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den eine normale Entwicklung voraüssetzen könnten . Das
aber ist bekanntlich nicht immer , ja häufig nicht der Fall .
Die angekränkelten , bereit ? verzogenen oder auch nur
schwankenden Gestalten pflegen uns tausenderlei Mühen zu
bereiten ; ja oft peinigt uns ein einziger Junge mehr als
eine ganze Claffe - Es werden durch die mißgeleiteten und
geradezu verzogenen Kinder Correctionen und Strafen nöthig ;
nicht bloß der natürlich » Leichtfinn der Jugend , nein , auch '
schon ihre vereinzelte Verdorbenheit und Verstocktheit ver -
urtheilt uns zu einem Mederbeugen , wodurch der Schwer -
purckt unseres Gemüthes auf kurze oder längere Zeit hin -
und hergeworfen wird .
Jngleichen entmuthigt uns nicht selten die Resultat -
lofigkeit unserer Ermahnung , unserer Führung , die uns
häufig gerade dann entgegenzutreten pflegt , wenn wir nach
allen anfänglichen Anzeichen des Erfolges unserer Thätig -
keit am fichersten sind . Ja , wer an der Spitze eines er¬
ziehlichen Ganzen , steht und sich um dieses Ganze bis ins
Einzelne hinein bekümmert , wird von tagtäglichen schweren
Anfechtungen der Art zu erzählen wissen . Froh und heiter ,
wohlpräparirt und wohlgestimmt , ja mit den begeistertsten
Vorsätzen angefüllt , betritt - der Dirigent - am frühen Morgen
seine Werkstatt . Er hat die Alltagsschuhe irdischer Sorgen
und Erwägungen ausgezogen ; denn der Ort , wo er steht ,
erscheint ihm als ein , heiliges Land . Da plötzlich dringen
laute Mißhelligkeiten auf ihn ein ; Klagen ertönen von ver¬
schiedenen Seiten über die strauchelnden Gesellen , die sich
von der Macht des Geistes und der . Ueberzeugung nicht
leiten lassen wollen : Anfragen bei schwierigen Fällen find
zu beantworten — * Unangenehmes häuft sich zu Unange¬
nehmem . Dahin ist die - Uneingenommenheit des Kopfes ,
dahin find Frohsinn und Heiterkeit . Und dennoch find diese
verschwundenen Genien festzuhalten ; denn der erste Schritt
ins Klassenzimmer ist schon ein verfehlter , wenn er von
ihnen nicht begleitet wird . Woher neu wieder schaffen ,
was momentan verlören . gegangen war , verloren gehen
mußte ? Durch nichts weiter , als durch den allergrößten
Grad der Selbstbeherrschung . Er ist der allergrößte Grad ;
denn leichter ist ' s , die herumirrenden und irrlichterirenden
Gedanken wieder auf einen Punkt zu richten , dem schwanken¬
den Willen eine bestimmte Bahn anzuweisen , als die Wogen
und den Sturm des Gemüths zu beschwichtigen , jener '
dunkeln Tiefe unseres seelische « Lebens , die der Dichter sehr
treffend mit dem Meere vergleicht , mit seinem Sturm ,
seiner Ebbe , seiner Fluth . Diese Aufgabe zu erfüllen , ist
das Sauerste und Anstrengendste im Erzieherleben . Ihr
Menschen außerhalb der Schulräume urtheilt gar häufig
über die Thätigkeit der - Männer , die innerhalb derselben
stehen ; haltet fie für zu wichtig oder unwichtig , für zu
poetisch oder zu prosaisch , für zu leicht oder für zu schwer .
Wisset denn ihr , die ihr unsere Arbeit eben für keine allzu
leichte haltet , daß ihr anstrengendster Factor nicht zu suchen 1
ist in der geistigen Arbeit , die uns reichlich zugemeffen ist ,
nicht in dem fortwährenden Gebrauch der Lungen und der
Stimmbänder , sondern vor Allem in den unausgesetzten
Schwingungen und Exaltationen des Gemüthes und in der
unumgänglicben und dringenden Aufgabe , Wind und Wellen
des inneren Lebens ' eben so oft , eben so schnell wre ent - .
schieden und erfolgreich Schweigen und Ruhe zu gebieten .
Des Erziehers Seele muß nach des Dichters Wort stets
„ im glatten Bette das Wiesenthal hinschleichen , und in dem
glatten See müssen ihr Antlitz weiden alle Gestirne . " Je
mehr er die schwerste aller Lebensproben , die Selbstbezwingung ,
bestanden , um desto mehr leuchtet auch in seiner Seele das
Ewige und Unvergängliche , erhebt ihn dauernd über das
Zeitliche und Vergängliche und alle zeitweilige Jrmmerhaf -
tigkeit des Lebens und der einzelnen Menschen . Das ist
der Frieden , den die Welt nicht gibt , nach dem aber der
Erzieher zu ringen hat , als nach 1 > er köstlichsten Palme .
Und sieht er auch , wie die Welt nach vielen Seiten hin
gar wenig eingerichtet ist nach denjenigen Idealen , die er
seinen Zöglingen vorhält ; ja muß er auch erleben , daß
Manche , die zu seinen Füßen saßen , andere Wege wandeln
als die , auf welche er hinwies : er wird stets von einem
Glauben beherrscht und belebt , von dem er nimmer lassen
kann ,
» Von jkNkm Glauben , der sick , stets erhihtcr ,
Kalo kühn hrroordrängt , bald geduldig schm egt ,
Damit das Gute wirke , wachse , fromme ,
Damit der Tag dem Edlen endlich komme . "
Diesen Glauben müssen wir erwerben und behalten .
Ec gründet sich auf die Ueberzeugung von der hohen Ab¬
kunft der Menschennatur , von dem Seelenadel unseres Ge¬
schlechts , der da berufen ist , sich immer schöner zu entfalten .
Letztere Ueberzeugung thut uns in allen Fällen noth , auch
den irrenden und schwankenden Gestalten gegenüber . Wir
dürfen unter keinen Umständen das Vertrauen zu ihrem
besseren Selbst und die Hoffnung aus den entschiedenen
Sieg desselben verlieren , so oft diese Hoffnung ailch von
einzelnen Individuen getäuscht werden mag . In unserm
Eifer für das Gute unserer erziehlichen Aufgabe überhaupt
und das Wohl eines Irrenden und Fehlenden insbesondere
lassen wir uns sehr leicht zu voreiligen und zu harten Ur -
theilen , zu einer gewissen Schwarzmalerei Hinreißen , und
wiederum sind wir zu entzückt und zu sicher Anderen gegen¬
über , die unsere Anerkennung verdienen . Ja , es gibt ex¬
centrische Gemüther unter den von Hause aus zur Er¬
ziehung berufenen Gemüthern , welche die kleine Schaar , die
ihrer Leitung anvertraut ist , eintheilen in Engel und Teufel ,
denen sogar ein und derselbe Mensch heute pechschwarz ,
morgen schneeweiß erscheint . Der junge Mensch ist in der
Regel weder ein Äusbund im Guten noch im Schlechten ,
sondern so eine Art Mittelding und angethan mit dem
Vemögen steten Forschritts nach der guten Seite hin . Sieht
man ihn also klar und ruhig an , so trifft man im Ganzen
das Richtige . Die eben erwähnten ercentrischen Gemüther
verhauen sich gar leicht in Betreff ihrer erziehlichen Ma߬
regeln . Sie brechen , wo sie nur biegen sollen ; sie vereiteln
und erregen den Dünkel , anstatt das moralische Selbstge¬
fühl zwar wirksam , aber doch mit Maßen zu heben . Den
Menschen zu brechen , d . h . ihn innerlich zu verwunden , sein
Ehrgefühl abzustumpfen , seine Lust zur Arbeit an dem
innern Menschen , seinen sittlichen Muth zu hemmen oder
zu lähmen , ist gar leicht ; jeder einigermaßen kräftige nnd
consequente Mann kann dieses leidige Werk mit geringer
Mühe und in unglaublich kurzer Zeit vollbringen . Schwer
aber ist ' s , jener Devise zu folgen , die an der Spitze dieser
Arbeit steht . ES ist dazu zunächst erforderlich , eine große