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Tu ' Lehrer Mährens stehen nicht vereinzelt Es mögen ,
soviel wir uns erinnern , etwa 5 — 6 Jahre sein , als ein
ähnlicher Kampf an irgend einer Provinz Deutschlands ent¬
brannt war ; — und " die jüdischen Lehrer waren fast ein¬
stimmig iür die Beibehaltung . der Schulaufsicht durch den
Ortspsavrer . Es wurde die Ansicht , bei der Aufsicht des
Pastors zu bleiben , selbst in jüdischen Organen verfochten .
Welche Gründe können die Lehrer hiefür Vorbringen ?
1 ) Unter unseren jüdischen Gemeindegliedern sind im
Allgemeinen leider nur wenige oder gar kerne hinlänglich
Gebildete , so daß sich von diesen ein segensreicher Einfluß
aus die Gestaltung des Schullebens nicht ' . erwarten ließe .
Ungebildete Schulvorsteher aber würden der Schule nur
Schaden bringen und deren freie Entwicklung hemmen .
Das Amt eines Schulvorstehers würde von denjenigen un¬
serer Gemeindemitglicder , welche die meisten Chancen haben ,
bei etwaigen Wahlen das Feld zu erhalten , gleichsam als
eine Aöthigung betrachtet werden , dem ' Lehrer mit oder
ohne Grund als Gegner , ja selbst feindlich gegenüber zu
treten , ui den Ausgaben für Schulzwecke zu sparen , ja zu
geizen , den Lehrer zu chikaniren , ihm seine Unterordnung fühl¬
bar zu machen , ihn als als Bediensteten , zu betrachten .
2 ) Der christliche Schulvorsteher , der Pfarrer , hingegen ,
betrackt - . t die mit seinem Amte verbunoene Aufsicht über
die jüdische Schule nur als ein lästiges Nebenamt , für das
er in den meisten Fällen nur ein sehr geringes Interesse
hat . Er läßt daher den Mischen Lehrer , wo die Behörde
nicht formell nöthigend eintritt , ungeschoren . Was kümmern
ihn die nicht seiner Seelsorge anempfohlenen Minder ? In
seinen Augen find die Juden den Gliedern seiner Religions -
Gemeinde an Bildung und Bildungsbedürfnis uns selbst an
Anspruch auf Bildung untergeordnet , er ' verachtet den Ju¬
den - - achtet ihn mindestens nicht als ebenbürtig , und ist
daher gegen die Hebung , das Fortschreiten der jüdischen
Schule , im Ganzen , gleichgültig . Er betrachtet den Religions¬
unterricht als den ' einzig wichtigen Theil des Schulunter¬
richts überhaupt , alles Andere , alle die hohen Anforderungen ,
die die weltliche Bildung " und Erziehung an den Lehrer
und die Schule stellt , läßt ihn — auch in der ihm unmittel¬
bar uirlergebeneu Schule feiner eigenen Konfession , gleich -
g ültig — , wenn er nicht diesem „ Tand der Kinder der
Welt ^ * ) feindlich gegenüber tritt . Da er nun den Religions¬
unterricht in der jüdischen Schule nicht beaufsichtigt , nicht
beaufsichtigen kann , was bleibt ihm eigentlich » roch zu be¬
aufsichtigen übrig ? Er ist dem jüdischen Lehrer hold ,
ist ihm gegenüber leutselig , betrachtet ihn , der sich ihm
dienstlich untergeordnet fühlt , als eine gebildete Ausnahme
unter den Juden , zieht den mit einigem theologischen Wissen
ausgerüsteten jüdischen Lehrer gewissermasien mehr an sich
als die christlichen Lehrer , die , ihm mehr untergeordnet ,
oft in gespannten Verhältnissen mit chm leben . Wie konnte sich
der jüdische Lehrereinen freundlicheren Schulaufseher wünschen ?
3 ) Es bleiben noch die Rabbinen zu berücksichtigen .
Allein abgesehen davon , daß in den Ländern , von welchen
hier vorwiegend die Rede ist , die Rabbiner noch meistens
ohne alle regelmäßige Schulbildung sind , und abgesehen da¬
von , vaß diese zur örtlichen Schulaufsicht * * ) schon deßhalb
' © antra # ' " ~
" ) Dax man bei uns Vieser öriltcken Lchnlinspekttou entgegen ist ,
an diren . L - Ne in den ankeren Schnldesetzzebunzen einen Lthnlraih
van vielen Mitgliedern setzt , in de « anch der Sebrer Sitz und Stimme
bat , kann vier nid - t : r Betragt kommen . —
sich nicht eignen , weil sie als Kreisrabbiner eben nur in
einer Gemeinde , nicht in allen Orten ihres Sprengels , sein
können kommt hierzu noch die Abneigung gegen die Aufsicht
durch diese Männer , die Opposition gegen den Rabbiner¬
stand , die an der Tagesordnung ist und überall hervortritt ,
die Rivalität zwischen Rabbiner und Lehrer , die Partei¬
zwistigkeiten innerhalb des Judenthums , der Mangelan Or¬
ganisation in den jüdischen Gemeinden n . i . s . in Betracht .
Wir haben allen diesen sehr vagen Gründen nur wenige ,
aber wie wir hoffen , entscheidende Worte entgcgenzusetzen .
Heilige Grundsätze oiüffen den Mann , müssen den
Lehrer in seinem beil - . gen Berufe leiten . Nicht das ihm Zu¬
sagende und noch weniger das ihn seinen Beruf Erleichternde ,
aber demselben in seinen tieferen Beziehung Schädliche darf
ihn führen . Wenn daher sü die jüdische Schule eine Be¬
hörde bestehen soll , die den Lehrer nicht allein zu beaufsichti¬
gen und die Ausführung einer Aufgabe zu überwachen
hat , sondern die ihn auch gegen gar Mancherlei schützt
und stützt , so muß - diese Behörde von demselben heiligen
Interesse für das Heil der Schule durchdrungen sein , wie
der Lehrer selbst . Ist ein solches Interesse von dem Stande
vorauszusetzen , der amtlich im Gegensatz nicht allein zur
Religion des Judcnthums , sondern auch zu Allem steht , was
deu Fortschritt , das geistige und materielle Wohl der Mensch¬
heit , die freiheitliche , naturgemäße Entwicklung des Kinves -
und Menschengeistes bedingt ? Die ganze civilistrte Welt
ist gegen diese Priesterkaste im Kampfs — einzelne rühmliche per -
sönliche Ausnahmen können hier nicht in Betracht kommen ,
wo es sich um verwerfliche Grundsätze , welche die Grund¬
gesetze des Stande sino , handelt ; — und wir , die jüd .
Lehrer , die Lehrer jüdischer Kinder , die wir erziehen sollen
zur reinen Eckennlniß oec Wahrheit , sollen uns frei¬
willig diesem Stande unterordnen , nicht nur uns , sondern
unseren heiligen Beruiskreis , für den wir Gott verantwort¬
lich sind , über den wir gesetzt sind als Hüter und Wächter ?
Sollen diese Mäimer , die grundsätzlich die Gegner unseres
Wirkens sind und sein müssen , zu Leitern und Unterstützern
unseres hl . Werkes heranziehen ' Wißt Ihr denn nicht ,
Ihr Lehrer Israels , daß diese Männer durch das Gesetz
ihrer Kirche , das täglich durch die Anordnungen ihrer höheren
Behörde als das alleinige Gesetz ihren Gewissen eingeschärft
wird , diese Eure Kinder eigentlich zu rauben verpflichtet
sind , um sie der Taufe zu überantworten ? Wie könnt Ihr
von denjenigen unpartheiische Pflege einer Schule verlangen ,
die die jüdische Schule als Trägerin des religiösen Fort¬
schritts , als Verkünderin der Gewissensfreiheit , als Trägerin
des Einheitsglaubens zu verfluchen verpflichtet sind ?
Und die evangelischen Geistlichen ? Wir wollen nicht
behaupten , daß die Gesetze dieser Kirche Aehnliches vor¬
schreiben ; aber — wie viele Tausende gibt die evangelische
Kirche jährlich zu Judenmissionen aus ? Wie viele Juden -
miinonsstätten — Seelenfangnetze — gibts auch m Deutsch¬
land ? — Wer schaut dem Manne ins Herz , der eben mit
reundlichem Lächeln in Euren Schulsaal tritt , „ Christi Liebe "
auf den Lippen !
Es ist noch nicht vorgekommen , daß einer von diesen
Männern etwas gegen unsere Religion gethan oder ge¬
sprochen hätte , sagt Ihr .
Wirklich ? WerbürgtEuch dafür , daßesnoch jetzt nicht , daß
es nicht später geschieht ? Und ist auch sein Wirken » icht offen
gegen Euch , so ist ' s doch auch nicht offen und vollfürEuchl