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Frage irgendwie zu denken wäre . Die Deutschen , die Fran¬
zosen , die Russen müssen also erst fest und sicher auf der
ererbten Scholle sitzen , ohne daß sie von dem nationalen
Nachbar etwas zu befürchten haben . Sie dürfen auch nicht
allzu oft in persönliche Berührung mit ihm kommen , weil
sonst , trotz aller gemeinsamen europäischen Bildung , die
innersten Gegensätze von Temperament und Nationalcharakter
gar bald Hindurchbrechen würden . Das Bedürfniß nach
einem Gegensatz , nach einem Oben und Unten , sowie auch
nach Entweder — Oder , wurzelt viel zu tief und ewig in
der Menschennatnr , um jemals ansgerodet zu werden . Sind
wir den Kampf uni die Futterstelle wirklich einmal los¬
geworden , dann werden eben Eitelkeit und Ehrgeiz , grund¬
lose , instinctive Sympathieen und Antipathieen in die
Schranken treten . Der Socialist , der das nicht glauben will ,
muß trotzdem zugeben , daß in der Gegenwart der sociale
Klassenkampf durch solche uncontrolirbare Regungen des
Unterbewußtseins wesentlich verschärft wird . Schon der
Nationalhaß der europäischen Volker unter einander spielt
in ihrer Wirthschaftspolitik beträchtlich nüt und stört die
. Reinheit des socialistischen Experimentes . Diese Trübung
ist aber nur ein Kinderspiel gegenüber der grenzenlosen
Verwirrung , welche zu entstehen pflegt , sobald der leidige
Judenhaß erst in Action tritt . Schon die deutschen Social¬
demokraten , welche über die theoretisch geschulteste und
bestdisciplinirte Parteitruppe der Welt verfügen , haben
Mühe genug , die Genossen von antisemitischen Regungen
möglichst freizuhalten . Die Socialdemokraten in Oesterreich
wagen einen solchen Versuch überhaupt nicht und drücken
lieber beide Augen zu , wenn die Arbeitermassen in den Wein
ihres Marxismus noch ein bischen antisemitischen Brandy
schütten . Wären keine Juden in Oesterreich und auch kein
Judenhaß , so hätten die Socialdemokraten längst schon die
doppelte Zahl von Stimmen erzielt . Auch die deutschen
Socialdemokraten würden dann nicht so viele Knüppel auf
ihrem Wege finden . Der Mittelstand , soweit er noch lebens¬
fähig ist , wäre ihnen längst anheimgefallen , und die Ele¬
mente , welche dem Untergang geweiht sind , dürften ohne
die weitschallende Resonanz des Judenhaßes kaum noch
die Kraft zu einem ernsthaften Widerstand finden . Also
haben die Socialdemokraten , um den von ihnen construirten
und ersehnten Entwicklungsgang der biirgerlichen Gesell¬
schaft zu beschleunigen , das größte Interesse daran , die
Judenfrage so schnell wie möglich aus der Welt zu
schaffen .
Noch viel größeres Interesse haben natürlich jene jungen
deutschen Juden , die mit dem deutschen Wesen viel zu fest ver¬
wachsen sind , um jemals von ihm loszukommen . Irgendwo
sagt Goethe , daß Niemand los wird , was ihm angehört ,
auch wenn er es fortwirst . Vom antisemitischem Deutsch¬
land werden diese jungen Juden fortwährend verworfen
und fortgeworsen — sie bleiben Deutsche . Aber sie erleiden
auch Seelenqualen furchtbarster Art , und ergreifen die
wunderlichsten Mittel , um sich zu helfen Sie schreien ent¬
weder noch viel lauter als die Antisemiten über semitische
Unsitten , oder sie stecken den Kopf in den Sand und treiben
Vogel - Strauß - Politik . So verschieden diese Methoden sich
nun auch ausnehmen , so verwechseln doch ihre Ver¬
treter in ganz gleicher Weise Ursache und Wirkung und
versteifen sich aus utopistische Unmöglichkeiten . Beide Theile
glauben offenbar , daß wirkliche oder erdichtete , jüdische
Untugenden die Ursache des Antisemitismus waren . Aber
der Antisemitismus entsteht nicht , weil die Juden schlechte
Eigenschaften haben , sondern weil der uralte Judenhaß
noch immer fortbesteht , werden ihnen so viele schlechte
Eigenschaften geradezu angedichtet oder wenigstens viel
höher angerechnet , als jedeni anderen Staatsbürger . Es ist
also völlig überflüssig , ein schallendes „ Höre Israel " in
den Wald hineinzurufen . Wenn Israel auch wirklich
hörte und allein von allen Völkern dieser Erde es fertig
bekäme , keine Gauner und Spitzbuben in seiner Mitte
zu haben — der Judenhaß würde schon etwas anderes
ausfindig machen . Und es bleibt eine Wahrheit , „ Muster¬
knaben " können die Juden auch nicht sein . Freilich schlagen
die Abwehrmänner aus der Schule des Herrn Rickert zu¬
weilen einen Ton an , daß man unwillkürlich und ironisch
an den bekannten Vers denkt : „ Dies Kind , kein Engel
ist so rein . " Diese dumme Uebertreibung bietet dem
lauernden Gegner die ärgsten Blößen , und sie würde über¬
dies nichts nützen , selbst wenn sie wahr wäre . Es ist eben
ein ganz unbegreiflicher , rationalistischer Jrrthum , daß inan
uralten Instinkten und Antipathieen durch Widerlegung und
Belehrung beizukommen hofft . Kürzlich erst versuchte im
„ Berliner Tageblatt " ein geistreicher Schriftsteller , durch
ein gar nicht übles , rationalistisches Gleichniß den Anti¬
semitismus ad absurdum zu führen . Würden in Berlin , so
construirte er , etwa achtzigtausend Menschen verurtheilt sein ,
auf ihrem Rücken immer ein Placat zu tragen , so wiirde
zwischen ihnen und der Bevölkerung sich bald ein Gegen¬
satz , wenn nicht directe Feindschaft herausbilden . Sobald
nun , wie es gar nicht anders sein kann , unter diesen achtzig¬
tausend Placatmenschen auch Spitzbuben auftauchen , so
wird es sofort , unisono , im Publikum verlauten : Na ja ,
so ein Plakatmensch . Otto Ernst hat mit diesem Gleichniß
ohne es zu wissen , den Nagel auf den Kopf getroffen . Die
Juden sind nämlich wirklich , im Vergleich zu den indo¬
germanischen Europäern , richtige Placatmenschen . Ihr Gesicht
ist das Placat , an welchem nicht die Willkür der Menschen ,
sondern die ewige Natur und die Entwicklung zweier Jahr¬
tausende geschrieben haben . Es ist völlig müßig , sich herum¬
zustreiten , ob die Juden reine Semiten sind oder ob auch
arisch - alarodisches Blut in ihren Adern fließt . Genug , sie
sind anders , als die Völker unter denen sie leben . Und
weil sie anders sind , darum lösen sich starke Antipathien
gegen sie aus und wird der Antisemitismus erst verschwinden ,
wenn dieses andersgeartete Volk entweder auf eigener
Scholle sitzt oder in den Gastvölkern spurlos aufgeht . Auf
dieses Ziel sollten die jungen , deutschen Juden energisch
hinarbeiten , statt sich in unerträglich orakelhaftem Ton über
Semiten und Antisemiten moralisch zu entrüsten . Wenn
diese jungen Juden aber den richtigen Weg erkannt haben ,
dann werden sie sich wohl oder übel auch mit dem Zionismus
auseinandersetzen müssen — ebenso wie die Socialdemokraten ,
welche einsehen , das eine Beseitigung des Judenhaßes nur
ihnen selbst und der internationalen Lösung der socialen
Frage zu Gute kommt .
Was will der Zionismus ? Er will solchen Juden ,
die sich in ihrem Geburtsland nicht assimiliren können oder
wollen , eine staatsrechtlich garantirte Heimat schaffen .
Keineswegs also , wie man fabelt , allen Juden . Wer in
seinem Geburtsland Aussicht hat , vollständig assimilirt zu
werden , oder sich mit der Cultur , die ihn umgibt , voll¬
kommen verwachsen fühlt , der soll auch nicht mit brutaler
Hand herausgerissen und zu einem plumpen , dummen
Chauvinismus gezivungen werden . Leider sind Millionen
Juden , besonders in Osteuropa , nicht in dieser Lage . Auch
wenn sie wollten , könnten sie sich nicht assimiliren — die
Gastvölker winken deutlich ab . Was soll nun aus diesen
Juden werden ? Ihre Lage steigert sich bis zur Unerträg¬
lichkeit , und sie strömen nach Ländern ab , welche günstigere
Bedingungen zu bieten scheinen . In Deutschland steht es
imnier noch wesentlich besser , als in Rußland , und so über¬
schreiten jahraus , jahrein , unzählige russische und polnische
Juden die deutsche Grenze . Ihre in Deutschland geborenen
„ Glaubensgenossen " lassen es an Unterstützung und Wohl -
thätigkeit jeder Art gewiß nicht fehlen — besonders sorgen
sie für Reisegeld nach Amerika , so daß die armen Flücht¬
linge bald auch dem deutschen Land den Rücken kehren .
Denn diesen Wohlthätern , obwohl sie es nicht gern zugeben ,
ist der ununterbrochene Zuzug russisch - polnischer Juden im
höchsten Grade fatal , weil sie recht gut wissen , daß diese
Emigration ihren antisemitischen Gegern neue Waffen in
die Hände drückt und die Assimilation im hohen Grade
erschwert . Vollkommen richtig . Aber , so muß man fragen ,
sollen sich die Juden in Rußland , Polen und Rumänien ,
um ihren deutschen Brüdern das Vergnügen nicht zu stören .