Nr. 36

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Die Hl Welt

Traditionen genöthigt, einem so unliberalen Projecte Oppo­sition zu machen. Aber einerseits ist die liberale Partei des­organisiert, und andererseits ist es erlaubt, an ihrem guten Willen in dieser Sache ein wenig zu zweifeln. Jedenfalls ist die Haltung, die das bedeutendste liberal-radicale Blatt Londons in der Frage einnimmt, auffällig und zweideutig genug. Da es sich ausserstande sieht, Mr. Whites politische Ansprüche zu unterstützen, so behilft es sich damit, seinen Lesern zu versichern, der jüdische Materialis­mus sei im Wachsen begriffen! Der erste Bauer, der in diesem antisemitischen Spiele vorgeschoben wird, hat die Bestimmung, dem Publicum eine ungünstige Meinung von den Juden beizubringen; der zweite das direct einge­standene Ziel des Buches soll Misstrauen gegen die Juden erwecken. Einige Kritiker, die das Buch eingehend besprachen, empfiengen von ihm genau diesen beabsichtigten Eindruck und übermittelten ihn ehrlich ihren Lesern.

Das ist genau so viel Antisemitismus, als der englische Magen zur Zeit verträgt. Mr. White gibt zu, dass der Anti­semitismus in England nicht Mode ist. Er darf sich aber ruhig eine Wartezeit leisten, in der frohen Gewissheit, dass das judenfeindliche Gefühl im Volke unaufhaltsam zunimmt. Freilich könnte der Judenhass in England niemals eine andere, als eine streng gesetzliche Form annehmen. Auch zu einem gewissen Ausmasse von gesellschaftlichem Ostracismus könnte er führen, und Mr. White, der das weiss, zielt deutlich auf diesen Punkt. Was die sociale Seite anbelangt, lässt sich schwer etwas Bestimmtes Voraus­sagen. Sicher ist, dass schon heute weder die Mittelclasse, noch der alte Adel einen häufigen Verkehr mit Juden unterhalten. Klarer liegt die politische Situation. Die konservativen, die Protectionisten sind, würden die Einführung von einschränkenden Massregeln bezüglich der Judeneinwanderung willkommen heissen und sich darin mit der Arbeiterclasse begegnen, die zwar radical, aber gleichzeitig protectionistisch ist. Die liberale Partei ist, wie schon oben erwähnt, desorganisiert und wird zu den nächsten Hauptwahlen mit einem neuen Schlacht­rufe, einem neuen Programme erscheinen müssen. In einigen Quartieren der Partei, das ist sicher, besteht der Wunsch, die Frage der englischen Kirche aufzuwerfen. Die pro­testantische Gruppe sucht mit denen, die durch Aenderungen dos Ritus eine Annäherung an Rom bewerkstelligen, ernst­lich anzubinden. Trifft dies in der That ein, dann befänden sich die Juden zwischen zwei Mühlsteinen. Auf der einen Seite droht die Fremdenfrage, andererseits müssen sie sieh davon zurückhalten, activ Partei zu ergreifen in einem Feld­zuge, der um eine Frage geführt wird, in die sie nichts dreinzureden haben. Sonst haben sie die Schläge d e r Partei zu gewärtigen, gegen die sie sich gewinnen lassen. Dies ist die Situation, die sich von selbst gemacht hat und der wir nun wählend und prüfend gegenüberstehen. Wie man sieht, fürs Allarmblasen wiirs noch zu früh, aber die ernsteste Erwägung ist schon an der Zeit.

Und nun noch ein Wort über das Buch, das ein Vor­zeichen für die Zukunft ist. Mr. White will, dass sich die Juden entweder vollständig und freiwillig assimilieren oder dass ihre Hauptmasse nach Armenien transportiert werde. Nach Armenien deshalb, damit sie von den Russen getrennt und doch unter der Hand des Czars blieben. Er entscheidet sich für Armenien, weil es in der Nähe von Palästina ist, und weil er an die Nützlichkeit unserer historischen Ideen glaubt. An der Ausführbarkeit des zioni­stischen Planes zweifelt Mr. White. Sonst hätte er wenig gegen einen Plan einzuwenden, der die Juden isolieren und von der Menschheit abschneiden könnte von der armen Menschheit, die so leicht von den Juden vergiftet wird!

Seinen bittersten Spott eigiesst Mr. White über jene Classe von Juden, für die auch der Zionismus nicht eben

zärtlich fühlt: über die Geldmacher, die von ihrer Rasse und ihrem Glauben nichts wissen wollen. Worte des höchsten Preises findet er dagegen für die jüdische Aristo­kratie, die durch ihre massenhaften Einheiraten in die arische Gesellschaft die Gunst des Freundes der Assimilation gewonnen hat. Mr. White macht den Juden das Compli- ment, dass sie ihm durch ihre geistigen Fähigkeiten Schrecken einflössten. Er gibt ebenso grossmüthig zu, dass die Juden in den russischen Colonien tüchtige Menschen seien. Aber all dies geht an dem Punkte vorbei, auf den es ihm an­kommt. Er erhebt den Ruf des Warners vor dersemitischen Gefahr, genau so, wie vor einigen Jahren ein englischer Publicist vor der Chinesen-Gefahr warnte. Nur dass der Chinese weit, der Jude nahe ist, und das Frankreich unserer Tage ein lehrreiches Beispiel dafür bietet, wohin die geschickt suggerierte Angst vorVerjudung führt. So endet dies Jahrhundert, welches die Menschenrechte proclamiert bat, damit, dem Zionismus ein Agitationsmittel nach dem anderen in die Hand zu spielen ! J. de H.

Rumänien.

Jassy. Am 14. August feierte Herr Dr. Elias Schwarz­feld sein 25jähriges Schriftsteller-Jubiläum. Er ist wohl der erste rumänische Jude, der auf eine 25jährige literarische Thätigkeit zurück blicken kann. Er zeichnete sich aus als Geschichtsforscher und Novellist, wie als Uebersetzer wert­voller Productionen des jüdischen Geistes ins Rumänische. Als Journalist hat er Hervorragendes geleistet, als Mit­arbeiter verschiedener Zeitschriften, wie als Herausgeber der Frateraitatea. Schwarzfeld, der nicht nur ein Doctor der Rechte ist, sondern auch für die Rechte seiner Glaubens­genossen eingetreten, ist unter dem Ministerium Bratianu aus seinem Vaterlande verbannt worden. Er wand erte nach Paris, wo er sein grosses Talent in dem Dienste der Philanthropie des Barons Hirsch bethätigt. Er hat das bedeut­same Amt eines General-Secretärs der Jewish Colonial Association seit der Begründung dieser Gesell­schaft inne.

Bucarest Vor kurzem fand in der Stadt H uschi eine interessante Gerichtsverhandlung statt, die eine Ritualmord­beschuldigung zum Gegenstände hatte. Der dortige Gerichts­hof beschäftigte sich mit der Anklage des Jonitza Faba- c a r u , gegen den jüdischen Schankwirt Marcu Butnariu in Huschi, wonach dieser versucht habe, dem sieben­jährigen Kinde Fabacarus mit einem spitzen Instrumente Blut zu entziehen. Einige christliche Zeugen sagten aus, dass sich Fabacaru an dem betreffenden Tage bei Butnariu berauscht und auch dem Kinde zu trinken gegeben habe, so dass beide total betrunken hinfielen. Ferner bekundeten die Zeugen, dass das Kind kein Zeichen eines Stiches hatte. Diese Aussagen wurden von der Mutter des Kindes be­stätigt. Sie erklärte, dass das Kind berauscht war und sich über Magenschmerzen und nichts anderes beklagte. Herr Jonescu-Dolj, der die Stelle des Staatsanwaltes vertrat, behauptete in seinem Plaidoyer, dass es unter den Juden eine Secte gehe, die Christenblut brauche und berief sich dabei auf das Buch eines getauften Juden und auf die Werke bekannter Antisemiten. Er beantragte eine strenge Strafe, die künftigem Fanatismus als abschreckendes Beispiel dienen sollte. Der Vertheidiger Eismann trat der wahnwitzigen Legende energisch entgegen und forderte im Namen der Mensch­lichkeit die Freisprechung des Angeklagten. Der Gerichts­hof gab diesem Appell Folge und sprach Butnariu frei.

Asien.

Bagdad. Der hiesige Correspondent des Central- comites derAlliance Israelifce schreibt: Unser neuerVali, N a in o u k Pascha, ist sehr judenfreundlich gesinnt. Das zeigt sich an Folgendem: Vor einigen Monaten suchte sich ein jüdisches Mädchen in muselmanischen Häusern einzu­führen und Hess sich dort ernähren. Eine der angesehensten