Seite 8Die Welt Nr. 36

Maximilian Thullie, entwarf jüngstens im Lemberger Ruch katolicki einen Wahlreform plan, der umsomehr Beachtung verdient, als derVerfasser desselben Generalissimus der christlich-socialen Partei und tonangebendes Mitglied des Gemeinderathes ist. Am Wahlreformprojecte des mährischen Ausgleichsausschusses sich ein Muster nehmend, möchte Professor Thullie auch in Galizien das Curien- princip durchgeführt; wissen. Der Einwurf einiger Freunde, denen er diesen Plan vortragen hatte und die ihm klar machen wollten, dass die von ihm geplante Wahlreform mit dem in den Staatsgrundgesetzen den Juden gewährten Gleichberechtigungsprincipe im Widerspruch stünde, machte dem Herrn Professor keine Scrupel. Das Princip der Gleichberechtigung bezwecke bloss, so meint der jüngste Staatsrechtslehrer, dass niemand wegen seiner Religion oder Nationalität der politischen Rechte v e r- 1 u s t i g werde. Nun würde aber die von ihm geplante Einführung von Curien die Juden nicht nur der politischen Rechte nicht berauben, sondern ihnen viel­mehr eine gewisse Anzahl von Mandaten sichern, sie also in eine viel bessere Position bringen, als ihre jetzige ist, da ihnen gegenwärtig bei solidarischer Stimmen­abgabe aller Christen nicht ein einziges Mandat zutheil werden könnte, fiebrigens gebe es ja in Oesterreich bereits seit langem Curien, die nicht auf nationaler, sondern auf wirtschaftlicher Basis beruhen. Die bereits bestehenden Curien seien nur zum Schutze der verschiedenen wirtschaft­lichen Interessen eingeführt worden. Gegenwärtig, da sich die nationalen Fragen sehr scharf zugespitzt haben, wäre es daher nur recht und billig, auch zum Schutze der nationalen Interessen entsprechende Curien einzuführen, wenn diesetheoretische" Argumentation einen echt jesuiti­schen Charakter in sich trägt, so zeugen diepositiven" Vorschläge von der wahren Perfidle des Reformators. Ent­sprechend den drei Hauptarten der Vertretungskörper: dem Reichsrathe, dem Landtage und der Gemeindevertretung schlägt er für jede einen anderen Modus vor. Was nun vor allem die Gemeindevertretungen anlangt, sollte man die Landgemeinden von den Städten und Städtchen unter­scheiden. Da in den ersteren (den Landgemeinden) die Juden in überwiegend kleiner Anzahl vorhandan sind, so sei hier unnöthig, Curien einzuführen. Anders aber in den Städten und Städtchen. Da in diesen die Juden ent­weder in überwiegender Majorität oder in respectabler Minorität vorhanden, also einen jüdischen, oder wenigstens einen von ihnen stark beeinflussten Gemeinderath besitzen, sei es nur einenationale" Pflicht in denselben zwei Curien eine jüdische und eine christliche (polnisch- ruthenische) einzuführen. Es sollten in denselben die Mandate nach einem Schlüssel eingetheilt werden, welcher derLage der Juden als Fremder und ihrem Verhältnisse zur autochthonen christlichen Bevölkerung entsprechen würde. Für die Reichsraths­und Landtagsvertretungen wiederum sollte man in der Städte-, Handels- u. Gewerbekammer-und in der allgemeinen (fünften) Curie einej ü d i s c he Subcurie errichten. Man würde sich dann genau überzeugen können, dass z. B. speciell in der allgemeinen Curie ohne die Juden eine viel geringere Anzahl der socialistischen Abgeordneten in den Reichsrath gelangen würden. Soweit der jüngste Herr Reformator, der das Ideal derGerechtigkeit sein möchte.

England.

London, 1. SeptDer Strohhalm," so lautet ein eng­lisches Sprichwort,zeigt an, in welcher Richtung der Wind bläst". Mr. Arnold Wh 11 e. der dem Baron Hirsch wichtige Daten über die russischen Judenverhältnisse lieferte, der einst mit Hilfe eines jetzt in Misscredit gerathenen Radicalen eine antisemitische Gesellschaft gründete, und der dadurch, dass er sich jahrelang als Autorität in jüdischen

Fragen ausgab, langsam beim englischen Publicum sich Gehör verschaffte, hat nunmehr ein Buch veröffentlicht, in das er sein ganzes concentriertes Gift ausspritzt. Ich habe nicht die Absicht, lange Auszüge aus dem Buche zu liefern. Ein Durchschnittsleser der antisemitischen Presse wird darin nichts Neues oder Packendes finden. Mit Stillschweigen kann aber das Buch gleichwohl nicht übergangen werden, denn es ist das erste dieser Art, welches in England er­scheint und den Vergani, wie andere Helden des juden­feindlichen Katechismus billigend cifciert. Es ist ein Stroh­halm, ein dünner dazu, und die Frage ist, ob er einen be­ginnenden Sturm anzeigt. Leider muss die Frage bejaht werden. Das Buch, welches unter dem Titel:Der moderne Jude" erscheint, hatte noch kaum die Presse verlassen, und schon meldeten sich Nachzügler. In einem Leitartikel eines Londoner Tageblattes wurde ausgeführt, die Juden würden zu materialistisch. Ein anderes Blatt fand als Resultat einer Lebersicht: Mr. White habe Dinge constatiert, die sich nicht bestreiten oder ignorieren Hessen. Diese liebreichen Aeusserungen vermögen zwar nicht den gesunden englischen Menschenverstand zu überzeugen, aber sie müssen vor jedem, dessen Pflicht es ist, die Zeichen der Zeit zu beob­achten und festzuhalten, als sehr interessant angemerkt werden. An erster Stelle haben alle englischen Zeitungen sich für Dreyfus Unschuld eingesetzt, an zweiter Stelle die meisten von ihnen Bericht über den letzten Congress ge­bracht, und zwar in einem sehr freundlichen Sinne. Seit der Dreyfus-Affaire herrscht in der englischen Presse über­haupt ein freundlicher Ton vor. Dieser Leitartikel nun be­weist, dass sich bereits eine feine Unterscheidung zwischen der Verthei di gung des einzelnen Juden und der gegenüber der ganzen Masse des englischen Judenthums einzunehmenden Stellung geltend macht.

In diese Situation, wie sie sich in letzter Zeit auf die angedeutete Weise entwickelt hat, ist es nicht leicht, Licht zu bringen. Im allgemeinen ist der Engländer von entschieden anständiger Gesinnung und voll Gesetzes­achtung. Das Nationalitätengemisch, das den britischen Staat ausmacht, hat dazu bei ge tragen, dass die Toleranz bei uns heimisch wurde. Die schwarze, die lohfarbene und die gelbhäutige Rasse sie alle werden in London im Sinne einer solchen natürlichen Gleichheit behandelt, wie kaum anderswo. Das Gesetz hat sie anerkannt, und das genügt für den Engländer, der seine politischen Kämpfe mit Kraft, Entschlossenheit und Ruhe ausficht und das Urtheil des Stimmzettels auf jeden Fall acceptiert, voll­kommen. Soll nun gegen den Juden eine Ausnahme ge­macht werden ? Das ist die Frage. Mr. Whites Trick be­steht darin, dass er in streng gesetzlichen Grenzen zu Werke geht. Erst vor kurzem war die Regierung geneigt, ihr berüchtigtes Gesetz gegen die Fremdeneinwanderung einzubringen. Dazu, dass dieses Gesetz zu Fall gebracht wurde, hat unser vortrefflicher Gesinnungsgenosse Mr. L. J. Greenberg durchseine sorgfältige und ausführliche Studie über die Einwanderungs-Statistik wesentlich beigetragen. Mr. White versucht nun einen geschickten Vorstoss, indem er eine neue Bill vorschlägt, die er den Juden so schmackhaft zu machen weiss, dass sie in vielen, sogar jüdischen Kreisen Billigung finden dürfte. Die Statistik ist gegen ihn. Was thut er? Er beseitigt sie mit einem Schlage. Er stösst einen ehrlichen Angstschrei aus: das England der Zukunft müsse vor der Judeninvasion behütet werden, die ihm drohe, wenn Frankreich sein e Juden vertreibe ! Das ist ein grosser, sogenannter patriotischer Coup, von der Art, die auf unsere lieben Chauvinisten wir heissen sie Vingoes von sicherer Wirkung ist. Es lässt sich nicht leugnen, dass eine solche Massregel, von diesem Standpunkte aus begründet, bei einem grossen Theile der Conservativen auf Zustimmung rechnen darf. Die Liberalen freilich wären durch ihp§