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„ tiie # Welt "
Nr . 29
Der kleine Klesmer .
Von Ignaz K olin .
Bei Hochzeiten spielte sein Vater die Geige . Jauch¬
zend flog der Bogen über die zitternden Saiten . Ihm war
es , als tanzte einer im Sonnenschein .
Merkwürdig , dass er sich immer , wenn Vater seine
AYeisen spielte , eine ganze Geschichte dazu denken musste .
Die Töne , die durch seine Seele schwebten , weckten
Träume , nahmen Formen an , wurden Leben . Er sah Ge¬
stalten vor sieh , er sah in ihre Gesichter , und sie erzählten
ihm , was in ihrem Herzen geschah . Er aber verstand sie
---- 0 . er verstand sie so gut !
Wenn sie weinten , er hätte gerne mitgeweint ; wenn sie
lachten --- Nein , nein . Wenn Vater spielte , lachten sie
nicht , und lachten sie ja einmal , bei einer Hochzeit , an
einem besonderen Freudentage , dann war das wie ein Er¬
innern an Verrauschtes , Verlorenes für alle Zeiten , ein Er¬
innern an etwas , das gewesen , ein leuchtendes Sein , ans
dem zugleich Muth und Trauer fliesst den ärmsten Seelen .
Zehn Jahre war er alt . Seine grossen schwarzen Au¬
gen blickten immer so erstaunt in die Welt , als ob sich
ihnen ein Wunder böte . Die dunklen Haare hoben nur
noch die Blässe des Gesichts . In der Schule sass er auf
der letzten Bank mit Nachharn , die ihm unangenehm wur¬
den , weil sie stets schwatzten und allerhand lose Streiche
ausheckten . Da er nicht mitthat , traf ihn ihr Spott .
Der gute alte Lehrer , der den kleinen Jimgen vom
ganzen Herzen liebte , denn er war folgsam und ordentlich ,
konnte es nicht verstehen , „ warum dem so jeder Ehrgeiz
fehle " . Er wurde ins Gebet genommen , wobei es Thränen
vor Eiihrung gab , aber — umsonst . „ Aus dem wird nun
schon , nichts imd er ist doch so ein guter Junge . "
IJeberaU wurde er „ der kleine Klesmer ' 4 genannt .
Manche legten eine gewisse Geringsehätzung in diese Worte ,
andere sprachen sie voll Mitleid . Er war still und . gedrückt ,
gieng den anderen Kindern aus dem Wege und fand nicht
Freude am fröhlichen Treiben seiner Kameraden . Zuhause
lag er im Hofe , blickte , den Kopf auf die Hände gestützt ,
in die phatastisehen Wolken , die über ihn hin wegzogen ,
licht und leuchtend , und träumte . In jedem seiner Träume
aber sah er sich mit der Fiedel in der Hand , und er spielte ;
die Leute aber , viele , viele Leute , alte und junge , horchten
auf seine Weisen . Und stille war es — eine Stille nicht
des Todes , sondern des verhaltenen Lebens vor dem Er¬
wachen , und in dieser Stille brausten seine Töne über die
Erde , mächtig und glühend , zündend und erweckend , stär¬
kend und befreiend . Es war so schön , so schön ! Er lebte
seinen Daseinstraum .
Sein Vater war Hausierer . Bei seiner Familie ver¬
brachte er nur die Feiertage , und die nicht alle . War Va¬
ter in der Fremde , dann lag die Geige im bestaubten alten
Kasten im Schrein . Der kleine Klesmer hätte für sein
Leben gern spielen mögen , aber Mutter gestattete es nicht .
Die Geige war etwas Kostbares , ein Familienstück , das sieh
von Vater auf Sohn vererbte . Man musste darauf ganz be¬
sonders gut achtgeben , und Kindern durfte sie nur ja nicht
überlassen werden .
Eines Abends kam ein Brief von Vater . Er schrieb ,
dass die Geschäfte gut giengen und wie er sieh darauf ,
freue , bald bei den Seinen einzutreffen , um längere Zeit bei
ihnen zu verbringen . Mutter war voller Freude , las den
ganzen Brief vom Anfang bis zum Ende dem Kleinen vor
und konnte sich an den schlecht und fehlerhaft geschrie¬
benen Zeilen nicht satt genug lesen .
Es war gar lange her , dass sie ein Lied gesungen , jetzt
kam es von selbst , schwebte ihr auf den Lippen . Ein Lied
war ' s , das sie als blutjunges Mädchen gelernt hatte ; es
schien um vieles älter als sie selbst . Vom König David
und von Jerusalem war drin die Bede \ mclv ^ fi . Messias 1 , ' dem
Erlöser .
Der Kleine sass in der dunklen Küche in einer Ecke .
Er sann und . sann und mitten in sein Sinnen schlägt das
Lied seiner Mutter ihm ans Ohr , greift ihm an die Seele
und verwebt sich in seine Träume . Die Wangen färben
sich ihm , er trocknet aufsteigende Thränen . Das Herz ist
ihm so voll , so übervoll . Er schleicht zu ihr hin , die seiner
in der Arbeit schon wieder ganz vergessen hatte , näher , im¬
mer leise wie ein Dieb . Zitternd fragt er : „ Mutter , wenn
Messias kommt , werden wir alle nach Jerusalem ziehen ? "
Die Mutter blickt zu ihm auf , in den Augen steht ihr
ein Lächeln . Und sie erzählt ihm , was sie darüber weiss ,
was sie darüber gehört und gelesen , was man ihr selbst als
Kind einst erzählt hatte . Der Knabe aber lauscht .
„ Mutter/ ' fragt er plötzlich , „ kann man das spielen ? "
„ Was ? Wie meinst Du das ? "
„ Dass — dass Gott uns liebt und Messias kommt und
wir nach Jerusalem wandern in unsere Heimat und der
Tempel Davids ------ — ' *
„ Du dummer Bub , Du ! " Sie fährt ihm zärtlich über
Ilaare und Wangen . Was für seltsame Ideen doch so ein
Kind hat !
„ Lass mich spielen — ---- ach , bitte , lass mich
spielen ! "
Sie wird stutzig . Es packt sie die Neugier , was wohl
daraus werden wird , AVenn sie ihm die Geige brächte — >
--- l T nd sie geht in die Stube , sperrt den Schrein auf
und bringt ihm die Geige .
Sein Athem gieng heiss und schnell , die Hände zittern ,
und wie im Schauer durchrieseltes seinen Körper . Bevor er
die Geige fasst , spreizt er , wie im Krampf , die Finger , dann
nimmt er sie , legt sie unter das Kinn , neigt den Kopf zui
Seite , gerade so , wie er es vom Vater gesehen und wie er es
in Vaters Beisein manchmal gemacht . Der Bogen fährt
leise über die Saiten und heisse Thränen rinnen dem Kna¬
ben über die bleichen Wangen .
Anfangs wollte Mutter lachen , dann aber wurde sie
still ; und als sie sah , dass er dabei weinte , füllten sich auch
ihr die Augen . Und mitten in Thränen mass sie „ den
Knirps " voll Bewunderung , Stolz und Liebe .
Was er da spielte , das waren Töne , verworren und .
wild und nicht geklärt . Aber manchmal klang es durch wie
der Seh merzen ssehrei einer aus vielen Wunden blutenden
Seele , eine schöne , fertige Melodie . Da , nun ein Bogenstrich
— eine schrille Dissonanz zerriss das ganze wieder . Xur
einzelne Töne waren rein und schön .
Er hatte sein Spiel beendet . Mit gesenktem Blick gab
er die Geige zurück , als müsste er sich darüber schämen ,
dass er gespielt . Mutter trug sie in die Stube , sie dachte :
„ Den Klesmern liegt es im Blut . Er ist ein Klesmer . ' *
Y < m nun ab durfte er spielen , so oft er wollte . Er war
darüber froh und kratzte den lieben langen Tag an der
Geige , spielte Lieder , die man auf der Gasse sang . Mädchen
kamen zu ihm und Hessen sich aufspielen . Bald liebte er
wieder seine Träume mehr als das Saitenspiel und war nin
mit vieler Mühe dazu zu bewegen , die Geige in die Hand
zu nehmen .
A / T ater war zuhause . Als ihm Mutter das Neueste von
seinem Sprossen erzählte , nahm er es wohl freudig , aber
doch bis zu einem gewissen Grade als selbstverständlich auf .
Er hatte es ja gewussi , dass es mit der Zeit so kommen
werde . Der . Kleine gerieth ganz ihm nach . Er hat ja auch
nichts lernen wollen ; und wozu , auch ? Das sollten nur
reicher Leute Kinder , die von vorneherein eine gesicherte
Zukunft haben . Er wird ein rechter Klesmer und ein
schlichter Hausierer werden und einst AVeib und Kind red¬
lich ernähren .
Vater lehrte ihn allerhand Lieder , die er bei . den Hoch¬
zeiten spielte, ' und ' ' f ' and ^ da ' ss/ ^ er Kleine „ ganz anstellig "
sei . Er dächte schon 1 daran ^ Geld beiseite zu legen , um eine