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Fremdengesetzes unterliegt , von 12 auf 20 hinaufgesetzt worden ;
dagegen war die Bestimmuug , die die Zulassung in England an den
Besitz eines Vermögens von wenigstens 5 Pfund knüpfte , bestehen
geblieben , und obgleich der Staatssekretär erklärt hatte , daß russische
Juden , die aus Rußland geflohen seien , um sich dort der Verfolgung
zu entziehen , auch zugelassen werden sollten , selbst wenn sie die
erforderlichen 5 Pfund nicht besäßen , machten doch die einzelnen
Einwanderungsämter in den verschiedenen Einwanderungshäfen , von
dieser humanen Erleichterung nur sehr selten - Gebrauch . Auch
hatten die jüdischen Wähler von Manchester seinerzeit . beantragt ,
die Kosten der Naturalisation , die jetzt ebenfalls 5 Pfund betragen , zu
ermäßigen . Eine jüdische Deputation war vom verstorbenen Premier¬
minister Campbell - Bannerman in dieser Angelegenheit sehr freund¬
lich empfangen worden , aber das Staatssekretariat entschied dann ,
daß ' die Naturalisationsgebühren nicht herabgesetzt werden könnten .
Außerdem lagen noch zwei Dinge von speziell jüdischem Interesse
vor . Einmal hegte man Besorgnis , es möchte ein Entwurf Gesetz
werden , der konfessionellen Schulen , also auch jüdischen , die Unter¬
stützung entziehen will , die sie heute von der Regierung erhalten ;
sodann handelt es sich um das Sonntagsruhegesetz , das die jüdischen
Kaufleute , die am Sabbat geschlossen haben , schwer treffen wird .
Die jüdische Wählerschaft von Manchester beschloß daher , den
liberalen Kandidaten Churchill wegen dieser drei Punkte zu inter¬
viewen ; falls seine Antwort befriedigend ausfiele , sollte ihm die
Unterstützung der jüdischen Wähler versprochen werden . Diese
Delegation erlangte eine um so größere Bedeutung , als eine Denk¬
schrift um Milderung des Fremdengesetzes , die vom Board of
Deputies ( der einzigen autoritativen jüdischen Körperschaft Englands )
beim verflossenen Premierminister eingereicht worden war , keinen
Erfolg gehabt hatte . Die Antwort , die die Deputation erhielt , war
in jeder Hinsicht befriedigend . Sie wurde in einem Aufruf ver¬
öffentlicht , der an die jüdischen Wähler gerichtet war und sie auf¬
forderte , Churchill ihre Stimme - zu geben . Der Text der Antwort
lautete folgendermaßen : „ Ich habe eine Konferenz mit Mr . Gladstone ,
Staatssekretär des Innern , und auch mit dem Premierminister ge¬
habt , und ich bin autorisiert , folgendes für die Regierung zu sagen :
Fremdengesetz : Wo notwendig , sollen für die Einwanderer
Unterkunftshäuser errichtet werden , selbst wenn dies nur durch
einen Akt des Gesetzgebers ermöglicht werden könnte ; für London
ist bereits die Errichtung solcher Asyle im Gesetz vorgesehen . Die
Regierung hat im Prinzip nichts dagegen einzuwenden , daß gegen
die Entscheidung der Einwanderungsämter an das höchste Gericht
appelliert werden darf . Der Staatssekretär des Innern ist bereit
die Listen der Mitglieder der Einwanderungsämter überall um die¬
jenigen Personen zu vermehren , die ihm von den jüdischen Ge¬
meinden oder dem Board of Deputies bezeichnet werden . Mit
Bezug auf die verlangte mildere Auslegung des Gesetzes beauf¬
tragt mich Mr . Gladstone , zu sagen , daß das , was vernünftigerweise
in dieser Hinsicht geschehen kann , von der Regierung angeordnet
werden wird .
Naturalisationsgebühren : Die Entscheidung des letzten
Kabinetts bindet nicht das gegenwärtige , und ich werde mein mög¬
lichstes tun , um diese Frage wieder aufzurollen .
Sonntagsruhegesetz : Die Regierung wird keinem Gesetz
zustimmen , das auf die Lage der Juden nicht volle Rücksicht
nehmen wird .
Unterrichtsgesetz : Den jüdischen Forderungen mit Bezug
auf das Unterrichtsgesetz soll volle Beachtung zuteil werden .
Der Aufruf schloß folgendermaßen :
Die Mitglieder der Deputation , ebenso wie das große und ein¬
flußreiche Komitee , das sie entsandt hat , betrachten die offiziellen
Erklärungen , die ihnen von der Regierung gegeben wurden , als
überaus befriedigend . Um die Ausführung dieser Versprechungen
zu sichern , haben sie sich verpflichtet , die Wahl Mr . Churchills zu
unterstützen . Hierauf folgt ein warmer und eindringlicher Appell an
die . jüdischen Wähler - Manchesters , für die Wahl Mr . Churchills
einzutreten .
Leider waren die Juden Manchesters nicht einig . Eine kleine
Anzahl von Konservativen weigerte sich , den liberalen Kandidaten
zu unterstützen , und strengte alle ihre Kräfte an , um dem Gegen¬
kandidaten zum Siege zu verhelfen . Die Sozialisten bemühten sich
ebenfalls eifrig um . die jüdischen Stimmen , und ihr Feldgeschrei
war : „ Stjmmt für den Sozialisten und die kostenlose Naturalisation . "
Die jüdisch - sozialdemokratische Liga von Großbritannien gab
zugunsten des sozialistischen Kandidaten einen Aufruf in jüdischer
Sprache an die jüdischen Wähler Manchesters heraus . Dazu kam ,
daß auch die Frauenrechtlerinnen eifrigen Anteil an der Wahl¬
kampagne nahmen und leidenschaftlich gegen Churchill agitierten ,
weil sich die liberale Regierung ihren Forderungen wenig geneigt
gezeigt hatte . Auch diese appellierten an die jüdischen Wähler ,
auf deren Sympathien sie glaubten Anspruch zu haben , weil die
Juden wüßten , was es hieße , der politischen Rechte beraubt zu
sein . Obwohl - also die Bedeutung des jüdischen Elementes bei den
Wahlen sehr in den Vordergrund gerückt wurde , kann man doch
mit Genugtuung feststellen , daß auf der konservativen Seite keiner¬
lei Antisemitismus zu beobachten war . Sicherlich war es nicht
schädlich , daß auch der konservative Kandidat Freunde unter den
Juden hatte .
Es erhielt bekanntlich der konservative Kandidat die Mehrheit
mit 5417 Stimmen gegen 4988 , die auf Mr . Churchill fielen . Die
Sozialisten brachten nur 276 Stimmen auf , darunter auch einige
jüdische ( die meisten jüdischen Sozialisten konnten nicht
wählen , da sie nicht naturalisiert waren ) . Vom national - englischen
Standpunkte aus hat das Wahlresultat keine besondere Bedeutung ,
da Manchester bis zum Jahre 1906 immer konservativ gewählt hat .
Vom jüdischen Standpunkt aus indessen muß das Wahlresultat sehr
bedauert werden . Zwar wird Churchill einen andern sichern liberalen
Sitz erhalten und so seine Stellung im Ministerium beibehalten
können . Seine Sympathien für das jüdische Volk sind zweifellos
so groß , daß sie nicht von einigen jüdischen Stimmen abhängen ;
indessen ist es sehr leicht möglich , daß man in Zukunft nicht mehr
solches Gewicht auf die jüdischen Stimmen legen wird . Die Ver¬
sprechungen , die er im Namen der Regierung gemacht hat , wurden
nicht als von seiner Wiederwahl abhängig bezeichnet . Aber da er
nicht wiedergewählt worden ist , werden diese Versprechungen
keine so große Bedeutung behalten .
Die Moral dieser Wahl , der wichtigsten und Aufsehen erregend¬
sten in England seit fünfzig Jahren , ist , daß die Juden in Wahl¬
zeiten in England einen bedeutsamen politischen Faktor bilden und
daß sie dann in der Lage sind , von der Regierung wichtigere Zu¬
geständnisse zu erhalten als die autoritative jüdische Körperschaft ,
der Board öf Deputies , es vermag .
Bundestag des Österreichisch -
Israelitischen Bundes der Kultus¬
gemeinden
. ( Von unserm Spezial - Berichterstatter )
Zweiter Tag
Vor Eingang in die Tagesordnung machte der Präsident
Dr . Alfred Stern Mitteilung von der inzwischen eingelaufenen
Antwort auf das an den Kaiser abgesandte Huldigungstelegramm .
Zur Verhandlung gelangt eine Protestkundgebung gegen die
Resolution Schmidt . Die vorgelegte Erklärung lautet :
„ In der Sitzung des Budgetausschusses des österreichischen
Reichsrates wurde mit 19 gegen 9 Stimmen der Resolutionsantrag
angenommen , die Regierung aufzufordern , „ Erhebungen darüber zu
pflegen , wie das Zahlenverhältnis der jüdischen zu den christlichen
Mittelschülern einigermaßen in Einklang mit der wirklichen Be¬
völkerungsziffer gebracht werden kann ; über den Erfolg dieser Er¬
hebungen wäre dem Hause Bericht zu erstatten . "
Dieser Resolutionsantrag bezweckt nichts anderes , als den
Juden noch eines der wenigen , ihnen bisher ungeschmälert be¬
lassenen staatsbürgerlichen Rechte , das Recht der Lernfreiheit , zu
benehmen : es sollen die Juden nicht bloß wie - bisher in der Ver¬
wertung der erworbenen Kenntnisse behindert , sondern sie sollen
von vornherein in der Möglichkeit beschränkt werden , solche
Kenntnisse zu erwerben ; es soll den Juden die wichtigste Waffe
in ihrem durch Glaubenshaß und Unduldsamkeit so sehr er¬
schwerten Kampfe um die wirtschaftliche Existenz systematisch
entzogen werden . Die jüdischen Mitglieder des Abgeordneten¬
hauses haben sich eingedenk ihrer Pflicht zu einer solennen Ab¬
wehr dieses neuerlichen Versuches , an den Rechten der Juden¬
schaft Österreichs zu rütteln , in einer würdigen Protestkundgebung
vereinigt und erklärt , diesen volksbildungsfeindlichen Antrag im
Abgeordnetenhause zu bekämpfen . Sie haben feierliche Ver¬
wahrung eingelegt gegen eine Aktion , welche im schroffen Wider¬
spruch steht zu dem Staatsgrundgesetze , das volle Lernfreiheit
gewährt , zu dem Streben nach Wissen , welches der Kulturwelt
innewohnt , zu dem modernen Leben , das theoretische und praktische
Bildung verlangt , um schaffend wirken zu können .
Die hier versammelten Vertreter der österreichischen israelitischen
Kultusgemeinden schließen sich diesem Proteste nachdrücklich an
und erwarten , daß auch ' sie mit derselben Entschiedenheit ihren
Standpunkt in dieser . Angelegenheit im Abgeordnetenhaus vertreten
werden . "
An die Resolution knüpfte sich eine trostlose Debatte . Einer
nach dem anderen meldeten sich Redner zu Worte , die den anti¬
semitischen Vorstoß ' als einen harmlosen Zufall hinzustellen