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Alexander I . die Verfügung , da ^ s der genannte Ukas nicht
öffentlich im ganzen Reiche verlautbart und auch nicht dem
Gesetzescodex einverleibt werde . — Es ist schade , dass über
die Folgen des Ukas nichts bekannt geworden ist . Dieser
selbst wurde erst vor kurzem im Regierungsarchiv zu St .
Petersburg aufgefunden .
Jüdische Taubstummenanstalt . In Odessa hat der Wohl -
thäter J . Kahan eine Schule für Taubstumme beider Ge¬
schlechter gegründet . Nachdem alle Stifter nur Juden sind ,
hat die Regierung erlaubt , dass in dieser Schule nur Schüler
mosaischer Religion aufgenommen werden .
Eine moderne Arche Noahs . Ein Bewohner von N e w -
Häven will von Gott die Offenbarung erhalten haben ,
dass die Bewohner der Vereinigten Staaten , sowie die ganze
übrige Menschheit für ihre Verbrechen und ihre Gottlosig¬
keit durch eine Sündflut werden bestraft werden . Zu¬
gleich hat ihm der Herr befohlen , er solle für sich und
etwa 20 andere Personen eine Arche bauen . Anfangs , so
erzählt die „ Fronde " , gedachte der Brave , ein Schiff nach
dem Muster der Arche Noahs zu bauen , aber nach reiflicher
Ueberlegung zog er es vor , ihm die Form einer modernen
Yacht zu geben . So wird er auf dem Gipfel eines
Hügels in der Nähe von Now - Haven in seiner Yacht die
Sündflut erwarten , die nach seiner festen Ueberzeugung
nächsten Sommer eintreten wird .
Correspondenzen .
Oesterreich - Ungarn .
Wien . ( Purim - Feiern . ) Für Purim sind von den
zionistischen Organisationen Wiens bis jetzt zwei grössere
Festlichkeiten geplant : vom Vereine , M ariahilf -
Neubau " und „ Fünfhaus " eine „ Akademie mit Tanz¬
kränzchen " im „ Hotel Savoy " ( Englischer Hof ) am Purim -
Vorabend ( 14 . März ) , und vom Einzelverein „ W i e n "
ein Costümfest ( ohne Costümzwang ) mit Purimspiel und
anderen humoristischen Aufführungen , Gruppen etc . am
Purim - Abend ( 15 . März ) , im Festsaale des „ Bayrischen Hof " .
Wegen des Karten - Vorverkaufes zu letzterer Festlichkeit
wird in unserer nächsten Nummer das Nähere bekannt¬
gegeben werden . — Der 3 . Vergnügungsabend des
Einzelver ^ ines „ Wien " des „ Zion " findet S a m s t a g den
3 . März in den Sälen des Restaurants Binder , Grosse
Pfarrgasse 7 , statt . Für ein abwechslungsreiches Programm
ist Sorge getragen .
Prag . Der „ Jüdische Volksverein " veranstaltete Sonntag
den 4 . d . M . im grossen Saale der Produktenbörse einen
Debattenabend , zu dem sich ein zahlreiches Publicum ein¬
gefunden hatte . Herr Dr . L . Kahn aus Wien sprach über
„ Zionismus und Nationaljudenthum " und betonte , dass der
Zionismus nicht nur für die unterdrückten östlichen , sondern
auch für die westlichen Juden seine Berechtigung habe ,
wie dies die Vorfälle in Wsetin , Holleschau etc . beweisen .
In einem jüdischen Gemeinwesen würde auch eine nicht¬
jüdische Minorität Gleichberechtigung finden , wie sie schon
im alten Judenstaate herrschte . Dazumal participierten die
Fremden an den Armen Unterstützungen genau so wie die
Einheimischen , nur Liebe und Duldsamkeit schrieb das
Gesetz vor . Man könne ein guter Staatsbürger seines
Geburtslandes bleiben , wenn man auch pietätvoll der alten
Urheimat gedenke . — Nach dem zweistündigen Vortrage
des Redners , der oft durch stürmischen Applaus unter¬
brochen wurde , begann die Debatte , die sich theilweise sehr
erregt gestaltete ; doch wurde die Ruhe nicht gestört Lebhaft
acclamiert wurde die Gattin des Vortragenden , die Präsidentin
des Wiener zionistischen Frauenvereines , die an die Frauen
eine warmempfundane Ansprache richtete . Lebhaften Wider¬
spruch erregte der Socialist Gehorsam und einige seiner
Gesinnungsgenossen . Die socialistischen Redner wurden
wiederholt zur Ordnung gerufen . Nach Mitternacht erfolgte
Schluss der Debatte , worauf Herr Dr . Kahn seine Ansichten
in einem Schlussworte zusammenfasste .
Lemberg . Die Notare Galiziens und der Bukowina haben
jetzt den Verdacht , als seien sie nicht gediegen antisemitisch ,
von sich abgewälzt . Was man früher bloss vermuthete , ist
jetzt verbürgte , notarielle Gewissheit . Bekanntlich werden
Reformen des ausserstreitigen Verfahrens , sowie die Ver¬
staatlichung des Notariats geplant Diese , die vitalsten Inter¬
essen des bisher unabhängigen Notaren Standes berührenden
Reformen veranlassten die galizischen und Bukowinaer
Notare zur Stellungnahme , die nebst sachlichen Gründen
auch antisemitische Gesinnung zutage förderte . Die
Galizischen und Bukowinaer Notariatskammern fassten
nämlich einen ßeschluss , demzufolge eine Deputation der
erwähnten Kammern noch im Laufe dieser Woche nach
Wien sich zu begeben hat , um an massgebender Stelle unter
anderem „ dem Gutachten der Notare dahin Ausdruck zu
geben , dass sie die Verstaatlichung des Notariats für die
Gesellschaft infolge Socialisierung derselben durch Auf r
hebung und Bureaukratisierung einer selbständigen demo¬
kratischen Institution für schädlich halten , einer Institution ,
die eine zahlreiche Schar unabhängiger , in der Gesellschaft
eine hervorragende Stellung einnehmender Bürger umfasst ,
die der Gesammthheit nicht nur auf dem Fachgebiete ,
sondern auf allen Gebieten der bürgerlichen Bethätigung
Dienste leisten , und anschliessend hieran die Unangemessen¬
heit und Gefahr der Anwendung des deutschen Musters in
unseren eigentümlichen ( galizischen ) Verhältnissen hervor¬
zuheben , nämlich der Verbindung der Advocatur mit dem
Notariate , wodurch diese letztere par excellence nalionale
und demokratische Institution , welche bisher mit Erfolg die
Invasion fremder Elemente abgewehrt hat nunmehr ihnen
zur Beute fallen und das allgemeine Vertrauen verlieren
würde . " Die notarielle Diplomatie ist nicht allzu fein ge¬
sponnen , es ist demnach nicht viel Geistesschärfe nöthig , um
zu wissen , dass unter fremden Elementen Juden gemeint
sind . Weit ist es bereits gekommen , wenn eine Gruppe von
Staatsbeamten , ein Zweig der Justiz , es wagt oder wagen
kann , solch niedriger Mittel sich zu bedienen , als eine ganze
Nation anzuschwärzen und als schädliches Element hinzu¬
stellen , nur um eine staatliche Institution , die reichlichen
Nutzen bringt , nicht aus den Händen zu lassen . Die Juden
werden von den Herren Notaren Galiziens und Bukowinas
sogar als Trumpf ausgespielt , denn wo Argumente nicht
hinreichen , muss eben der arme Jude herhalten . Die jüngsten
officiellen Antisemiten machen sich daran , den massgeben¬
den Factoren die Augen zu öffnen , wohin das führen könnte ,
wenn in die geheiligte Notarendomäne ein Unberufener
( Jude ) eindringen würde . — Die sich national und patriotisch
geberdenden Herren Notare haben sich an das probate
polnische Sprichwort gehalten : „ Nicht ehrenhaft zwar , aber
gesund ! " Dr . M . G .
England .
London . Bei einer zionistischen Versammlung in
Swansea wurde versucht , die Stimmung zugunsten der
„ Chovevi Zion " zu beeinflussen . Die Herren hatten aber die
Rechnung ohne den Wirt gemacht . Mit 200 gegen 6 Stimmen
beschloss die Versammlung , sich der „ Federation 0 anzu -
schliessen . — Auch in Pontypridd ist ein Verein ins Leben
gerufen worden . Endlich wird nächste Woche in Merthyr
ein zionistischer Verein gegründet worden und damit in
ganz Wales in jeder Gemeinde die „ Federation " vertreten
sein . J . de H .
Afrika .
Capstadt Ueber die Ehrung , welche die Capstädter
Zionisten dem Col . Goldsmid zutheil werden Hessen ,
erfahren wir des Näheren : Bei einer Versammlung des
„ Dorschei Zion " wurde beschlossen , Oberst Goldsmid
zu bewillkommnen , und wurde Mr . Abraham Jacobs mit
dieser Mission betraut . Colonel Goldsmid war ob dieser
Aufmerksamkeit hocherfreut . Er empfieng Mr . Jacobs
an Bord des „ Dunottar Castle " und dankte demselben herz¬
lichst für den Willkommsgruss . — Es wurde eine Adresse
beschlossen , die unserem ausgezeichneten Gesinnungs¬
genossen bei seiner hoffentlich glücklichen Rückkehr über¬
reicht werden soll .