Briefe aus New York
Von Helene Hannah Cohn
II.
Die Tätigkeit der Jüdischen Gemeinde
Der Kehillah von New York ist es bisher noch nicht gelungen, den Rang einer gesetzlich anerkannten Körperschaft zu erlangen — aus den Reihen der jüdischen Bevölkerung selbst sind die Gegner der gesetzlichen Anerkennung erstanden, aus den uns wohlbekannten Reihen, derer, die da glauben, wenn man die jüdische Solidarität totschweigt, dann gilt sie der Welt wirklich für gestorben. Dennoch lebt und wächst die New-Yorker jüdische Gemeinde — der bereits 675 jüdische, darunter zionistische Gesellschaften angehören — mit oder ohne gesetzliche Anerkennung, und tut wesentliche Dienste für die Lebendigerhaltung oder Wiedererweckung des jüdischen Geistes.
In ihrer am 27. und 28. April stattgehabten Jahressitzung wurde folgendes Arbeitsprogramm für das neue Tätigkeitsjahr aufgestellt:
1. Die Einrichtung von Kommissionen zur Prüfung von koscherem Fleisch, da mangels jeglicher jüdischen Gemeindeorganisation auf diesem Gebiet bisher die unglaublichsten Mißbräuche geherrscht haben.
2. Ausbau des E r z i e h ungsbur catis mit besonderer Berücksichtigung des hebräischen Sprachunterrichts. Wenn man aus Statistiken ersieht,
.daß es heute 100—150 000 Kinder jüdischer Eltern in New-York gibt, die ohne jeglichen jüdischen Religionsunterricht aufwachsen, so wird man verstehen, welches gewaltige Arbeitsgebiet eine jüdische Erziehungskommission vor sich sieht und wieviel sie zur Judaisierung der Jugend leisten kann.
3. Erlangung der gesetzlichen Erlaubnis zur Offen h a 11 u n g der Läden am Sonntag. Dem deutschen Juden diene zum Verständnis dieser Forderung, daß New York in mehreren Gegenden weite Straßenzüge mit durchweg jüdischer Bevölkerung hat und daß das Schließen der Läden in diesen „Ghetti" während zweier aufeinander folgender Tage (dem Sabbath und Sonntag) nicht aliein für die Kaufleute wirtschaftlich einen schweren Verlust, sondern auch für die Konsumenten — besonders in der heißen Zeit — eine schwere Kalamität bedeutet.
4. Unterstützung und Kontrolle von Wohl- tätigkeitsanstalten in Palästina. Daß dieser Tätigkeitszweig, dessen Aufnahme vor allem unserem Gesinnungsgenossen Dr. M a g n e s zu danken ist, in hohem Grade geeignet ist, das Interesse der amerikanischen Juden von der materiellen Gegenwart fort in die Vergangenheit und Zukunft unseres Volkes zu lenken, ist ohne weiteres klar. Hier ist die Brücke, auf der — beim Erstarken des Gemeindebundes — das nur platonische Interesse am Lande der Väter zur praktischen Mitarbeit am Zionismus geführt werden kann.
Amerikanisch-jüdisches Volksleben
Wie unendlich schwierig und vielseitig das amerikanische Judenproblem ist, möge an drei Tagesfragen erläutert werden:
Am 1. Mai fand in New York ein Umzug von über 8000 organisierten sozialdemokratischen Arbeitern und von etwa 2000 Kindern organisierter Sozialdemokraten statt. Im Herzen des jüdischen Distrikts sammelten sich die Scharen zum Abmarsch, und jüdische Schulkinder, jüdische Arbeiter und Arbeiterinnen (meistens Angehörige der Vereinigten jüdischen Hand Werksverbände) gaben — neben den zahlreichen italieni
schen Elementen — dem Zuge sein eigentümliches nationales Gepräge.
Auf dem Union-Platze waren die Rednertribünen errichtet, vor denen englische, deutsche, italienische, rumänische, böhmische usw. und eine ganze Anzahl „yiddisher" Reden vor der dichtgedrängten Menge gehalten wurden. Hier war es auch, wo ein paar disziplinlose Feuerköpfe die amerikanische Flagge herunterrissen und beschimpften, wo ein gewaltiger sozialistischanarchistischer Tumult entstand, dem die Polizei untätig zusah und wo das ganze sich in eine Demonstration gegen Gesetz und Ordnung verwandelte und endlich unter Absingung jüdischer und anderssprachiger Lieder auflöste.
Fast alle Nationen der alten Welt hatten ihre Vertreter in diesem Wirrwarr, auch ihre jüdischen Vertreter, und diese jüdischen Vertreter von der gleichen politischen Couleur fanden sich — durch Stammesverwandtschaft, Sprache und Gleichheit der Schicksale — zusammen und bildeten etwas wie eine jüdisch-nationale Gruppe in diesem Völkerwirrwarr. Die Notwendigkeit, daß sich die amerikanische Sozialdemokratie oder der amerikanische Anarchismus einem speziellen jüdischen Volksbewußtsein anpassen müsse, liegt nicht vor, und die stark radikale Gesinnung der jüdischen Elemente ist wohl ein aus dem jeweiligen europäischen „Lande der Knechtschaft u mitgeschlepptes Requisit, dessen Beseitigung die Aufgabe amerikanischer und jüdischer Volkserziehung sein muß.
Aber wo immer dieser jüdische Radikalismus seine Wurzeln haben möge — heute spricht ganz New York von den „jüdischen Anarchisten auf dem Union-Platze", und sowohl Freunde des jüdischen Volkes wie vom Judentum wegschleichende Assimilanten warten ängstlich, wie das beleidigte amerikanische Volksbewtißtsein auf diese Demonstration, in der es einen Ausdruck allgemein-jüdischer Unbotmäßigkeit sieht, reagieren wird.
Die Analphabeten-Gesetzvorlage
Der Senat der Vereinigten Staaten hat ein Gesetz angenommen und dem Haus der Volksvertreter überwiesen, welches die Ausschließung solcher Immigranten, die des Schreibens und Lesens unkundig sind, fordert.
Das ist eine Maßregel, die Tausenden von jüdischen Auswanderern aus Rußland, Galizien, Rumänien und dem Orient die Eingangspforten in das Land der Freiheit verschließt, ja, man spricht davon, daß die „Dillingham Bill" ein Ausdruck antijüdischer Stimmung seitens der Regierung sei. Verschiedene jüdische Verbände, u. a. die New-Yorker Kehillah, sehen daher in dieser — angeblich allgemeinen — eine jüdische Sache und haben daher Protest dagegen erhoben.
Vor allem für zahllose russische Juden, denen einfach die Wege zur Schulbildung verschlossen sind, würde die Annahme dieses Gesetzes ewige Verbannung in ihren Kerker bedeuten, und besonders schwer würde sie auf denen lasten, die nach Amerika gegangen sind, um sich hier eine Existenz zu schaffen und die ihrigen später nachkommen zu lassen.
Freude über die Annahme des Gesetzes würden nur die amerikanisch-jüdischen „Herrenmenschen" empfinden, die in jeder Erschwerung jüdischer Einwanderung eine ihren eigenen Bestrebungen vorteilhafte Auswahl der Stärksten sehen.
Christliche Wissenschaft
Daß man nicht mitten in einer andersgearteten Umgebung leben kann, ohne von Wesenszügen dieser Umgebung beeinflußt zu werden, und daß Volksaberglauben und Modedumm-
