versuchten . Allgemeine Überraschung rief der „ Demokrat " Abg . Dr .
Groß ( Krakau ) hervor , der die Antisemitenreinheit pries und gegen
die „ Aufrüttelung der Massen " sprach . Er fand den lebhaften
Beifall aller , die nur keinen Lärm machen wollen . Daß er nach
dieser Flaumacherei nichts anderes zu tun hatte , als an dem wenig
scharfen Ton der Resolution herumzukritteln , kennzeichnet wohl
am treffendsten die Partei der „ unabhängigen Juden " , die sehr
energisch und radikal in Resolutionen tut .
Treffende Worte fanden dagegen Dr . Zipser und Abg . Drl
Straucher . Nachstehend der Bericht .
Dr Zipser zweifelt nicht an der einstimmigen Annahme ' der
Resolution . Der Bundestag muß einig sein , in der Abwehr derartiger
Angriffe . Allein mit Enunziationen ist wenig getan . Weder wir ,
noch weniger unsere Gegner messen diesen Beschlüssen Bedeutung
bei . Die Resolution Schmidt war nur auf dem Wiener Boden
möglich , denn die Wiener Christlichsozialen kennen als feine Be¬
obachter die Wiener Juden , die für jüdische Solidarität kein Ver¬
ständnis haben ( Oho - Rufe \ In Wien gibt es Juden mit weitem
Gewissen , die die russische Pogromregierung und die antisemitische
Stadtverwaltung finanziell unterstützten . Das muß aufhören . Der
„ Bund " muß in diesem Sinne einen moralischen Druck auf die
jüdischen Finanzmänner ausüben . Redner erinnert daran , daß die
jüdischen Reichen im Mittelalter ihre Geldmacht dazu benutzten ,
um von geldbedürftigen Regenten Erleichterungen des Loses ihrer
Stammesgenossen zu erlangen . Ähnlich muß auch jetzt vorgegangen
werden , wollen wir unseren Resolutionen Nachdruck verleihen .
( Beifall . )
Hie kl wendet sich gegen die falschen Freunde der Judenheit ,
die Deutschfortschrittlichen , die versteckte Antisemiten sind . ( Unruhe
im Präsidium und bei den „ deutschfortschrittlichen " Delegierten . )
Abg . Dr . G r o ß : Die Angelegenheit Schmidt ist nicht so schwarz ;
Es war eine Zufallsmajorität . Die freiheitlichen Czechen , auch der
Polenklub waren dagegen . Freilich , die Deutschen sind die ärgsten
Antisemiten . In Galizien gibt es solche nicht . Als er das im Par¬
lament behauptete , wurde er von Glombinski selbst beglück¬
wünscht ! Redner wendet sich gegen den Vorschlag Hickl , jüdi¬
sche Volksversammlungen zum Protest zu organisieren . Es werden
sich fromme Juden finden , die sich über den Antrag Schmidt freuen
werden . Man soll die Sache nicht ausposaunen . Wir wollen die
Schwarzen nicht schwärzer machen . ( Zustimmung . ) Zum Schluß
tritt Redner für die Demokratisierung der Kultusstuben ein .
Dr . Imalis wundert sich , daß die jüdischen Abgeordneten ,
die ja in so vielen Klubs zerstreut sind , was er vollkommen billigt ,
die Annahme einer Schmidt - Resolution nicht verhindern konnten .
Dr . Frankfurter ist ebenfalls nicht geneigt , die Sache tragisch
zu nehmen . Abg . Schmidt will sich , ebenso wie seinerzeit Prof .
Sturm , durch judenfeindliche Anträge hervortun . Der Beschluß wird
nicht durchgeführt werden , denn Herr Dr . Frankfurter führt einen
logisch unanfechtbaren Beweis dafür , daß die jüdischen Mittelschüler
nie unbequem seien : im Kaiser - und Maximiliangymnasium sind die
Juden in der Majorität ; trotzdem sind die Direktoren , entgegen dem Ge¬
setze , keine Juden , auf die jüdischen Feiertage wird keine Rücksicht
genommen . Wir verlangen es auch nicht ! . . ( So ! Warum ? Lärm . )
Abg . Dr . Straucher trifft in der Polemik gegen seine Vor¬
redner den Nagel auf den Kopf . Der Resolutionsantrag Schmidt
ist weder eine Demonstration , noch ein Zufall . Es ist ein plan¬
mäßiger Vorstoß der Christlichsozialen , die die Unterstützung auch
der Deutschfreiheitlichen fanden . ( Rufe : Das sind nicht die Deutsch¬
fortschrittlichen ! ) Die Herren scheinen zu fürchten , daß ein kalter
Hauch auf die Deutschfortschrittlichen fällt . Ich will Ihnen ein für
mich beschämendes Geheimnis verraten . Vor zehn Jahren , als neu¬
gewählter Abgeordneter , bewarb ich mich um die Aufnahme in die
deutsche Fortschrittspartei . Ich wurde als prononziert jüdischer
Abgeordneter abgewiesen . ( Bewegung . ) Redner bespricht die Taktik
des Jüdischen Klubs in der Wahrmund - Affäre , wo er sich Zurück¬
haltung auferlegt hat ( lebhafter Beifall ) , und in der durch die Reso¬
lution Schmidt geschaffenen Situation . Der Jüdische Klub regte das
gemeinsame Vorgehen aller jüdischen Abgeordneten an . Die be¬
schlossene Protestkundgebung der Abgeordneten wird im Budget¬
ausschuß vom Abg . Dr . Kolischer zur Verlesung gebracht werden .
( Ist inzwischen geschehen . ) Sollte der Antrag Schmidt im Hause
zur Verhandlung kommen , wird der Jüdische Klub auch dort Ver¬
wahrung dagegen einlegen . Redner ist gegen eine Politik , die
von den oberen Zehntausend geführt wird , — die Massen , das Volk ,
müssen aufgerüttelt , zum Widerstand organisiert werden . ( Leb¬
hafter Beifäll . )
Margules ( Czortkow ) verwahrt sich als orthodoxer Jude
auf das energischeste gegen die unsinnige Behauptung des Abg .
Dr . Ad . Groß , daß die frommen Juden dem Antrag Schmidt bei¬
pflichten werden . Das Gegenteil ist der Fall . Die Resolution wird
nunmehr in vorliegender Fassung angenommen .
Präsident Dr . Stern teilt mit , daß 78 unvertretene Kultus -
gemeinden ihre Zustimmung zu den Beschlüssen des Bundestages
telegraphisch kundgaben . Er erblickt darin einen Beweis , daß
Abg . Dr . Groß der orthodoxen Judenschaft Galiziens unrecht tat . .
Hierauf erstattet der Sekretär des „ Bundes " , Herr Jakob Krauß .
den Bericht . Der Bund war eine Zentralstelle für alle gemeinsamen
Gemeindeangelegenheiten . Er leistete Rechtsbeistand . ' In der
Schächtfrage wurde ein niederösterreichischer Kultusgemeindetag
einberufen und an zuständiger Stelle eingeschritten , so daß die
Durchführung des Landtagsbeschlusses verhindert wurde .
Wiewohl der „ Bund " in der Emigratio nsf rage nichts Positives
leisten kann und dieses Tätigkeitsgebiet der „ Alliance " überlassen
muß , die volle Anerkennung verdient , so leistete er doch , angesichts
der Wichtigkeit der Frage , der Einladung des Emigrationsdepartements
der Jewish Territorial Organisation ( ITO ) Folge und versprach , in
das zu gründende Wiener Emigrationskomitee seinen Vertreter zu
entsenden .
Behufs Bildung einer Herzlsammlung in dem Jüdischen
Museum in Wien wandte sich der „ Bund " an Herrn Prof . Kellner ,
erhielt jedoch die Antwort , daß alle Gegenstände von historischer
Bedeutung aus dem Nachlasse Herzls ( Manuskripte , Geschenke
jüdischer Korporationen und Souveräne usw . ) nach Palästina geschickt
werden .
Zum Schluß unterbreitet der Referent den Entwurf eines
Reichsverbandes zur Unterstützung von Witwen und Waisen
jüdischer Gemeindebeamter .
Abg . Dr . Gabel wünscht die Ausgestaltung des Arbeitsgebietes
des „ Bundes " . Er soll die Einführung des demokratischen Wahl¬
rechtes bei den Gemeinden bewirken , sozialpolitische Maßnahmen zur
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ergreifen . In Österreich gibt es
35000 jüdische Taglöhner . Es müssen Arbeitsnachweisbureaus für
Arbeiter gegründet werden . Redner regt die Gründung eines jüdischen
statistischen Amtes an .
Redner Dr . Stein und Dr . Körner ( Göding ) sprechen über
die bestehenden Einrichtungen zur Versicherung jüdischer Beamter .
In Mähren führte z . B . der Landesmassafonds eine Invaliditäts¬
versicherung ein . Die Regierung hat durch die Schaffung des
Reichspensionsgesetzes ebenfalls teilweise dem „ Bunde " vor¬
gegriffen . Als Zusatz kann die Versicherung von Witwen und
Waisen jedoch akzeptiert werden .
Dr . Rosenbacher ( Prag ) und Kaiserl . Rat Pollak ( Bielitz )
wenden sich gegen das allgemeine Wahlrecht . Nachdem Hickl für
die Schaffung einer . Bundessteuer plädiert und Abg . Dr . Groß
die Heranziehung eines Versicherungstechnikers zur Ausarbeitung
der Vorlage angeregt , wird die Durchführung der Versicherung von
Witwen und Waisen im Prinzip zum Beschluß erhoben . Die am
Schluß der Vormittagssitzung vorgenommenen Vorstandswahlen
ergaben folgendes Resultat : Dr . A . Stern , Dr . Rosenbacher , Dr .
Gustav Kohn , Dr . Filier ( Graz ) , Giesinger ( Teschen ) , Wilh . Pappen¬
heim , Dr . Sonnenschein , Dr . Straucher , Dr . Hilf ( M . - Ostrau ) ,
Dr . Güdemann , M . Fiala ( Brünn ) , Dr . S . Tilles ( Krakau ) , Dr . J .
Sachser , Dr . Schanzer ( Pilsen ) , . Dr . Ascher , Dr . Berger . Dr . Schaff
( Lemberg ) , Abg . Dr . Löwenstein ( Lemberg ) , Baurat Marmorek ,
Abg . Dr . Mahler .
Nachmittagssitzung .
Den Hauptgegenstand der Verhandlung bildet die Gründung
einer Lehrerbildungsanstalt für Westösterreich .
Dr . Rosenbacher , Dr . Steiner ( Kolin ) betonen die Wich¬
tigkeit der Angelegenheit für die böhmisch - mährischen Juden ,
verlangen die Gründung einer solchen Anstalt in Prag , da Reli¬
gionslehrer , die der czechischen Landesprache nicht mächtig sind ,
für säe wertlos seien .
Kais . Rat Pollak : Es herrscht eine große Not an Religions¬
lehrern . Die Frage lautet nicht , woher wir sie bekommen , sondern
ob wir sie kriegen . Redner ist daher für eine Erweiterung der
Wiener Lehrerbildungsanstalt
Landesschulrat Dr . Gust . Kohn verweist auf die bedeutenden
Ausgaben der Wiener Kultusgemeinde . Wir verwenden für Reli¬
gionsunterricht in Volks - und Bürgerschulen ( 203 Schulstationen )
mehr als 120 000 Kronen für 19 000 jüdische Kinder mit 94 Lehrern .
Die bereits bestehende Lehrerbildungsanstalt kostet ebenfalls viele
Zehntausende Kronen . Die Wiener Gemeinde wäre bereit , die
Anstalt zu erweitern , den westösterreichischen Bedürfnissen inbezug auf
den Unterricht der czechischen Sprache anzupassen , unter der
Voraussetzung jedoch , daß die anderen Gemeinden finanziell beitragen .
Die Gründung der Anstalt wird angenommen . Die Frage des
Sitzes dieser Lehrerbildungsanstalt für Westösterreich , sowie die
Beschlußfassung über den einheitlichen Lehrplan für Religions¬
unterricht bleiben dem im Herbst zusammentretenden Bundestag
vorbehalten .
Die Gründung eines Reichsarchivs sowie die Herausgabe