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Die soweit

Nr. 36

muselmanischen Familien Bagdads behielt es bei sieh und rieth ihm, sich zum Islam zu bekennen. Das junge Mädchen behauptete alsdann, von Geburt dem Islam anzugehören; sie beschuldigte ihre wahre Mutter, sie gestohlen, gemartert und ihr mit einem glühenden Eisen Hände und Lippen verbrannt zu haben. Der Verwaltungsrath der Gemeinde beschloss, ein Untersuchungsverfahren zu eröffnen. Es stellte sich heraus, dass das Mädchen eine Jüdin war. Abdulah Pascha, der ehemalige Vali, hatte entschieden, dass sie bis zu ihrer Majorität in der fraglichen Familie bleibe und dann ihre Confession wählen soll; diese Angelegenheit riefeine grosse Erregung in der Gemeinde hervor. Die Juden hatten zwar keine Lust, in ihren Reihen ein so entartetes Mädchen zu sehen, aber sie fürchteten mit Recht, dass diese Verleumdung, die von den Mohammedanern verbreitet wurde, zu Legenden Anlass geben würde, unter denen unsere Brüder in anderen Ländern zu leiden haben, aber die in Mesopotamien noch unbekannt sind. Namouk Pascha gab, als er von der Affaire unterrichtet war, den Juden Genugthuung: er befahl, die Tochter ihrer Mutter zurück­zubringen. '

Allerlei Nachrichten.

Nach dem soeben erschienenenKalender für das höhere Schulwesen P r eussen s" existieren an den öffentlichen höheren Lehranstalten 61 Oberlehrer jüdischen Glaubens, von denen 26 den Charakter als Professoren besitzen. Unter den Hilfslehrern und anstellungsfähigen Candidaten befinden sich 31 Juden.

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In Orleans hat schon wieder ein Duell stattgefunden, das seinen Ursprung in dem Antisemitismus hat, der gegen­wärtig die französische Armee beherrscht. Der jüdische Capitän Picard traf kürzlich den Capitän Jaly, welcher ihm den vojschriftsmässigen Salut verweigerte. Picard fragte, warum grüssen Sie mich nicht? Worauf Jaly antwortete, ich grüsse niemals einen Juden. Ein Duell war die Folge davon, das jedoch für beide Theile unblutig verlief.

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Vor vier Jahren wurde in der Kol-nidre-Nacht der unterfränkische Ort Oberelsbach fast gänzlich eine Beute der Flammen, darunter die Wohnungen der meisten Juden und die Synagoge. Nunmehr, nachdem der Ort wieder aufgebaut, ist auch das Bethaus wieder aus den Ruinen erstanden'und wurde jüngst eingeweiht.

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ln Tirol verstarb plötzlich an Herzschlag der be­kannte Sanitätsrath Dr. Salomon Herzhei in e r aus Frankfurt a. M. Der Verstorbene hatte noch vor wenigen Jahren Jungfrau undSchreckhorn bestiegen und beabsichtigte auch heuer die Bergriesen Tirols zu bezwingen. Sein Tod erfolgte in der Berghütte des Söldnergebirges, nachdem er gerade eine achtstündige Fusstour zurückgelegt.

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Herr Dr. David H o ffm an n wurde an Stelle des sei. Rabbiner Dr. Hildesheimer zum Rector des Rabbiner­seminars in ( Berlin gewählt. Ausserdem wurde beschlossen, das Seminar durch eine dritte Talmudclasse zu vergrössern.

In Bri eg wurde unter grossen Feierlichkeiten das hundertjährige Jubiläum der dortigen Synagoge gefeiert.

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In Münch eil starb am 21. v. M. im 82. Lebensjahre der in den weitesten Kreisen der Bevölkerung hocliangesehene üdisohe Arzt Dr. Drey.

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Der antisemitisch so vielgeschmähte Wissensdrang der jüdischen Jugend findet seine Bestätigung in der soeben veröffentlichten letzijährigen Schulstatistik der höheren Schule Berl in s. Unter 18.632 (1897/98 18.156) Schülern befinden sich 755 (694) Katholiken u. 3238 (3125) Juden. Am Wilhelms-Gymna­sium beträgt die Zahl der jüdischen Schüler 4-7 Percent, am Französischen 46 Percent, am Kölnischen 41 7 / 10 Percent und am Sophien-Gymnasium 39 Percent. Unter 4918höheren Töchtern befinden sich 3149 Protestanten, 71 Katholiken und 1681 Jüdinnen. Die durch diese Zahlen bewiesene Bildungsucht der Juden isterschreckend für die aus obigen Zahlen bekannten bildungsfeindlichen Elemente.

Die Attentäter, die vor einigen Wochen in Ver­sailles den dortigen Rabbiner Bloch und den Synagogen­diener L o e b überfielen und misshandelten, sind vom Zucht­polizeigerichte zu Gefängnisstrafen von acht Tagen bis zwei Monaten und Schadenersatz verurtheilt worden.

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Die jüdische Wohlthätigkeits - Gesellschaft in Paris vereinnahmte im Jahre 1898 rund 477.000 Francs, davon 340.000 Frcs. aus regelmässigen Beiträgen.

Die neulich in Paris verstorbene Madame Floifon vermachte dem jüdischen Krankenhause in Marien b ad 5000 Frcs. und verschiedenen Wohlthätigkeits-Anstalten 75.000 Frcs.

In Holland wird beabsichtigt, in den Kasernen solcher Regimenter, wo eine grössere Anzahl jüdischer Soldaten dienen, geeignete Räume für Synagogen einzu­richten.

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Während in Algier MaxRegis seinen Einfluss auf Regierung und Volk nahezu eingebüsst hat, stehen in Or an die Behörden noch auf Seiten der Antisemiten. Dort haben sich Soldaten zu antisemitischen Ausschreitungen hinreissen lassen, ohne dass die wiederholt bei der Militär­behörde eingereichten Beschwerden berücksichtigt worden wären, so dass sich die Bedrohten an den commandierenden General in Algier zu wenden genöthigt sahen.

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Die namentlich für die zahlreichen Curgäste in Baden- Baden errichtete neue Synagoge wurde jüngst unter grossen Feierlichkeiten in Anwesenheit der staatlichen, städtischen und geistlichen Behörden aller Confessioneil eingeweiht.

Die zionistische Bewegung.

Spenden für zionistische Zwecke, sowie Schekelzahlungen sind an das Bureau des Zionistencongresses, Wien, iX Türkenstrasse 9, Schekelblocks, sowie Juxten an das Bureau des Zionistencongresses, Basel zu senden. - Das Actions-Comite.

Lodz. Dank der unermüdlichen Thätigkeit der Herren M. J. Schreiber und Kadischewitz wurde hier ein zionistisches C h e d e rAtereth Zion für unsere armen Kinder gegründet. Auf Anregung der obengenannten Herren wurden auch am 6. August zwei Versammlungen ver­anstaltet, an denen sich ein zahlreiches Publicum aller jüdi- scheirBevölkerungsschichten betheiligte. Man beschloss, eine hebräische Lesehalle und Bibliothek zur Förderung der hebräischen Sprache und Literatur zu begründen.

S. G. B.

Czortkow. Die zionistische Jugend veranstaltete im hiesigen Gemeindesaale am 20. August einen Festabend zu Ehren des in Basel tagenden 3. Zionistencongresses, dessen Reinerträgnis grösstentheils für die Boryslawer Arbeiter verwendet wird. Programm des Abends : Begrüssungsrede (Herr J. R.), Declamation, hebräischHakiza Ami von J. L. Gor don, (Herr A. E.); DuettDort wo die Ce der" von Dr. Feld, (Herr O. L. und R.); Declamation, deutsch: