mühungen zur jüdischen Besiedelung Palästinas zu
fördern .
Das ist nun die diplomatische Lage , vor der die
zionistische Bewegung steht . Vier Mächte , mit die
grössten , die sich in die Herrschaft über den Erdball teilen ,
haben , wenn nicht für das jüdische Volk , doch für den
Zionismus freundliche Gesinnungen geäussert . S . M . der
deütscheKaiser hat unserer Bewegung bei ihrem Ursprung
sein Wohlwollen ausgedrückt . Die Britische Regierung
ist bereit , ihre Sympatie in Begleitung von köstlichen
Imponderabilien in einer sehr greifbaren und
praktischen Form , in Form einer Land Verleihung
zu betätigen . Die Russische Regierung hat ihre Be¬
reitwilligkeit ausgesprochen , unsere Pläne , soweit sie die
jüdische Besiedelung Palästinas betreffen , zu fördern .
Die Vereinigten Staaten von Nord - Amerika haben in der
letzten Zeit zwei diplomatische Schritte getan , welche
die Hoffnung rechtfertigen , dass wir uns in einem ge¬
gebenen Augenblicke nicht vergebens an ihre Sympa -
tien wenden würden .
Der vierte Punkt des Basler Programms , an dessen
granitener Fügung die Nörgler und Nager sich die
Zähne ausbrechen werden spricht in seinem not¬
wendigen und gewollten Lakonismus , der kein breit¬
spuriges Eingehen auf Einzelheiten und keine Ent¬
wicklung der darin elliptisch ausgedrückten Gedanken
gestattet , von „ Schritten zur Erlangung der Regierungs -
Zustimmungen , die nötig sind , um das Ziel des
Zionismus zu erreichen " . Dieser vierte Absatz hat
von jeher das Glück gehabt , von den Widersachern
des Zionismus als besonders spitzer Dorn im Auge
empfunden zu werden . An diesem vierten Absätze
hat sich der Witz unserer Widersacher immer am meisten
geübt . „ Diese Regierungs - Zustimmungen " wurde uns
immer spöttisch wiederholt , „ werdet Ihr nie und nimmer
erlangen . Der Sultan will und kann Euch Palästina
niemals öffnen , denn selbst wenn er dazu geneigt wäre
— was ja nie sein wird — würde er auf den Wider¬
spruch Russlands stossen , und Euren schönen Augen
zuliebe wird der Sultan sich wohl niemals mit
seinem mächtigsten Nachbar überwerfen . Russland
aber wird nie und nimmer zugeben , dass der Boden ,
über den der Fuss des Stifters der christlichen Kirchen
hingeschritten ist , jemals jüdisch werde . . . Unsere
Kritiker haben wieder einmal die Richtigkeit und Weis¬
heit der englischen Redensart erprobt , class man nicht
prophezeihen solle , es wäre denn , manwüsste es !
Russland , in dem wir das unüberwindliche Hinder¬
nis auf unserem Wege erkennen und fürchten sollten ,
Russland erklärt uns freundlich , dass es gar nichts gegen
die Besitznahme palästinensischen Bodens durch Juden
einzuwenden habe .
Und nun , geehrte Versammlung , werfen Sie einen
Blick auf den Weg , den der Zionismus in nicht ganz
siebenjährigem Bestände in seiner gegenwärtigen Form
zurückgelegt hat . Nach nicht ganz einjähriger Arbeit
hat er diesen Kongress geschaffen , den heute mit Aus¬
nahme einiger verbohrter jüdischer Widersacher niemand
mehr in seiner Eigenschaft eines rechtmässigen Vertre¬
ters des jüdischen Volkes bestreitet .
Alle ernsten Menschen erkennen , dass wir die zu
den Akten legitimierten Sachwalter des jüdischen Volkes
sind . Seit dieser ersten Tat sind sechs Jahre verflossen .
In diesen sechs Jahren haben wir , von allem andern
abgesehen , eines getan : wir haben die Welt in aller
Form mit der Judenfrage befasst . Die Mitlebenden
geben sich nicht oft von der geschichtlichen Bedeutung
der Ereignisse Rechenschaft , die sich vor ihren Augen
begeben . Die Nachwelt ist in der Regel gerechter ; sie
kann es sein , denn sie überblickt die Dinge von höher und
weiter ; die Nachwelt wird zu würdigen wissen , was diese
Tatsache bedeutet . Denn bis zum Auftreten des Zionis¬
mus wurde der nicht - jüdischen Welt von den Personen ,
die bis dahin allein : als die amtlichen Vertreter des
Judentums anerkannt waren , immer versichert , dass es
keine Judenfrage gibt , dass die Juden glücklich und
zufrieden sind . Es war , namentlich in den letzten
Jahrzehnten , seit der Emanzipation der Juden im Westen ,
eine eiserne Tradition des amtlichen Judentums gewor¬
den , bei jeder Berührung mit Nichtjuden eine lächelnde
Optimistenphysiognomie anzunehmen . Die Stellung un¬
seres berühmten „ grossen Juden " ist die , dass er sich
die Hände reibt , wenn er sie nicht entweder in dem
Aermel - Ausschnitt der Weste eingehängt hat oder eben
mit ihnen ansehnliche Beträge für öffentliche , in der
Regel judenfeindliche , Einrichtungen oder Anstalten
auszahlt .
Wann immer ein Minister , oder gar ein Staatsober¬
haupt , auf Reisen oder bei feierlichen Anlässen die
amtlichen Vertreter des Judentums empfing , hörte man
dasselbe Lied : „ Wir sind glücklich unter Ihrer Regie¬
rung , oder unter Ihrer Verwaltung , wir sind tief dank¬
bar für den gnädigen Schutz , den Sie uns angedeihen
lassen ; wir werden untertänigst bemüht sein , uns Ihrer
Huld und Gnade weiter würdig zu machen . "
Es ist den Regierungen nicht übel zu nehmen , wenn
sie mit einem Anschein guten Glaubens den Juden , die
sich nun bei ihnen beklagen , erstaunt entgegnen : „ Was ,
Ihr seid nicht zufrieden ? , Ihr beklagt Euch ? Das ist
ja etwas ganz Neues ! Eure rechtmässigen Vertreter
haben uns immer das Gegenteil versichert ! " Ich nehme
es als ein grosses Verdienst des Zionismus in Anspruch ,
class er dieser Zufriedenheits - Heuchelei und Dankbar¬
keits - Komödie ein Ende gemacht hat .
W i r haben zuerst laut und deutlich ge¬
sagt : Wir sind nicht zufrieden , wir halten unsere
Lage für eine sehr schlechte , wir empfinden unsere Be¬
handlung als eine unwürdige und unverdiente , wir halten
eine grundstürzende Aenderung unserer Lage für eine
Lebens - Notwendigkeit , nach den demütigenden Erfah¬
rungen , die wir mit den Anähnlichungs versuchen an
andere Völker gemacht , haben wir uns auf uns selbst
besonnen und wollen uns in unserer Art , in eigenem
Recht , auf eigenem Boden ausleben . Wir haben , ich
wiederhole es , die Welt in aller Form mit unseren
Wünschen befasst , wir haben als ein Volk , dem Un¬
recht geschieht und das Gerechtigkeit verlangt , zu den
Völkern gesprochen , wir sind vor die Regierungen hin -
getreten und haben , ohne zu verschleiern und ohne um
den Brei zu gehen , etwa dieses gesagt :
Wir sind ein altes geschichtliches Volk von fast 12
Millionen . Wir halten uns für so gut wie irgend ein
anderes Volk auf Erden . Wenn nötig , wollen wir
das begründen . Gleichwohl werden wir , von ver¬
schwindenden Ausnahmen abgesehen , von Hass oder
doch von Abneigung und Misstrauen verfolgt . Hier
verweigert man uns ausdrücklich die ursprünglichsten
Menschenrechte . Dort gewährt man sie uns auf dem
Papier , nimmt sie jedoch in der Praxis grösstenteils
wieder zurück . In dieser Lage wollen wir nicht weiter
leben . Zur Liebe können wir Niemand zwingen : Ge¬
rechtigkeit jedoch dürfen wir fordern , weil wir ein
menschliches Antlitz tragen . Es ist aber nicht gerecht ,
dass man uns als Parias , oder besten Falls als Bürger
zweiter Klasse , und überall als widerwillig geduldete ,
fremde Eindringlinge behandelt . Wir sind keine Parias
und wollen uns nicht zu solchen hinabdrücken lassen .
Wir wollen in Palästina Bürger erster Klasse
mit dem allseitig anerkannten geschichtlichen Rechte von
ITreingesessenen sein , und wir bitten die Regierungen ,
uns zu der Erreichung dieses Zieles behilflich zu sein .
Das , ich wiederhole es , mag den Mitlebenden ge¬
ring scheinen , tatsächlich ist es eine Wendung in der
Geschichte des jüdischen Volkes .
Wir haben verlangt . So alt die Welt geworden
ist , sie hat bisher immer nur erst zwei Methoden gefun -