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„ Die & Welt "
Nr . 31
Sturm .
( Au * dem Jüdischen des Morris Rosenfeld übersetzt von Berthold
Feiwel . )
( Nachdruck verboten . )
Der höllische Sturm rast übers Meer .
Hoiho ! Wie er nach Beute lechzt !
Ein Schiff ! Drauf los ! Doch das setzt sich zur Wehr ,
Es biegt sich und bäumt sich und stöhnt und ächzt .
Es krachen die Masten, , wild ilattern die Segel ,
— Jetzt fliegt es vorbei an dem tödlichen Iii ff —
Sie kämpfen und streiten und raufen und ringen
Auf lieben und Tod , der Sturm und das Schiff .
Jetzt muss es sich ducken , jetzt muss es sich stellen ,
Jetzt treibt es zurück , jetzt treibt es voraus ,
Jetzt ist es nur noch ein Spielzeug der Wellen ,
Die Wasser verschlingend und speien es aus .
Es braust die See , auffliegen die Wogen ,
Es dampft und kocht und siedet der Grund ,
Blut will der höllische Sturm , der Mörder ,
Ein grausiger Abgrund reisst auf seinen Schlund — — —
Da . hört man ein Jammern , . ein Schreien und Weinen .
— Entsetzlich die Angst und schaurig die Noth —
Jedwedes betet zu seinem Gotte :
„ Rette uns , rette uns , Herr , vor dem Tod ! u
Da wimmern die Kleinen und klagen die Weiber ,
Und jedes bekennt voll Ben 1 seine Schuld .
Es zittern die Leiber , es flattern die Seelen :
„ Erbarme dich unser in Deiner Huld ! " . . . .
Dort unten , im Zwischendeck , nebeneinander
Sitzen zwei Männer , ruhig und stumm .
Sie sinnen nicht Rettung , sie sitzen schweigend ,
Als war ' es heiter und friedlich ringsum .
Sie schauen dem Tode kühl in die Augen ,
Sie rührt nicht des Sturmes teuflisene Macht ,
Es ist , als hätte der Tod sie geboren
In schreckensharter , finsterer Nacht .
Es brüllt die See , auffliegen die Wogen ,
Der Sturmwind hält heulend sein Schreckensgericht ,
Es schnaubt der Kessel , es zischt im Kamine ;
Sie schweigen und schweigen und rühren sich nicht .
Wer seid Ihr , Ihr Armen ? Sagt doch , wer seid Ihr ,
Die schweigen können in qualvollster Noth ,
Die keine Thräne , kein Angstwort finden ,
Indes seine Thore öffnet der Tod ?
Sagt , haben Euch wirklich Gräber geboren ,
Habt Ihr nicht Eltern , nicht Weib und nicht Kind ,
Nicht einen , dem — kehrt Ihr nicht wieder —
Eine Thräne aus dem Auge rinnt ?
Und habt Ihr nicht ein Stückchen Heimat ,
Kein freundliches Stübchen im Vaterhaus ,
Dass Ihr das Leben schweigend verachtet .
Und schweigend ins Aug ' seht dem Todesgraus ?
Habt Ihr denn keinen im Himmel droben ,
Zu dem Ihr betet in Noth und Gefahr ,
Kein Land , kein Volk , zu dem Ihr gehöret ,
Kein Haus , keinen Herd und keinen Altar ? "
Tief gähnt der Abgrund , auffliegen die Wögen /
Es krachen die Balken , die Leiter bricht ,
Es brüllt die See , es heulen die Winde ,
Und einer von den zweien spricht :
„ Uns hat nicht der schwarze Friedhof geboren ,
Und uns ' re Wiege war nicht , das Grab ,
Uns schenkte ein guter Engel das Leben ,
Und Liebe und Treue uns 1 zärtlich umgab .
Eine theure Mutter hat uns erzogen
Und hat uns voll Liebe ans Herz gedrückt ,
Uns küsste und koste ein gütiger Vater
Und hat uns voll Lust in die Augen geblickt .
Wir hatten ein Haus — doch das Haus ist zerbrochen ,
Und unser Heiligstes hat man verbrannt ,
Das Liebste und Beste verwandelt in Knochen ,
Die Letzten grausam gejagt aus dem Land . .
Ö , unser Land , es lässt sich erkennen ;
Die Spuren sind da von Elend und Noth ,
Von wilden Hetzen , von Sengen und Brennen ,
Von Judenverfolgung und Judentod .
Und wir sind Juden , armselige Juden ,
Ohne Freund , ohne Freud ' , ohne Hoffnung auf Gluck ,
Fragt uns nicht mehr ! - — Doch wollt Ihr es wissen :
Amerika treibt uns nach Russland zrrück .
Es treibt uns dahin , woher wir geflohen
— Wir sind ja nur Juden und haben kein Geld ! —
Doch nun , was sollen wir noch erhoffen ?
Was soll uns das Leben , was soll uns die Welt ?
Ihr habt wohl Grund zum Weinen und Beten
Und mögt Euch entsetzen vor frühem Tod ,
Habt alle ein Heim , darinnen zu wohnen ,
Euch jagt übers Meer nicht die grausame Noth ,
Doch wir sind verloren , verlassen wie Steine ,
Die Erde gibt uns kein Fleckchen frei ,
Wir fahren . Doch keiner erwartet uns drüben ,
Vielleicht wisset Ihr , wohin fahren wir zwei ?
Mag ' s brausen und brüllen und sieden und kochen ,
Mag ' s stürmen und stürzen um uns her ,
Wir sind verlorne , verlassene Juden —
Unsere brennende Wunde löscht nur das Meer " . . .
Bücher und Zeitschriften - Rundschau .
HäcbcHßinlaaf .
„ Charter . " Von Prof , G . A . ßelkowsky . Warschau
1901 . Verlag „ Achiasaf / ( Russisch . )
„ Generationen und ihre Bildner . " Ein Essay von Grete
Meisel - Hess . Verlag von Dr . John Edelheim , Berlin W . 1901 .
*
Unter dem Titel „ The St . Louis Zionist " ( t ßp
tDD " WX * 1J ? D ^ 1 ) ) erscheint seit kurzem in St . Louis eine
Monatsschrift „ für die allgemeinen zionistischen Interessen " ,
die von dem dortigen Vereine „ Benei Zion " herausgegeben
wird . Die erste Nummer der neuen Zeitschrift weist einen
reichen Inhalt auf und lässt uns hoffen , dass das Blatt die
Agitation unserer Gesinnungsgenossen in St . Louis sehr
wirksam unterstützen wird .
Von unserem italienischen Bruderblatte „ La Idea
Sionista " ( Modena ) ist soeben eine Doppelnummer ( 5 — 6 )
erschienen . Dieselbe enthält zwei sehr lesenswerte Artikel
über den Empfang Dr . Herzls beim Sultan , ferner eine
Chronik der jungen , aber aufstrebenden Bewegung in Italien
und interessante Aufsätze allgemein jüdischen Inhaltes .