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„ Die Welt "
Separat - Ausgabe . No . 1
erhielt ich eine Einladung zu einer Hochzeit in Russ¬
land , die mit einer zionistischen Marke gestempelt war
und in auffallenden Lettern den Freunden des Paares
die Anregung gab , das für die Glückwunschtelegramme
bestimmte Geld lieber dem Nationalfonde zuzuwenden .
Nichts beweist deutlicher , wie tief unsere Bew egung
in das wirkliche Leben unseres Volkes eindringt . Selbst
Hochzeitsgeschenke könnten in der Form von Aktien
der Kolonialbank dargebracht werden . Auch Spenden
bei Leichenbegängnissen sollten in dieser Weise geleistet
werden . Blumenspenden auf Gräber sollten in Beiträge
zum Nationalfonde auf den Namen des Hingeschiedenen
verwandelt werden , so dass an Stelle der in der Erde
nutzlos vergrabenen Schönheit die Schönheit des neuen
nationalen Lebens aufblühe und Leben aus dem Tode
hervorgehe .
Mit grosser Freude beobachtete ich , dass das East .
End während des letzten Fastens im Ab statt bloss in
den Synagogen zu wehklagen , unter Gottes freiem Himmel
zionistische Meetings abhielt . Wir haben zu lange Crom¬
well s Rat vernachlässigt , der einer der religiösesten
Menschen war . Sein Wahlspruch war : „ Auf Gott ver¬
trauen und das Pulver trocken halten . " Wir haben auf
Gott vertraut , das Pulver aber wurde von den Tränen
nass . Euere zionistischen Umzüge mit Eueren Flaggen
und Gesängen sind kostbare Zeichen des erwachenden
richtigen Geistes . Die trockenen Gebeine stehen auf
und leben . Die wenigen Antizionisten , die es noch gibt ,
meinen , der Grund , dass wir in der Verbannung und
Bedrückung bleiben , liege darin , dass ein Judenstaat
nur ein sehr schwacher Ersatz für die Träume der
Zeiten sein würde . Das klingt ja sehr erhaben , aber
aus dieser Geistesrichtung entspringen die Verbrechen
der Landstreicher und Opiumraucher . Diese Woche
wurde in Jiamsgate ein literarischer Kongress jüdischer
Vereine abgehalten . Diese , obwohl sie keine Anti¬
zionisten sind , haben in ihrem Jahresbericht einen
antizionistischen Artikel des Herrn Laurie Magnus
publiziert , worüber ich mich sehr gefreut habe . Denn
anders als die Kuratoren der Hirsch - Stiftung können
wir einer Kritik standhalten . Ich freute mich aber auch
• aus dem Grunde , weil ich sah , wie schwach die anti¬
zionistischen Argumente sind . Herr Magnus mag den
Zionismus nicht , weil er das tausendjährige Reich wünscht .
Ich weiss nicht genau , was das tausendjährige Reich be¬
deuten soll * aber wenn ich es recht verstehe , dass es
die von unsern Propheten erträumte Zeit sein soll , da
Liebe und Gerechtigkeit auf der ganzen Erde herrschen ,
so will mich bedünken , dass wir diese Zeit viel eher
durch den Judenstaat erreichen werden als von den
vier Enden der ganzen Welt her , der Welt , in der
durch unsere Existenz alle bösen Leidenschaften
erweckt und unsere Sitten und Gewohnheiten , unsere
soziale und politische Tätigkeit von der übrigen Bevöl¬
kerung verhöhnt werden . Der ungeheure Trugschluss
des Herrn Magnus und ähnlicher Kritiker liegt eben
darin , dass sie glauben , der jüdische Staat solle das Ende
des jüdischen Traumes bedeuten . Im Gegenteil , er ist
bloss der Anfang — ein neuer Anfang — des jüdischen
Traumes ! Bereichert durch alles , was wir in der arischen
Welt gelernt haben ; streben wir darnach , Europa seine
Lehren mit Zinsen zurückzugeben .
Man hat mir gesagt , dass wenn die Etablierung in
unserem Lande mit dem Versuche einer gesellschaftlich
organisierten Landnahme verbunden werde , dieses Unter¬
nehmen von den Reformern der ganzen Welt eifrig und
aufmerksam verfolgt werden würde . Ich will nicht be¬
haupten , dass wir tatsächlich imstande sein werden ,
diese Aktion durchzuführen , aber jedenfalls zeigt diese
Ansicht eines Nicht - Juden , um wie viel es für dieses
tausendjährige Reich vorteilhafter wäre , ein Leucht¬
feuer am Zions - oder einem andern Berge unseres
eigenen Landes zu entflammen , als in Ländern , wo unser
Licht notwendigerweise verdeckt und unterdrückt wird .
Die Weigerung , für das tausendjährige Reich zu arbei¬
ten , weil man es nur staffelweise erreichen kann , ist
eine sehr hinfällige Entschuldigung für die Faulheit . Aber
diese Faulheit bringt nicht einmal Nutzen . Das Leben
der Juden ist nicht sorgenfreier geworden , weil sie
keinen selbständigen Staat besitzen . Im Gegenteil ,
sie müssen in jedem Lande hart um ihre Rechte kämpfen
und das kleinste Stückchen festen Bodens , das sie ge¬
winnen , geht bald wieder verloren . Herr Magnus be¬
trachtet sich als einen jüdischen Engländer , aber im
Ganzen sind es zweieinhalb Jahrhunderte her , dass die
Juden sich in England einschlichen . Ich sage : „ ein¬
schlichen " , we . il die Geschichte der Juden in England
so wenig rühmlich anhebt . Australien war eigentlich
eine Sträflingskolonie und die Australier sprechen daher
nicht gerne von ihren grossen Ahnen ; wir aber haben
eine englisch - jüdische historische Gesellschaft mit dem
ausdrücklichen Zwecke , unsere Vorfahren wieder aus der
Erde zu scharren , ins Leben gerufen , und unser grösster
Historiker erzählt uns ohne eine Spur von Scham , dass die
Väter unserer englischen Judenschaft Kaufleute waren , die
sich als Christen ausgaben und öffentlich die Messe mit¬
machten . Allein selbst diese so peinvoll gewonnene Frei¬
heit und das Recht der freien Einwanderung in dieses
Land werden bereits mit Einschränkung bedroht .
Ich will hier nicht viel von dein Bericht über die
Fremdeneinwandeiung sagen , denn das ist jenes politische
Ressort , in dem unser Präsident ganz besonders bewan¬
dert ist und über das * er sich soeben * ) mit gewohnter
Klarheit ausgesprochen hat . Alles , was ich gegen den
Bericht zu sagen habe , war in einem Interview in den
„ Daily News " gestern ausgesprochen , und da ich dort
eher übereilt und einseitig war , so will ich hier ver¬
suchen , der besseren Seite des Berichtes Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen . Es ist ein sehr schönes Unter¬
nehmen , eine Frage , die von dem trüben Schleier des
Vorurteiles verdunkelt war , kühl und klar zu behandeln ,
und ich - wage - die Behauptung , dass diese Frage in kei¬
nem andern Lande wie in England so gerecht geprüft ,
noch eine innigere Vereinigung von Talent und Unpar¬
teilichkeit gefunden worden wäre , als in der Person des
Präsidenten Lord James of Hereford , und sicherlich
wären in keinem andern Lande die fremdengegnerischen
Mitglieder der Kommission solche Gentlemen gewesen .
Der Eifer des Majors Evans - Gordon , der per¬
sönlich die Länder , wo Juden bedrückt werden , bereiste ,
um das Übel zu untersuchen und bis an seine Quelle zu
verfolgen , verdient unsere wärmste Anerkennug , und
mich überrascht nur der eine Umstand , dass keine
staatsmännischen Vorschläge zur Heilung des beklagten
Übels aus seinen Untersuchungen resultierten . Die
gegenwärtigen Vorschläge der Kommission sind bedeu¬
tungslos , lästig und schwierig auszuführen , lind zum
ersten Male in meinem Leben befindeten mich diesbe¬
züglich mit Lord Rothschild in Übereinstimmung .
Ungefähr sechzig englische Delegierte gehen nach Basel .
Ich bin neugierig , ob bei unserer Rückreise durch die
Nordsee die Einwanderungsverfügungen auch auf uns
werden angewendet werden . Sollten jemals die Vor¬
schläge der Einwanderungs - Kommission verwirklicht
werden , so dürften wir bei unserer Heimkehr noch
ziemliche Schwierigkeiten haben . Ich bin überrascht , dass
* ) I » derselben Versammlung hatte früher L . J . Greenberg
gesprochen und war stürmisch akklamiert worden . Auch York
Steiner aus Wien wohnte der Versammlung bei und hielt eine
zündende , zionistische Rede .