Redaction
und Administration :
WIEN
IX . , Türkenstrasse Nr . 9 .
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an die Redaction oder Administration : Wien , IX . ,
Türkenstrasse Nr . 9 , zu richten .
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nicht zurückgesendet .
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von 3 — 4 Uhr .
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Der Inseratentheil
wird Dienstag abends geschlossen .
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Nr . 29 .
Wien , 19 . Juli 1901 .
5 . Jahrgang
Die abgelaufenen Abonnements bitten wir recht¬
zeitig erneuern zu wollen , damit keine Unterbrechung in
der Zustellung erfolge . In Warschau haben wir
keine Agentur mehr , wir bitten deshalb unsere
Gesinnungsgenossen , sich in allen Dingen direct an uns zu
wenden . — Geld sendet man am besten und billigsten
in recomandiertem Briefe . Anstatt Kopeken werden auch
russische Briefmarken angenommen .
Zum Trauertage .
Von Julius Upfimny .
Die Werkleute Esras hatten den Tempel gebaut mit der
Kelle in der einen und dem Schwerte in der anderen Hand .
Solange der stolze Bau stand , Ward Judas Sehwertfaust
nicht mehr leer . Der Samaritaner log and der Idumäer
flüsterte den Mächtigen und den Strebenden gleissende
Worte ins Ohr . Gespannt hörte der fremde König die Er¬
zählung seines Gesandten an , die Schilderung der weiten
Schatzkammern des Tempels , gefüllt mit guter Beute an
schwerem Golde und glitzerndem Gestein ; und bald stampf¬
ten die Streitrosse vor dem mörderischen Sichelwagen .
Meht lange , und das zertrümmerte Eisengestelle lag auf
- einem Acker von Juda , und die Kosse trugen den Mäch¬
tigen eilend zurück . Vielleicht hatte der Feind die Wach¬
mannschaft um den Tempel vorerst überrumpelt . Aber im
grimmen Sturme hatten endlich die Juden ihre Heimat ge¬
säubert von den Scharen des Syrers , des Aegypters , des Par¬
thers .
Der neunte Ab erst sah die Flammen , in denen ein
Weltwunder untergieng , Flammen , nach deren Verlöschen
eine schreckensvolle unendlich dünkende Nacht über das
verwüstete Land und seine geknechteten Leute hereinbrach ;
der neunte Ab hörte das Schluchzen der Scheidestunde , in
der die Gefangenen Abschied nahmen von der Stätte ihrer
Wiege , von dem Grabe ihres Vaters , auf denen lange , lange
kein Auge mehr ruhen sollte in liebendem Gedenken . Da¬
mals brannten die Leichen der Vertheidiger des Tempels
auf dem Scheiterhaufen , der ihnen gebürte . Der Duft des
Cedernholzes vom Baue , der köstlichen Karde des Getäfels
umschmeichelte im Brande die todten Leiber der unsterb¬
lichen Helden . Die weisse Wolke , die in die Höhe schlug ,
rief den versprengten Flüchtling im fernen Gebirge zur
Todtenandaeht für seine schönen , für seine tapferen , für
seine stolzen Brüder . Die Ehre dem Würdigen ! Von ihnen
kann niemand Ueberwältigenderes bringen , als der Ge¬
schichtsschreiber , der uns erzählt : Der Hunger war in der
Stadt mit seinen gierigen , abscheulich brennenden Augen .
Kur dass man noch nicht die Leichen ass — sonst alles . Das
wussten die Körner wohl und kannten die Koth in den
Mauern . Und doch giengen in dieser Zeit viele von ihnen
zu den Juden über . So sehr hatte der Heldenmuth auf sie
eingewirkt und der Sieg des Geistes über die körperliche
Kraftlosigkeit , so sehr eilten sie in die Schule grenzenloser
Männlichkeit . In der ganzen Welt hatten sie Seharten in
ihre Schwerter gesehlagen , in der Stumpfheit gewohnten
Kampfes . In Juda zum erstenmale haben sie einen um so¬
viel besseren Gegner gefunden , dass sie nur mit ihm kämpfen
konnten , nicht gegen ihn .
Schlachtfeld , Arena und Galeere wurden zu den Mas¬
sengräbern eines herrlichen Volkes , das im Glücke die Zu¬
kunft nicht sah . Nicht darum , weil es versäumte , diplo¬
matisch freundlich , gefällig und vernünftig zu sein — dafür
hatte es seine Kraft . Aber die hat es zu spät wiederkehren¬
den Kichtern , Heldenführern anvertraut . Es hatte zu
lauge den Mächtigen des Besitzes geglaubt , die im Momente
der Gefahr nicht zögerten , ihren Münzen das Volk zu
opfern , und mindestens im Wohlleben Gefallen gefunden
haben an Fäule und Knechtsinn . In der Geschichte von
J udas Fall finden wir den Volksverrath fast immer mit viel
Eigenthum vereint . Die Prediger des Friedens , als es gährte ,
wurden zu Ueberläufern , als die Waffen klangen , die das
Volk aus seinen Ketten geschmiedet hatte .
Berenice , des Judenkönigs Agrippa Tochter und Freun¬
din des Titus , hatte ihrem Geliebten den Befehl zur Scho¬
nung des Tempels eingegeben . Unser Tempel — Judas
Tempel , durch Weiberliebe zum Feinde gerettet ? Lieber
mochte der Henker seines Amtes walten — und dann ster¬
ben . Denn das Schicksal zürnte Kom wegen Jerusalems , und
das Jahr des Sieges krönte den ersten römischen Soldaten¬
kaiser . Im Bürgerkriege fiel Judas Gegner auf ewig — ■
Juda aber lebt , krank , schwer krank , aber es lebt !
Der Thurm Phasael auf Moria sah an jenem Trauer¬
tage herab auf das Scliiffslager der Kömer , als die gebroche¬
nen Selaven festgeschmiedet wurden an die Kuderbänke und
die weinende Menge der Weiber und Kinder hinabstieg in
das Dunkel der Schiffsräume . Ein Bild späterer Zeiten I
An den Ruderbänken fremder Völker sitzen die Juden heute
noch , arbeiten für andere , leiden durch andere . In Kummer