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irgendwelche Störung in den Functionen der nationalen
Organismen hervorzurufen . Sie waren sozusagen ein¬
gekapselt , im Ghetto isoliert und konnten demnach in
den Kreislauf des Blutes nicht gelangen . Sie führten ein
Sondeiieben , und wenngleich sie der Glaubenshass auch
bis in ihr Ghetto hinein verfolgte und selbst für Miss¬
wachs und Epidemie verantwortlich machte , konnte doch
ernstlich von einer Einwirkung der abgesonderten Juden
auf das Leben der Völker nicht die Rede sein . Erst
mit dem Beginne des verfassungsmässigen Lebens , der
Enmncipafion des dritten Standes und der Freizügigkeil
begann auch die Einwirkung jüdischer Eigenart aul
Handel und Wandel der übrigen Völker und damit zu¬
gleich eine Abwehrbewegung , die immer excessivere
Formen annahm und heute schon zur Gründung eines
Bundes — Le Grand Occident — geführt hat , der sich
die Ausrottung der Juden zum Ziele setzt , radicaler , als
es je versucht war : werden doch schon die Neger auf¬
gewiegelt , um dein gehetzten Wilde keinen , aber auch
gar keinen Zufluchtsort zu belassen . Der Judenhass ,
der früher alle Jahrhunderte ein paarmal aufflammte und
sich in Massacres austobte , ist eine chronische Krank¬
heit geworden , die sich zu jeder Stunde fühlbar macht .
Es liegt die Vermuthung nahe , dass die Erscheinungen
des Unbehagens im Volksleben , die auf das Eindringen
der Juden in Staat und Gesellschaft zurückgeführt
werden , mit den Juden nur sehr wenig zu thun haben ;
dass sie vielmehr blosse Folgeübel der Freizügigkeit ,
der Theilnahme der Massen am politischen Leben , der
Erweiterung der politischen Rechte sind , Folgeübel , die
übrigens neben den Segnungen dieser Neuerungen kaum
in Betracht kommen . Aber das Unbehagen ist da und
die Schuld daran wird nach Kinder - und Völkerart
einem einzigen Sündenbocke , den Juden , aufgebürdet .
Die privilegierten Gassen , deren Privilegien durch die
Befreiung der unteren entwertet wurden , halfen mit an
der Verführung des Volkes . * V
Sie hofften , die Abneigung gegen die Juden in
eine Abneigung gegen alle Freiheit umwandeln und
damit eine Rückkehr zur alten Gebundenheit bewirken
zu können . Ein Umstand kam ihnen dabei zuhilfe . Die
Juden , die der Neuzeit ihre Erlösung aus den Mauern
des Ghetto verdankten , erwiesen sich natürlich „ aller¬
orten als feurige Anhänger der neuzeitlichen Ideen und
sind noch jetzt in den vordersten Reihen derjenigen zu
finden , die alles Gewordene beseitigen und ein unsäglich
glückseliges Neues an seine Stelle setzen wollen . Wer
in sich noch irgendein Gefühl für das gute Alte hat ,
muss diesen Fortschrillsfanatikern mit ihrem brennenden
Eifer gram sein . Ich will nicht untersuchen , ob etwas
mehr Zurückhaltung bei den Juden wenigstens während
der ersten hundert Jahre nach der Emancipation nicht
klüger und vorteilhafter für sie gewesen wäre . Das
Temperament ist auch etwas Gegebenes , und man kann
nicht von Hunderttausenden verlangen , dass sie alle ihr
Leben nach überlegener Einsicht einrichten sollen .
Andere Unarten , Folgeübel tausendjähriger , ausschliess¬
lich mercantiler Beschäftigung erwähne ich nicht . Denn
ich will nicht die Ursachen des Judenhasses erörtern ,
sondern nur die Frage beantworten , ob wir in Europa
einen Vortheil davon haben würden , wenn es uns
gelänge , eines Theiles unserer Juden uns zu entledigen .
Die Kämpfe zwischen alter und neuer Zeit , müssen
ausgefoehten werden ; ein Zurück zu den starren
Ordnungen des Mittelalters ist ausgeschlossen . Das
ganze Volk nimmt seinen Antheil an den Culturgütern
und dem Staatsertrage in Anspruch . Die Kämpfe um
sein Recht sollen aber im Interesse der Ordnung und
de - Schutzes der Gulturgüter ohne Katastrophen , ohne
Gonvulsionen und Delirien durchgemacht werden , von
Compromiss zu Compromiss . Was am Ziele als Revolution
erscheinen mag , muss auf dem Wege immer nur Evo¬
lution geblieben sein . Zu dem Zwecke müssen wir alle
entzündlichen Reizungen abwehren und Blutvergiftungen
verhindern . Die Existenz einer Judenfrage in den
Emancipationskämpfen des Jahrhunderts ist eine solche
entzündliche Reizung , birgt die Gefahr einer Blut¬
vergiftung in sich . Es gibt keine ehrliche Diseussion
mehr zwischen den kleinbürgerlich - bäuerlichen und den
grossstädtisch - industriellen Volksclassen . Der Agrarier
und Zünftler beschimpft den Kaufmann und Industriellen
als Juden oder Judenknecht , die Freiheit , die Handel
und Verkehr brauchen , wird als Judenfreiheit stigmatisiert .
Die Ausgleichung zwischen Stadt und Land wird sich
viel leichter vollziehen , wenn die — im schlechten
Sinne - conservativen Classen im Judenpunkt nicht
stets neuen Anreiz zur Erbitterung , die liberalen
und fortschrittlichen Classen nicht eine Fessel und
Schwächung in ihm linden . Es ist also das Interesse
einer gemässigt - fortschrittlichen , Rückstauungen und
Dammbrüche verhütenden Politik , die Judenfrage mög¬
lichst aus dem Parteikanipfe auszuschalten .
Der stets gestachelte Judenhass ist aber auch in
seiner Rückwirkung auf die Juden selbst für den Staat
nachtheilig , wenn nicht gefährlich . Ein geringer Percent -
satz der Juden , die Reichen und Mächtigen , die etwas
zu verlieren haben , werden aus Pöbelfurcht verlässliche
Ordnungsstützen , aber sie discreditieren wiederum
durch ihre furchtsam nervöse und zu Uebertreibungen
neigende Art die Ordnungsparteien . Das gegnerische
Schlagwort lässt nicht auf sich warten ; es heisst : , Gegen
Junker und Juden " , worunter natürlich die Grossjuden
gemeint , sind . Der conservative Besitz wird in einen
Topf geworfen mit dem wohl am wenigsten beliebten
Theile der Bevölkerung , den Grosscapitalisten von Börse
und Bank . Der weitaus grössle Theil der intelligenten und
relativ besitzlosen Juden aber wird in das Lager der
ganz radicalen Parteien gedrängt und liefert diesen be¬
deutende agitatorische und organisatorische Kräfte . Der
Jude , der soviel Enttäuschungen erlebt hat , setzt eben
seine letzte Hoffnung auf einen totalen Umsturz alles Be¬
stehenden , auf die radicale Beseitigung aller Privilegien ,
auf die möglichst vollständige Durchführung der Gleich¬
heit , wie sie der Socialismus verspricht . Der jüdische
Gerebralmensch , der als solcher der demokratischen
Gleichmacherei eigentlich widerstreben müsste , wird
gegen seine Natur zum fanatischen Gleichheitsapostel
und excediert , wie alle Menschen , die nicht auf eigenen
festen Füssen stehen . Darin ist die grösste Gefahr für
die europäischen Bevölkerungen zu erblicken . Be¬
wegungen , die nicht aufzuhalten sind , werden über¬
mässig beschleunigt und dadurch die Gefahr verderb¬
licher Rückschläge heraufbeschworen . Was in Jahr¬
hunderten sich ruhig vollziehen könnte , soll in Jahr¬
zehnten forciert werden . Katastrophen sind da gar
nicht zu vermeiden .
Es ist also ein ganz besonderes Interesse einer
conservativen Staatskunst , diesen Gährungserregern
einen Abtluss zu eröffnen . Von einer Auswanderung
in andere überseeische oder europäische Staaten ist
nicht viel zu erhoffen , da überall schon der Sättigungs¬
punkt mit verdaulicher jüdischer Intelligenz erreicht
ist und das grosse Reservoir im Osten mit seinen
assimilatiousunfähigen oder fernen Juden noch immer
überfliesst . Jenes Reservoir wurde immer als das Un¬
glück der Juden bezeichnet , weil diejenigen , die ihm
entrannen , sich an die Rockschösse ihrer westlichen
fortgeschrittenen Staminesgenossen hängten und diese