Nr . 29
„ Die $ Welt "
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billige Violine kaufen zu können . Auch mit seinem Weibe
hatte er schon darüber gesprochen .
Im Dorfe wohnte ein reicher Mann , der war dem
armen Klesmer von jeher feind gewesen und liess ihm , wo
es nur angieng , fühlen , dass der Reichste auch der Bevor¬
zugteste sei . Weiss Gott , woher des Mannes Widerwillen
kam ; der Klesmer war sich wirklich keiner Schuld bewusst .
Dieser Mann machte nun in nächster Zeit seiner Tochter
Hochzeit . Ein reicher junger Manu sollte sie heiniführen .
„ Es wird eine Hochzeit gehen , wie selten eine im
Dorfe . " Man redete 1 aligemein von den feinen Gästen , die
aus weiter Fremde kommen würden .
Der Klesmer strich über die Geige , übte die Hochzeits¬
lieder . Es handelte sich um seine Ehre , um seinen Ruhm .
Diesmal nmss es etwas ganz besonders Gelungenes werden ,
etwas Grosses , damit die Fremden vor Staunen Mund und
Augen aufreissen , damit sie seilen , was er eigentlich könne .
Er wartete darauf , dass der reiche Mann zu ihm mit der
Bitte kommen werde , er möge bei seiner Tochter Hochzeit
spielen . Er wartete , aber die Aufforderung kam nicht .
Schon war der Tag der Hochzeit bestimmt , die Frau des
Klesmer begann ihrem Mann schon gütlich zuzureden . Er¬
wartete noch immer . Es handelte sich ja um seine Ehre .
Dann wurden die Einladungen ausgeschickt , auch er bekam
eine ; aber die Aufforderung war nicht dabei . Das kränkte
den Klesmer sehr , obwohl er darüber mit niemandem
sprach ; das war eine bittere Enttäuschung .
Der Tag der Hochzeit . Es kamen viele , viele fremde
Gäste , mit ihnen auch der Klesmer , von dem es hiess , dass
er sich äusserst gut auf sein Geschäft verstände . Das ganze
Dorf war in Aufregung . Jeder wusste etwas zu erzählen ,
imd jeder etwas ganz besonders Interessantes .
Der Rabbiner hatte wunderbar gesprochen vom ehe¬
lichen Glück und von der Liebe zu Gott . Der reiche Mann
war zufrieden und stolz . Kun sollte die Tafel beginnen , der
man schon seit vier Wochen grosse Sorgfalt hatte an gedei¬
hen lassen . Das junge Volk aber umstand den fremden
Klesmer , der mit seiner Fiedel in der Hand , lachend
scherzte . Dann setzte er an und spielte ein Lied . Die Paare
drehten sich in hellem Tanz . Das ist der Tanz kraftbewuss -
ter Jugend , das ist der Tanz glühender Jugendfülle . Alle
versicherten , so etwas noch nie gehört zu haben .
Draussen aber stand der kleine Klesmer und lauschte
den Tönen , die durch das offene Fenster auf die Gasse
drangen . Er dachte an seinem V r ater zuhause , an den
reichen Mann , der seinen Vater tief in die Seele gekränkt ,
an den Fremden , der vielleicht nichts ahnend oder sich um
nichts kümmernd selbst bewusst das viele Lob einsteckte ,
das ihm hier aus freudigen Herzen ziitheil " wurde . Er
horchte , er horchte . . . . dann kam ihm ein Gedanke . Er
blitzte hell durch sein Trübsal ; der Gedanke packte ihn und
liess ihn nicht los , er bemächtigte sich aller seiner Sinne .
Dann eilte er , lief er nachhause .
Er trat in die Stube . Drinnen sass der Vater am Tische ,
den Kopf schwer auf die Hand gestützt , und Mutter am
Fenster strickte Strümpfe und redete von . den verschieden¬
sten Dingen des Haushaltes . - Der Kleine schlich zum
Kasten , stahl die Geige im geeigneten Moment und stürzte
unbemerkt wieder hinaus .
Er war so froh . Jetzt war er seiner Sache sieher , gam
sicher . Er dachte nicht anders , als dass Gott mit ihm sei ,
und . dass er über seines Vaters und seine Feinde siegen
werde , siegen müsse . Ja , Feinde waren es , die ihnen übel
wollten , die ihnen schweres Leid angethan . Jetzt aber
kommt die Vergeltung . Gott wird siegen . Siegen . . . die
Seele war ihm so leicht , so weit , so rein . Er lief dahin .
Noch immer tanzten die Paare , noch immer spielte
der Fremde die Lieder , toller und immer toller . Jetzt stand
der Kleine bleich und sich \ erschnaufeni in der Thüre , den
schwarzen Kasten in der Hand . Nun trat er ein . . ' Man " be¬
merkte ihn nicht , jeder hatte vollauf mit sich selber zu
thun . Er trat unter die Tanzenden , stellte den Kasten auf
die Erde , klappte ihn auf und entnahm daraus die Geige .
Man wusste nicht , was das zu bedeuten hatte . Es brach
sich der Tanz ; man gruppierte sich um ihn . Jetzt wurde
' man seiner auch an der Tafel gewahr .
„ Spiele , spiele, " sagten einige Bursche .
„ Ein lustiges Lied . "
„ Ein schönes Lied . "
Es wurde stille im Saal ; man war überrascht und ge¬
spannt . Der bleiche Junge aber hörte die vereinzelten Zu¬
rufe nicht , seine Seele war weit . Die Augen flammten , die
Wangen glühten , die schwarzen Haare In " engen ihm wirr
ins Gesicht .
Da — ein Ton -- jetzt noch einer und noch einer
— Wie sie zitternd dahinschwebten , bebten , lebten und
starben . Das war das Bluten einer verwundeten Seele . Es
schluchzten die Saiten vor tiefem Schmerz . Träume spannen
sich in der Luft ; verschlafene Märchen begannen sieh zu
regen , zu blühen , ihre stolze Pracht zu entfalten . Und über
ihnen das wehe Roth einer Sonne , die verlöschen will .
Es war still im Saal , eigenthümlich still .
Dann war der letzte Ton verklungen , sterbend , nach¬
zitternd , leise und weh , ein gebrochener Seufzer .
Er senkte die Geige und sah sich um . Man klatschte
in die Hände , Juan jubelte . „ Noch eins , noch eins ! k £
Er aber dachte an seinen Vater , an seine Mutter . Er
hatte erwartet , dass etwas kommen müsse , etwas , auf das
er gehofft und dem er keinen Namen geben konnte , geben
durfte , dass sich etwas ereignen müsse , ereignen in des
Wortes wahrster Bedeutung . Nichts von alledem . Das war
dasselbe wie sonst , wenn Vater die ; Geige führte . Wissen
sie denn nicht . . . . ? Ahnen sie denn nicht . . . ? Und
er hat ihnen doch gegeben , was er besass . . Vlies , alles , seine
Träume , seine Hoffnung , sich selbst ohne Vorbehalt . . a .
Er legte die Geige in den Kasten . Man wollte ihn nicht
fortlassen , hielt ihn zurück . Die Mutter der Braut kam mit
Wein und Bäckereien . Kaub riss er sich los und stürzte
hinaus . Die frische Luft that ihm so wohl . Langsam rannen
ihm Thränen , die er nicht wegwischte .
Briefkasten .
Gesinnunflsgenossen ! Agitiert ausAnlass des kommenden
Sukkoth - Festes beizeiten für Pal ästiti a - Et hrogim .
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H . St . , Märamaros - Sziget . Nicht uninteressant , aber zu
viel Reflexionen , zu wenig Thatsachen . Versuchen Sie es
mit einer neuen Einsendung . Zionsgruss .
B . S , Lubicz , Gouv . Plotzk . Bios von localem Interesse
daher unverwendbar . ;
M . L , Vajdäeska . Die Blocks sammt den Schekelgeldern
wollen Sie gefälligst an das Secratariat des Congress -
Bureaus senden , wenn Sie die Blocks von dort erhalten
haben . Bezüglich ihrer übrigen Fragen sind wir leider
nicht in der Lage , Ihnen Auskunft ertheilen zu können .
Ch . K . , Nadvörna . Wegen eines Redners wollen Sie sich
gefälligst an den Präsideuten des Districtscomites für
Galizien , Herrn Dr . Adolf Korkis in Lemberg wenden .
„ Zion " , Podhajce . Ist uns nicht bekannt .
M . Gr . , Tapolcsäny . 1 ) Ein solches Sprachbuch gibt es
leider noch nicht . Gute wissenschaftliche Grammatiken sind
d < e von Gesenius - Krautzsch und von Strack .
2 ) Bibliothek der Gesammtliteratur des In - und Auslandes :
Des FJavius Josephus „ Jüdische Alterthümer " und „ Ge¬
schichte des jüdischen Krieges " . Durch jede Buchhandlung
zu beziehen .
D . K . , Stanislau . Leider unverwendbar .
Correspondenz der Administration .
Maler Okinjn Paris , wird um Mittheilung seiner
Adresse angegangen :