionsunterricht würde
dann in allen öffentlichen Schulen , welche von Juden besucht ,
obligatorisch werden , gleich jedem entsprechenden Unterricht an¬
derer Confessionen . Kein 12 ^ 2 und tWi würde dann
unterrichten dürfen , bis er nicht wenigstens die Prüfung als
Elementarlehrer bestanden hätte und vom Consistorium ein Zeug -
niß aufwiese ; kurz — mit der Gleichstellung würden von selbst
die bedeutendsten Uebel aus dem Wege geräumt werden .
Aber auch dann noch würde ein großes Stück Arbeit für
uns selbst übrig bleiben . Wir werden nicht blos die Regie¬
rung bei allen Bestrebungen , neue Ordnung in das jüdische
Leben hineinzubringen , unterstützen müffen , es wird noch