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Nr . 19 .
Wien , II . Mai 1900 .
4 . Jahrgang
Der „ Israelit " von Mainz .
Weiss vielleicht jemand , wer der Mainzer „ Israelit "
ist ? — Man kann mit einiger Gewissheit annehmen , dass
der überwiegende Theil der Menschheit keine blasse Ahnung
von der Existenz dieses „ Israelit " hat . Nur einzelnen auf¬
merksamen Bürgern von Mainz , die etwa eben ein frugales
Mahl — Käse oder Wurst — verzehrt haben , wird es mög¬
licherweise aufgefallen sein , dass die genannten Genussmittel
in einem sehr bescheidenen Zeitungsblättchen eingewickelt
waren , welches verziert ist mit dem Titel : „ Israelit " . Der
Umfang des Blättchens reicht gerade aus , um den Käse¬
bedarf eines nicht allzu starken Essers nothdürftig zu um¬
hüllen .
Die Angaben über den Umfang und den gewöhnlichen
Gebrauch eines Blättchens geben aber noch keine vollständig
erschöpfende Kunde von dessen literarischer Richtung .
Welchen Zwecken dient der Mainzer „ Israelit " noch neben
seinen Emballagezwecken ? Der Mainzer . Israelit " ist
„ fromm " ! Das ist sein Hauptberuf . Nicht etwa , dass er
wahrhaft fromm und gläubig wäre — dagegen wäre nichts
einzuwenden , nein , der „ Israelit " von Mainz ist ein Frömm¬
ler . Er stellt sich , als würde er andachtsvoll die Lider gen
Himmel aufschlagen , aber in Wirklichkeit verdreht er nur
heuchlerisch die Augen , er verdreht seine Aeuglein , bis
man das Weisse sieht , und dazu murmelt er salbungsvolle
Sprüchlein .
Aber ehe wir uns weiter mit diesem wenig anziehen¬
den Gegenstande befassen , eine kleine Aufklärung , eine -
Entschuldigung ! Warum behelligen wir den Leser mit einer
Schilderung des » Israelit " von Mainz ? Wozu machen wir
ihn mit diesem „ Israelit " bekannt , dessen Eigenschaften
doch keineswegs darnach angethan sind , eiue solche Bekannt¬
schaft wünschenswert erscheinen zu lassen . Wenn ich im
. Privatleben einem Freunde irgendeinen schäbigen Gesellen
vorstelle , so wird mir mein Freund wenig Dank dafür
wissen ; ja , er wird mein Vorgehen vielleicht gar als Be¬
leidigung auffassen . Es gibt aber gleichwohl Verhältnisse ,
die einen dazu zwingen , solch einen schäbigen Patron beim
Schöpfe zu nehmen und vorzustellen : „ Herr Soundso aus
Soundso . " In eine derartige Zwangslage wird man beispiels¬
weise versetzt , wenn der genannte Patron das Handwerk
der Verleumdung betreibt . Er trottet zum Beispiel von
Haus zu Haus und verbreitet mit einer unverschämten Frechheit ,
die einem ungeheucheltes Staunen abringt , die infamsten
Lügen über Deine Person - Und die Leute , die sich den
Lügenbold nicht näher besehen , glauben wohl das eine oder
das andere Wort . Da ist es denn das klügste , man über¬
windet möglichst den Ekel , den einem der Kumpan einflösst ,
man fasst ihn mit gelinder Scheu an und zeigt ihn bei
Tageslicht dem Publicum : Seht , so schaut das Bürschchen
eigentlich aus ! j Seilt , wie er scheinheilige Grimassen
schneidet und die Augen verdreht ! — Nachher kann man
sich ja die Hände waschen .
Also dieser „ Israelit * aus Mainz ist ein jüdisch - cleri -
cales Blättchen . Es gibt in Deutschland und anderwärts
Familien , in deren Häuser der „ Israelit " zweimal wöchent¬
lich hineintrottet und mancherlei erzählt . Er ist der Typus
tüf eine ganze Reihe ähnlich beschäftigter jüdischer Blättchen .
Für gewöhnlich sind diese Blätter in sehr zahmem Tone
gehalten , der Kampf ( wenn man von dem erfolglosen
Kampfe mit den Schwierigkeiten der deutschen Sprache
absieht ) liegt ihnen ziemlich ferne . Sie befleissen sich einer
milden , predigerhatten Ausdrucksweise und würzen ihre
Artikel reichlich mit theologischen Citaten . Das Citieren an
sich wäre sicherlich kein Fehler , es ist nur ein Zeichen
fluten Geschmackes , wenn man die poesiereichen und
sinnigen Sprüche unserer Bibel heranzieht , der Bibel , zu
der wir ja alle bewundernd , wie zu einem gigantisch - schönen
Bauwerke , aufblicken . Aber in der Spruchbeflissenheit dieser
Blättchen merkt man eine unlautere Nebenabsicht und wird
recht verstimmt . Sie stecken eine fromme Miene auf , um
sich ein Plätzchen auf dem Lesetische jüdischer Familien ,
die etwas auf Gläubigkeit halten , zu erschwindeln . Die
eigenen armseligen Geisteserzeugnisse , die in der Redaction s -
stube zusammengebraut werden , die selbständigen Leistungen
« ler „ israelitischen " Blättchen , wären schwerlich imstande »
sich den Eintritt in ein jüdisches Haus , wo man auf anständiges
und angenehmes Wesen der Besucher und Gäste achtet ,
zu verschaffen . In der richtigen Erkenntnis dieses Um -
standes greifen die Blättchen zu einer sehr durchsichtigen
List ; sie calculieren : „ Bibelsprüche sind auf dem Lese *
tische gläubiger Familen gerne gesehen ; wir füllen also
unser halbes Blatt mit Citaten aus heiligen Schriften , der
Leser wird mit freundlichen Blicken auf diesen Citaten ver¬
weilen und das Auge nachsichtig ob dem Unsinn , den
wir selbst in unserer Redactionsstube erzeugen , zudrücken . "
— Gesagt , gethan . Das Blatt bezeichnet sich als „ Organ