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Nr . 26 .
Wien , 29 . Juni 1900 .
4 . Jahrgang
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erfolgen am besten in recommandierten Briefen . Papiergeld aller
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Die rumänische Judenkrise .
Die Auswanderung rumänischer Juden , deren ver¬
zweiflungsvolle Schauspiele jetzt in einer Anzahl euro¬
päischer Städte zu sehen sind , haben auch die Gegner
des Zionismus zu frischer Thätigkeit aufgerührt . Man
sollte nun nicht glauben , welcher Art die Aeusserungen
von dieser Seite sind . Statt sich an die Brust zu schlagen
und Reue darüber zu empfinden , dass man die grosse
Gesammtaction einer nationalen Hilfe , wie sie vom
Zionismus geplant ist , mit Hohn und Anfeindungen aller
Art seit Jahren verfolgt hat , dass man jeden unserer
Versuche zu lähmen getrachtet hat , wird dem Zionismus
Schuld an der für manche gutsituierte Herren unbequemen
Wanderung dieser verzweifelten Menschen gegeben . Der
Zionismus , soll daran schuld sein , dass die rumänischen
Auswandrer nach Pest , Wien , Marseille , Paris und
London gehen . Dass diese Auswanderung nicht nach
dem Osten , sondern nach dem Westen geht , bemerken
die weisen Herrn nicht Dass diese Wanderungen auch
von uns weder angeregt noch organisiert worden ist ,
wollen sie eben sowenig bemerken . Allerdings werfen
die Zionisten - Comites die armen Auswander , die sich bei
ihnen melden , nicht in der brutalen Weise hinaus , wie
es die Gewohnheit mancher Cultusgemeinden und
„ woblthätigen Stiftungsbeamten " ist Die zionistischen
Comites bemühen sich vielmehr , diesen verzweifelten
Menschen zu rathen und nach Massgabe der vorhandenen
Mittel zu helfen . Das ist aber auch die ganze Be¬
theiligung des Zionismus an der jetzigen rumänischen
Auswanderung .
Unter diesen Umständen ist es uns sehr erwünscht ,
dass wir von dem bekannten antizionistischen Blatte
» The Jewish Chronicle " in London die Gelegenheit ge¬
boten erhalten , Gerüchten entgegenzutreten , die in perfider
Weise in Umlauf gesetzt wurden .
Der „ JewishChronicle " schreibtinvorsichtiger Weise
Folgendes : » Wir sträuben uns dagegen , den Unter¬
stellungen Glauben zu schenken , wonach einer oder
mehrere zionistische Führer die Auswanderung absicht¬
lich nach England dirigiert hätten , um dadurch ihren
eigenen Zwecken zu dienen . "
Der „ Jewish Chronicle 14 hat recht sich gegen solche
Unterstellungen zu sträuben , und es wäre besser ge¬
wesen , wenn er diesen seinen Seelenkampf seinen
Lesern vorenthalten hätte . Der traurige Zug dieser
heimatlosen Wanderer ist zwar ein erschütternder Be¬
weis für die Richtigkeit der von uns seit Jahren ver -
fochtenen Ansichten , aber die Führer des Zionismus
haben eine solche Demonstration der Armen vor den
Reichen niemals insceniert oder auch nur insceniern
wollen . Richtig ist dass von der Leitung der zionistischen
Bewegung immer nur die Parole der Mässigung und
der Vorsicht ausgegeben wurde . Von diesen planlosen
Zügen haben wir immer auf das entschiedenste ab -
gerathen , und wenn es nun doch zu dieser beschämenden
Emigration mit allen ihren Uebeln und Leiden kommt
so ist es nicht die Schuld des Zionismus , sondern die
Schuld unserer Gegner . Wir bedauern sehr , dass wir
nicht in der Lage waren , ihnen diesen Anblick zu er¬
sparen . Sie haben nicht hören wollen , fühlen werden
sie zwar auch jetzt nicht , aber sehen .
Die Juden von Stanislau und die Christen von
Semlin .
Euer Wohlgeboren !
Gestatten Sie vor allem , dass ich mich Ihnen vor¬
stelle : Ich heisse Jakob Dezma , bin Advocat in Semlin
und , dank den geordneten Verhältnissen unseres Landes ,
in der Lage , nicht nur ohne Erröthen , sondern auch
ohne Furcht sagen zu können , das ich ein Jude bin .
So sicher ich nun auch bin , dass Sie all dies freuen
wird , bezwecke ich damit durchaus nicht , dass Sie
einige Minuten Ihrer gewiss kostbaren Zeit einzig und
allein deshalb verlieren sollen , um von der Existenz
meiner Person Kenntnis zu erlangen , vielmehr muthe
ich Ihnen dieses Opfer in dem Bestreben zu , Ihnen
den Nachweis zu erbringen , dass wir Juden nicht in
der ganzen Welt jene verachteten Parias sind , deren
Berührung allein schon verunreinigt , dass es vielmehr