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einem im materiellen Gedanken, der es sittlich hochhält und vor dem Versinken in den Strudel der Aeusserlichkeiten bewahrt. Da ist keine religiöse Idee, die doch den ärmsten Kaftanjuden begeistert, kein sociales Streben, keine selbst­lose Hingabe an das Vaterland, sondern höchstens ein gedankenloser Chauvinismus, der durchaus nicht einem überspannten patriotischen Gefühl entspringt, sondern dem Begehren, sich den Angriffen der Antisemiten durch stärkste Betonung des Franzosenthums zu entziehen.

Es ist durchaus kein Zufall, dass gerade in Frankreich unsere Idee die wenigsten Anhänger gefunden hat. Um Zionist zu werden, muss man ein sittlicher Mensch sein. Die Assimilation ist aber in Frankreich so schnell erfolgt und hat so entsittlichend gewirkt, dass jeder geistige Gehalt aus den Juden geschwunden und an Stelle der alten schönen, bewährten Ideale, an den Ort des Strebens nach der Ver­vollkommnung in sittlicher Beziehung die landläufige französische Phrase getreten ist. Redensarten von gloire, armee, re van che sind jenen Männern so geläufig, wie irgend einem Nachkommen des Vercingetorix, aber ein Begriff wird nicht damit verbunden. Von irgend welcher gefesteten Ueberzeugung, von charaktervollem Handeln ist nichts wahr­zunehmen.

Bei den letzten Unruhen wurde ein Jude verhaftet, der lautä bas les juifs gerufen hatte! Und der Elende ver- theidigte sich mit dem Sophisma, Frankreich stehe ihm höher als sein Judenthum. Die völlige Verwirrung aller sittlichen Begriffe, die gegenwärtig in Frankreich herrscht, hat eben die Juden noch stärker erfasst als die katholischen Franzosen. Auch in Frankreich hat die Assimilation die Juden nicht gehoben, sondern ihr Culturniveau erniedrigt.

Aus dieser sittlichen Verwahrlosung vermag sie nur eine eigene starke moralische Anstrengung zu befreien. Und diese Anstrengung wird nur dann gemacht werden, hat nur dann eine Aussicht auf Erfolg, wenn sie der zionistischen Idee ihre Entstehung verdankt. Das Land, welches einst die absolute Hegemonie in Europa besass, das Land, das noch vor 100 Jahren den Gedanken von der Brüderlichkeit aller Menschen auf seine Fahne schrieb, ist in einen unaufhalt­samen Degenerationsprocess versunken, der das Auftauchen eines starken Ideales in Frankreich selbst fast unmöglich erscheinen lässt. Ohne ein solches kann aber eine Gesundung des Volkskörpers nicht erfolgen. Den französischen Juden aber bietet sich ein solches Ideal. Sie haben jetzt wahrlicb genügend Gelegenheit gehabt, zu sehen, wie berechtigt die zionistischen Theorien auch in Westeuropa sind. Der, Dreyfus-Process muss ihnen vollends die Augen öffnen. Vielleicht würde Herr Mercier auch für ein offenes Juden- massacredie volle Verantwortlichkeit übernehmen.

Haben die französischen Juden nur ein wenig Ehr­gefühl bewahrt, haben sie noch eine schwache Empfindung für die ihnen angethane Schmach, dann werden sie jetzt wissen, wo ihr Platz ist.

Und sie werden durch thatkräftiges Eintreten für die Stammesbrüder beweisen, dass ihr moralischer Gehalt durch das Milieu, in dem sie leben, wohl leiden konnte, dass aber ihr Judenthum ihnen die sittliche Kraft verleiht, sich aus dem faulen Sumpfe zu retten, in dem die Umgebung rettungs­los versinkt. D r. AdolfFriede in a n n.

Tribüne.

Sehr ge e hr t e R e da c ti o n!

Ich bitte Sie höflichst um die Aufnahme folgender Berichtigung:

In Nummer 33 derWelt findet sich gelegent­lich der Erwähnung meiner Ausführungen in Bezug auf die Zuweisung von sieben Gründershares ein sinn­entstellender Druckfelder. Danach hätte ich gesagt, die

Welü* Nr. 36

betreffenden sieben Personen würden durch die Gründer­shares 700 Stimmen erhalten, was ganz unverständlich, ja geheimnisvoll klingt. Thatsächlich habe ich Folgendes ausgeführt: Sieben Personen würden das lebens­längliche Verfügungsrecht über 7 von 100 Gründer- shares erhalten. Da nun diese 100 Gründershares wegen des ihnen bei principiellen Fragendie Richtung der Thätigkeit betreffend zu Gebote stehenden Rechtes der Hälfte aller Stimmen und ihrer Geschlossen­heit die eigentliche entscheidende Macht in der Golonial- bank bilden würden, so erhalten die betreffenden sieben Personen für Lebenszeit 7 / 100 (sieben Hundertel) aller Rechte der Zionisten in Bezug auf die Bank. Darum sprach ich von antidemokratischen Sonderrechten.

Hochachtungsvoll

Leo M oz k i n.

Weltchronik.

Judentaufen im XIX. Jahrhundert. Unter dieser Ueberschrift veröffentlichte dieNeue Preussische Zeitung (gewöhnlich Kreuz-Zeitung genannt) am 16. August einen grossen Leitartikel überJudentaufen im NIX. Jahrhundert. Dieser Artikel fasst auf der Arbeit des Pastor de la Roi. Nach diesen Aufstellungen verliert das Judenthum alljährlich an die Christenheit circa 5250 Personen, und zwar durch Uebertritte:

an die evangelische Kirche 1420 Personen

katholische 1250

griechische 1100

endlich durch Mischehen 1450

Sehr bemerkenswert ist, was dieKreuz-Zeitung diesen Ziffern hinzufügt:Darnach würden allerdings die nach- sehr niedriger Schätzung gewonnenen 224.000 Juden­taufen dieses Jahrhunderts eine achtungswerte Zahl dar­stellen. Wir wollen aber nicht vergessen hinzuzufügen : auch nur eine Zahl. Was das Judenthum an ihnen verloren hat, wissen wir, was die christliche Kirche an ihnen gewonnen hat, das wissen wir nicht; denn die Apostel pflegten die Taufe ernster zu nehmen, als es heutzutage leider oft genug mit den Judentaufen der Fall ist.

Mortara in Frankreich. Die PariserAurore erzählt in einer ihrer jüngsten Nummern den folgenden interessanten Fall, der vielfach an die bekannte Mortara-Wegtaufungs- geschichte in Bologna erinnert: Ein jüdischer Kaufmann in Paris hatte seinen 13jährigen Sohn Lazare auf Ver­anlassung des Abbe Tenaille in der Glashütte von C 1 e u r y untergebracht. Als derselbe einige Monate dort arbeitete, kam der Abbe zu dem Vater des Knaben und verlangte die schriftliche Zustimmung, die das Gesetz bei dem Uebertritte eines Minderjährigen verlangt. Der Vater weigerte sich, der Abbe drohte mit der Entlassung des Knaben, richtete indessen nichts aus. Monatelang hörte der Vater nichts mehr von der Sache, plötzlich erfuhr er, dass sein Sohn ohne sein Wissen und gegen seinen Willen doch getauft worden sei und jetzt den Namen Louis Enrik führte. Er hat nun gegen diesen ungesetzlichen Taufact Klage erhoben.

Eine jüdische Originaloper. Mit Bezug auf den in Nr. 30

unseres Blattes unter dieser Ueberschrift erschienenen Artikel, theilt man uns mit, dass die Musik der Goldfaden- schen OperSulamitn nicht von Emanuel Davidsohn ist, sondern aus alten Synagogenmelodien zusammengestellt und von dem Dirigenten am Budapester Kisfaludytheater, Eduard Donath, zu einer Partitur für grosses Orchester bearbeitet wurde.

Palästinabäume. Die während der Internationalen Garten bau-Ausstellung im Jahre 1897 in Hamburg aus-