Seile 8
JteOWdt :
9hr . 39
von der Vorsehung dazu berufen seid , die Fahne Eures Volkes
vor aller Well wieder zu Ehren zu bringen n . s . w . "
Eines muss noch hervorgehvben werden , dass diese frommen
Rabbiner , die Ersten , die dem Zionismus ihre Hände
rciebreu , keine Fanatiker sind ans jener vor - und unmittelbar
nach - Mendelsohn ' schen Zeir . von deren Engherzigkeit und Un¬
wissenheit uns so viele ernste nnd satirische Schriften der
Aufklärungsyeriode erzählen . Der musterhafte Stil und die
moderne Ausdrnäsweise ihres schonen Hebräisch , der Geist der
höchsten Toleranz und moderner Ideen , denen wir in ihren
Briefen begegneren . zeugen dafür , dass diese zionistischen
Rabbiner Männer und Lehrer sind , wie sie von den besten
„ Aufklärern " , von Mendelssohn nnd Wess ely auae -
sangen , bis ans Isak Der L ö w e n s v h n als Ideal nicht
bester gedacht worden sind .
„ Ich thne nur , was meine heilige Pflicht ist — schreibt
einer von ihnen — wenn ich auch auf die religiösen Dedüri -
niste des Volkes , „ von meinem , orthodoxen Standpunkte " auf¬
merksam mache . Aber ich birte Sie ja nicht , dies als Fana¬
tismus und Intoleranz anszufasten . Ich weiß es jo . dass es
in unserem Volke Leute gibt , die zu den fortschrittlichen Ideen
ibrer Zeit fvärer als die anderen gelangen , nnd dass
nicht alle Menschen eine Meinurg haben können . Aber der
Eongrcss muss als „ nationale Versammlung " erklären , dass er
nichts unternehmen wolle , was dem religiösen Bewusstsein des
Volkes widerspricht , damit sich das ganze Volk an unserem
Werke der Befreiung betheiligen könne/ '
Diese aufrichtige Mahnung , die in den meisten Kundge¬
bungen ausgesprochen wurde , ist nicht nur begriffen , sondern
auch voll und ganz gewürdigt worden . Unsere ftommen Ge -
sinnnngsgenosten können keine besteren Garantien für die Wür¬
digung dieses ihres Wunsches erhalten , als die Rede eines - der
leitenden Mitglieder am Congreste , des Dr . Ga st er . die nicht
nur den nngethcilren Beifall der übrig - n Congrcssmitglieder ,
sondern auch den der anwesenden Rabbiner gesunden ha « - .
Was noch Herz hat für Israel schließt sich dem Zionis¬
mus an . Alle find sie nöthig . Nicht die Vertretung eines Stan¬
des oder einer Elaste , sondern die des ganzen Volkes will der
Zionismus sein , dann ist in seinem Lager Israel .
V
Ein merkwürdiges Büchlein .
Von M . Nachum ( Frankfurt a . M . ) .
Das hebräische Büchlein , das ich in der Ueberschrift als ein
merkwürdiges bezeichne , und von dem im Folgenden die Rede ist .
führt den ziemlich nichtssagenden Titel „ Los des
Ewigen " und ist im Jahre 1857 , also vor nunmehr 41 Jahren ,
zum erstenmale in Wien erschienen und ein Jahr darauf , 1858 ,
injil msterdam zum zroeitenrnale aufgelegt worden . Der Ver¬
sager erscheint auf dem Titelblatts nicht genannt , doch entpuppt
er sich am Schluffe der kleinen Schrift als Iehudah Ben Salomo
Alka l a t ) , und aus den beigefügten Approbationen zablreichcr
jüdischer Gelehrter geht hervor , dass unser Autor Chacham
( Rabbiner ) der sephardischen Gemeinde zu S e m l i n ( Ungarn )
war . Sonst ist mir über besten Personalien nichts weiter bekannt ,
als was sich im „ Bibliographischen Handbuch der neuhebräischen
Literatur " von M . Z e i l l i n vorfindct
Was nun das Büchlein ' " iS S “ « betrifft , so scheint es , wie
die sonstigen Schriften Alkalay ' s auch , vollständig verschollen zu
sein , mindestens bin ich demselben in dem mir bekannten Thcile
der zionistischen Literatur nirgends begegnet . ( Mein Exemplar
stammt aus der Bibliothek unseres Gesinnungsgenosten Dr . Her¬
mann Deutsch . Directors der israelitischen Waisenanstalt ' zu
F > . r r h ( Bayern ) , der es einem hiesigen Gesinnungsgenossen zu
A > ' . rations ; weüen überlasten har . ) Und doch verdienen " die eminent
zionistischen Werke unseres Autors , der Vergessenheit entrissen zu
n ' den und würden zweifellos gute Propagandaschrifren ftrr
u ' ere orthodoxen Brüderabgeben und mastenhafr Absatz finden ,
üch jemand entschlöge . eine Neuauflage dieser interessanten
Broschüren zu veranstalten . Namentlich wäre das Schriftchcn ,
von dem hier gehandelt wird , würdig , weiteren Volkskreisen
zugänglich gemacht zu werden .
Wob ! ist der Gedanke , ein jüdisches Gemcinwe ' en in Valä -
stina unter dem Schutze der Mächte zu errichten , bereits früher
auigetauchr und beispielsweise zu Beginn der Vierziger - Jahre in
der von Prof . Julius Fürst herausgegebcncn Zeitschrift „ Ter
Orient " sympathisch erörtert worden , allnn diese Anregungen
giengen immer von Leuten weltlichen Standes und weltlicher
Gesinnung aus . die die Frage bloß unter dem Gestchtswinkel der
praktischen Realisierbarkeit betrachteten und lediglich das National -
enwfinden und die Freiheilsschnsuckt ihrer Stammes genossen an¬
riesen . Alkalay bingegen appelliert in unserem Büchlein vornehm¬
lich an die religiös - romantischen Gefühle der Iudenheit , indem er
mit einem großen Aufwand von Eiiaren aus dem ganzen weit -
schichtigen Gebiete der Talmud - , Midrasch - und Bibclexcgeten -
Lireratur den Nachweis erbringt , dass zufolge der Ansicht einer
ganzen Menge der maßgebendsten reliaionsge ctzlichcn und
sonstigen Autorstären des Iudenthums die Erlösung Israels und
die Ankunft des Messias erst dann erfolgen werde , wenn Israel
selbst zuvor mit dem Erlösungswerke den Anfang machen wstd .
Dieses Beginnen aber , dieses einleitende , ein ' . cnkcndc Selbst -
befreiungswcrk Israels baben sich , wie unser Autor dnrthur , die
eben erwähnten Autoritären platterdings so rorgcstclll . dass
die jüdische Nation an die ^ Könige der Erde " ,
d . h . ins Moderne übersetzt er . die Großmächte , dasAnsuchcn
werde ergehen lassen , es möge ihr Palästina , ihr
altes Erbgut , worauf sic unverjährliche Rechts¬
ansprüche hat , als Heimstätte für ihre Angehöri¬
gen zurücker st attet ' werden .
Diese Acrion der Selbstdeireiung , der Autoemancipation
haben nach dem Vertaner unseres Büchleins unsere Talmud - und
Midraschweisen unicr Teschub ah ( = Rückkehr , Buße » ver¬
standen , so oft sie dieses Wort mir Bezug auf die Erlösung
Israels gebrauchten .
Der Verfasser tritt auch der Ansicht derer entgegen , die die E . *
lösung Israels an die Bedingnis der Erbringung eines Re ' . fc -
zcugnistes knüpfen , oder die sich unsere nationale Wiedergeburt
nicht im Wege einer natürlichen Evolution vorstellen können und
auf irgendwelche „ Zeichen des Himmels " , aus Wunder , warten .
Demgegenüber wird in unserem Büchlein folgende Stelle aus
' 2 “ l ins Treffen geführt : „ Es sprach der Heilige ,
gelobt sei Er . wenn ich mm Israels Thaten besäbe , würde ich sie
niemals erlösen ; was denn betrachte ich ? — ihre heiligen Väicr .
Um ihrer Stammväter Verdienst willen sollen fie erlöst werden ! "
Ta nun . fahrt der Vcrsayer sort , die Erlösung keinerlei Ver¬
dienste unsererseits zur Voraussetzung hat , so wird sic sich
in ganz natürlicher Weise vollziehen . — „ Darum vergleichen auch
die Provhetcn unsere Er ' ösung mit gewiycn Erscheinungen und
Vorgängen im Bereiche der Natur , wre cs heißt ( Icsaias 6 ’ , 11 j :
„ Wahrlich . wie die Erde ihr Gewächs emvortreibr und wie der
Garten seine Sämereien zum Keimen bringt , so wird Gott der
Herr Dir Gerechtigkeit und Heil sprießen lasten vor allen
Völkern " . Das beißt : Wie die Erde nur das Samenkorn , das
Du ihrem mütterlichen Schoße anverlraut hast , zur ftgcnspenden -
den Frucht reisen lässt . Dir aber nichts hcrvorbringt . wenn Tu
nichts geiäet hast , so wird Gott auch nur dann Dein Heil sprießen
lassen , wenn Du auf dcyen Anpflanzung bedacht sein ' wirst . "
Aber auch unsere „ Praktischen " , die alles Heil von der
„ stillen Thätigkeil " und ihrer „ philanthropischen " Arbeit crhoficn
düritm aus nuferem Büchlein manch gute Lehre ziehen . Schon
im 8 . Abschnitt desselben wird das Prophetenwort iIcsa as 1 , - . 7j
„ Zion wird durch das Recht erlöst werden " dahin erllärt , dass
wir unseren R c ch 1 s a n s p r u ch ( aus Palästina ) vor die
Könige der Erde bringen werden , denn sie sind
gnaden volle Könige und Freunde des Rechtes
nnd der Billigkeit " . Alkalay fübrr dann weiter aus , dass
unter der Wiederkehr , die durch Wohllhäligkeir erfolgen solle ,
eine Wiederkehr durch jene allgemeine große Arr des Wohlthuns
gemeint sei , welche sich auf das ganze Volk erstreckt und die
Armen nicht demüthigt , sondern fie durch Erschließung neuer
Erwerbsauellen zu kräftigen und aus ihre eigenen Füße zu stellen
bestrebt ist . ^
Wie sich jedoch unser Autor diese „ große , allgemeine Wohl -
thärigkeit " in die Praxis umgesetzt dachte , wie er die Gründung
unserer Jüdischen Eolonialbank wahrhaft divinatorisch voraussah ,
dies enthüllt er uns in . den recapitulicrenden Schlusssätzen des
Büchleins , die ich in ihrer ganzen classtschen Einfachheit — oder
möge man es meinethalben Naivetät nennen — hiehersetzen will :
„ Darum ersuche ich meine Brüder , einen Verband zu
gründen , der anderen Vereinigungen , beispielsweise den Dampf -
schistfahrts - oder Eisenbahngesellschaften uachgebilder sei . Dieser
Verband möge Sr . Majestät dem Sultan die
Bitte unterbreiten , dass erunsdasLand unserer
Väter gegen Entrichtung eines bestimmten jähr¬
lichen Tributs zu überlassen geruhe . . . Und
wenn er st unser Land , das Erbe unserer Väter ,
Israels Namen trägt , wird der Sinn des ganzen
Volkes rege werden , die Gesellschaft moralisch